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Die Wahrheit · 1922-10-12 · Heft 20 (12.10.1922) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 20 (12.10.1922)
Date
1922-10-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 20 Ban «den Freuden der heutigen Menschheit gilt dies Pisalmisten Wort „Chawal imno fein 11 baneim im", sie sind, weit entsernt der Widerhall wahren Glücksgefühls zu sein, vielmehr nur eine Ausdrucksform der Verzweiflung, ein Mittel der Betäubung. Menschen, deren Inneres dem aufgewühlten Meeresspiegel gleicht, Menschen, die wie die heutigen voll Unrast und Unruhe mit zerklüftetem Herzen und zerrissenem Gemüt tzjleich BeitirUnlkenen öilnlhertorkeln, sind außer Stande, das Gebot unseres Festes zu erfüllen „sei nur fröhlich". Es fehlt der Freude dasjenige, was als stamm- und wahlverwiandtss Korrelativ zu d'ör sinnlichen Freude hinzutreten muß, um sie zu einem. wahren Glücksgesühl p. -erheben: „Der Friede"?) II. Wenn mir die Aufgabe gestellt würde, Schülern einer höheren Mittelschulklafse das Gefühl der durch wahren Herzensfrieden 'geweihten Freude zu beschreiben, ich zögerte keinerl Augenblick, ihnen zu sagen: Befolgt das Gebot der Tora „In Hütten sollt Ihr wohnen 7 Tage". Denn in dieser, aus -einigen Brettern gezimmerten Hütte waltet ein Geist, herrscht ein Leben, ein Denken' und Fühlen, die in wohltuendem Gegensatz stehen zu dem, was die moderne Welt unter „Leben" zu verstehen gewohnt ist. Gibt es einen wahreren Seelenfrieden als „Sukath Scholaum", den Frieden, welchen Gott in ferner Gnade den Hütteninsassen bereitet? Eine reinere, edlere Freüde, als welche der jüdische Familienvater empfindet, wenn er, umgeben von Weib und Kind, Freund und Genossen in der schlichten nnd doch so trauten Sukkoh weilt. Wer nie fern Brot in der Sukkoh aß, me sein Dankgebet zum gestirnten Himmel, nur durch ein dünnes Laubdach von ihm getrennt, emporgesandt, der kennt dlich nicht, himmlisches Gefühl der Freude und des Friedens. Zeugt es nicht von der hohen Weisheit der Religion Israels, daß sie ihre Bekenner wenigstens *) Dgl. im Deutschen „Freude" „Friede". Auch im jüd. Schrifttum erscheint neben Sosann in der Regel Scholaum. einmal im Jahre die festen Wohnungen zu verlassen heißt, die Stätte der Sorgen und der Leiden, der Hoffnungen und Enttäuschungen, gleichsam das Schlachtfeld zu räumen, auf welchem Tag für Tag der furchtbare Lebenskampf mit rücksichtsloser Erbitterung geschlagen wird, um sie will der „Hütte des Friedens" zu vertauschen!? Da, wo keinerlei Hemmnis, kein Hindernis, keine Scheidewand mich trennt von den himmlifchM Welten, ich vielmehr mich eins sichle mit meinem Vater im Himmel uüd das Bewußtsein solcher Einheit mir jenen beglückenden Seelenzustand erreichen hilft, welcher nach der Artsicht unserer alten Weisen keiner Steigerung mehr fähig ist und den der feine Instinkt der biblischen Sprache mit dom Worte Scholaum — Scholem „ganz", „ungeteilt" bezeichnet, jenen Zustand, in welchem ich — um mit Jbsen-Klein- Eyolf zu sprechen — immer mehr und mehr erkenne, daß ich nahe verwandt bin dem Himmel und dem Meere', ein endlicher, vergänglicher Teil des unendlichen ewigen Lebens, das mich umflutet; endlich und vergänglich und dennoch ewig, ein Teil der Gottheit selbst, des Urgrundes alles Seins. Nirgendwo ist dieses Sich-Eins-Fühlen mit der Gottheit, dieses Sich-Einordnen in das Weltganze, das kostbarste sittliche Gut des jüdischen- Menschen mehr von der Gefahr bedroht, verloren zu gehen und von ande-- ren Gefühlen verdrängt zu werden, als in der Atmosphäre des Alltags, «der Stätte gewohnter Arbeit, der festen.gewohnten Behausung. Reichtum und Ueppigkeit, Hochmut und U-ebermut bei den «einen, Sorge und Not, Enttäuschung; und Erbitterung bei den anderen — beide natürliche Be- .? gleiterscheinu-ngen des täglichen Lübens — sind nur allzusehr danach angetan, den Gedanken an Gott als den Äüsgangs- und Endpunkt des Lebens und dadurch, uns selbst verlieren zu lassen. Erst in der wind- und wetterumdräut-en Sukkoh, wo alle sozialen Unterschiede ausgchoben erscheinen und auch der Anspruchvollste un!d Verwöhnteste liebgewördene Gewohnheiten aufgeben und auf die oft einfachsten Bedürfnisse verzichtenmuß, da erst ist der Kontakt * J Feuilleton Jüdische Erlebnisse im Weltkriege. Von Dr. Willy Cohn. (Fortsetzung.) An der Marine hat zweimal Deutschlands Schicksalsstunde geschlagen, und als wir hier im September 1914 kchrt machen mußten, dachte ich nicht, daß ich fast vier Jahre später als Infanterist noch einmal an die Marne kommen wurde und daß dort uns wiederum ein gebieterisches Halt zur Umkehr zwingen würde. Hätte man überhaupt damals gedacht, daß der Krieg so lange dauern würde, hätte man die sittliche Kraft und inneren Widerstand gegen alle äußeren und inneren Mühsale wohl kaunl aufgebracht, aber so glaubte man ja stets, daß es nur eine kurze Zeit währen wurde. Wieder ging es rückwärts durch St. Menehould durch, durch die Argonnen, die mit ihrem dichten Unterholz einen unheimlichen Eindruck hinteMeßen, in der Gegend von Buzaueyre machten wir Hält. Daß in diesen Septembertagen damals eigentlich schon der Ausgang des ganzen Krieges entschieden war, das ahnten wir alle wohl kaum, wie ja eigentlich der Soldat von den Dingen, die Vorgehen, meistens gar nichts erfährt und ja nur eins Mario- Ä ist, diüe an einem dünnen Drahte gezogen wird! Von Buzauzy aus setzten wir uns nach kurzer Rast wieder in Marsch, es ging in die Champagne hinein. Am 19. September 1914 abends lagen wir in Pauvres; es hieß, wir sollten hier längere Zeit Ruhe haben, aber wie immer es so im Kriege ist, aus der Räche .wurde nichts, denn am nächsten Tage ging es weiter; doch war ich froh, daß ich wenigstens den Neujahrsabend unter einem Dach verbringen 'durfte. Ich schrieb damals an das „Israelitische FamMenblM" in Hamburg die folgenden Zeilen, die dort am 15. Oktober erschienen: „Lange waren wir geritten, Kilometer auf Kilometer rollten sich ab, bis endlich «das erlösende Halt kam. Abend war es geworden, und' Misere Ausgabe war es heute nicht mehr, bis an den Feind zu kommen. Die Munition, die wir führten, wurde erst später gebraucht. Ein wenig kommt man im Felde immer aus deir Zeitrechnung, und oft weiß man nicht, welcher Tag es -ist; aber das wußten wir Juden in unserer Kolonne alle, daß heute Rauschchaschonoh war. Die Pferde mußten besorgt, Quartier geschafft werden, und todmüde kamen wir endlich dazu, etwas zum Abendbrot zu essen. Ein versprengter sächsischer Schütze hatte sich zu uns gefunden, der mir mit «den Worten: „Ben jisroel" die Hand drückte, auch unser Büroschreiber, ein Kanonier und noch ein Unteroffizier sind Juden. Sonst gibt es ja im Felde keine konfessionellen Unterschiede und das Gefühl, für dieselbe Sache zu kämpfen, schließt ein einigendes Band um uns alle. An diesem Abend aber - fühlten, wir fünf uns, besonders verbunden. Kein weihendes Licht konnten wir anstecken, kein «lautes Gebet .verrichten, aber 235348024823480253

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