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Die Wahrheit · 1922-10-12 · Heft 20 (12.10.1922) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 20 (12.10.1922)
Date
1922-10-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. Ltz i; Die WatzrhM Leite 6 als Gottesschatz gepriesenen Güter geziert sind, sehnsuchtsvoll gen Himmel emporstreckt. Ms diese sieden Lichter weisen die sieben Dezennien hin, ans welche Oberkautor Jakob Bauer ans dem Gesichtswinkel seines nunmehrigen Ruhestandes mit Stolz und Genugtuung zurückblickt. Die schönsten Besitztümer: Glaube n s t mie gepaart mit Würdigung der Zeitverhäljnisse^), Geistesstärke, Hilssberei<t!schast, Kunstsinn, ldas^Streben nach Erkenntnis, sowie Gottessurcht waren die steten Begleiter und Stützen seines bisherigen Löbens, *die voranschreitenden Engel, auf den Pfaden, die er wandelte. In diese Erscheinung getaucht erfüllt der Stift des Zeichners eine dankbare Aufgabe, wenn er anläßlich des siebzigsten Geburtstages dieses vielseitigen, wackeren Mannes das festhält, was an ihm der Oesfentlichksit angehörte: den Kantor und Publizisten. Hegel, dessen Philosophie eine geistige Macht geworden und dessen „absoluter Idealismus" großen EiUfluß auf spätere A esth'eti k er ausübte, erblickt in dem Kunstschönen die Vervollkommnung des hinter der Idee zurückgebliebenen Naturschönen. Die Kunst soll der Natur gegenüber nach höherer Vollendung streben. Während aber die Griechen die Kunst nur als eine schöne „Nachahmung"^) der Natur verherrlichten, antizipierte das alte Judentum den erwähnten höheren Begriff. Der jüdischen Mffassung genügte es nicht, daß die Kunst das innerlich Gewonnene festlege, sie sah schon vor mehr als dreitausend Jahren in der Kunst die Fertigkeit, in f r e i e r Gedankenarbeit?) das Erkannte n engest alte nd wieder zu gebären. Dem jüdischen Denken war die Kunst .die den Künstler?) in das hohe Gebiet dB Idealen führende Gabe der Umgestaltung des Realen, das Können, das bis zur höchsten Vollkommenheit reichende, ungebundene Umarbeitung?) des Wirklichen hervorbringt. Im Geiste diese/ auf hohem Piedestal stehenden altjüdischen Begreifens hat' Jakob Bauer als Kantor gewirkt. Unterstützt von einer Kehle, deren 'Schwingungen, — Milde atmend, Erbauung, Erhörung und Versöhnung heischend —, die Stimme der Demut und Ergebung, den echten „Jakobston" ^) erzeugten, gab die Fenerflamme der Begeisterung, die in ihm lolbevte,^) seiner Leistung an heiliger Stätte die gestaltende Kraft. -Er war immer Schöpfer — nie Nachahmer, immer empfindende Seele — nie Maschine, immer Erbauer — nie Schablone, immer Künstler —nie Nachbeter. Jedesmal wenn er „vor den Tisch, an dem man vor Gott stcht" trat, lebte fein Geist wieder «uf°), bot er den Reiz der Neuheit, drang aufstrebendes Empfinden in sein Herz, vermochte er im Weinberge seiner Gedankenfülle die reichsten Beeren zu lesen, formte er das gefundene Jdeenmaterial zu einem festgefügten Neubau. Im Glanze dieses Vermögens mußte es ihm glücken, die vor seinem Wirken in Wien den sephardrschen Gottesdienst kennzeichnende Monotomie zu bannen, dem toten Buchstaben des Gebetbuches frisch pulsierendes Leben, dem vorgedrnckten Gebetnmster den verjüngenden a) Emunas ittceho. •) Mimesis, in PIcttvs PhädroS und in AriswteteS Poetik und Physik; vergl. ZUler, Phylosophie der Griechen. ®) Wäeches mamaschewes. ®) Chachom lew. 7) Ehoschewe maschaschowos. Hakol kal Jacckow. . * * 8) Wajrwar bqaakow keesch lehowvh. ") Wiävchi ruach Jaakow. Gefühlston einzuhauchen,seinen Gott zu versöhnen, sein Publikum zu erbauen, seine Mission voll und ganz zu erfüllen und des Ehrennamens „Scheliach ZMmr", das ist „Vertreter der Gemeinde" immer würdiger zu werden. . Wirkte er aber als Kantor immerhin nur für je eine Gemeinde, als Publizist, als Begründer der „Kantor en-Zeitnng", war er Gemeingut seiner Berufsgenossen, und eben deswegen der großen jüdischen Gesamtheit. Nachdem sein Kennerblick in die geheimsten Falten feer Herzen seiner Kollegen geschaut hatte, schuf er ihnen mit diesem Blatte ein Arsenal für geistige Kämpfe, ein Forum zur Geltendmachung ihrer Herzenswünsche, ein Zufluchtsort in ihrer Schicksalsschwere, ein Echo ihrer Freuden, eine Fundgrube für Belehrung, einen fruchtbaren Nährboden für wichtige Anregungen in Fragen ihrer Kunst. Ihn krönt mithin der Ruhm, seinen Amtsbrüdern und Kunstgenossen in diesem Blatte der treueste Helfer gewesen zu sein. In. dem Kranze, der an dem Tage seines siebzigsten Wiegenfestes sein Haupt schmückte, prangt aber auch ein Ruhmesblatt, welches dem Judentum und der Judenheit kündet, daß ec es war, der mit seiner Zeitung das Feld, in das der Same für eine künftige Wissenschaft desjüdischen Kantorates gesenkt werden konnte, urbar machte. Es /ist nicht seine Schuld, daß das Gebäude, das die Kultusgemeinde dem jüdischen Kontorentnm errichteten, auf schwankenden Säulen ruht, und daß deshalb das Schiff, das er für einen bestimmten Hafen zimmerte, in ein anderes Fahrwasser, gesteuert wuchst. Seine Tat war vielversprechend und heilverkündend, so bedeutend, daß es dem EingewiÄhten fast wirb, als hätte der Exeget seiner Geburtstags-Sidwah auch auf Jakob Bauer das Wort geprägt: „Und es ward Morgen, das ist Jakob""). Nun ist er zum Siebziger avanciert. Der Philosoph Philo bezeichnet in seiner Zcchlensymbolk die Zähl Siebzig als das Symbol derer, die sich Gott weihten"). Das jüdische Schrifttum hingegen vergleicht den Siebziger .mil jenem Tiere, das als das Prototyp d>er Nachahmung gilt"). Bauer sicht diesen Doktrinen erhobenen Hauptes in's Gesicht. Er gehört nicht zu jener Menschenklasse, die »erst im Atter") ihr Leben Revue passieren läßt und dann konstatieren muß, daß alle ihre Handlungen .eitel Wiederholung und Nachahmung waren. Ihm halten seine Siebzig einen anderen Spiegel vor: die erhebende Genugtuung, sein Leben einem Dienste geweiht zu haben, der von dem Lichte einer erhabenen, gütlichen, weil stets Neues schassenden Kunst umfassen war. Die heilige Schrift hat die Siebzig zur Grenze des menschlichen Alters gemacht"). In der alten Literatur der Inder wird jedoch die natürliche Lebensdauer mit hundert Jahren angegeben"). Der Ausgleich dieses Grenzstreites liegt m der Tatsache/ daß man vor Ausnahmen die Regel nicht sieht. Jakob Bauer, der, wie seine Rüstigkeit beweist, auch die K u n st z n l e b e n verstand, wird hoffentlich seine Zukunft ganz dieser Kunst widmen. Er wird dann voraussichtlich eine Ausnahme der Ausnahmen bilden, nämlich **) Midrasch Rabba Bereschis. .» . 1 ") Philo, de migratione Abrahaml. 13) Ben schiwim domeh lekus. , fe > > ") Ben schiwim lesiknoh. /! ») Psalm 90, 10. ") In dem „Upanischad" genannten Telle der „Brahmana" (Theologie) des „Weda" (heiliges Mssen). Schopenhauer akzeptiert in seiner Abhandlung „Vom Unterschiede der Lebensalter" diese indische Weisheitslehre in Begleitung von Ausdrücken der Rohheit gegenüber dem Judentum?. . . .

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