Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 20 (12.10.1922)
- Date
- 1922-10-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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MMMMeKckltzrlfMr WMeMeEngtvnvnf REDAKTION ^ADMINISTRATION Wir« 8.,*H«irr<straße IS Mit dem VeMatt: Veröffentlichungen der «Union deutschösterreichischxr Juden" XXXVIH. Jahrgang Me«, 18. Oktober 1938 Nummer 39 Freude und Friede. Zirm Hüttsnfeste. Von Rabb. Dr. Armin A b e I e §>. Es ist eine längst erkannte und oft hervorgehobene Wahrheit, daß man, um ein Volk richtig zu beurteilen, es. bei der Arbeit sehen muß. Nicht minder wahr ist aber auch das Gegenteil dieser Behauptung, welches besagt, daß der Charakter einer Volksgemeinschaft sich in der Art mvd Weise kundgibt, wie sie van der Arbeit feiert, ihre Feste und Feiertage begeht. DA erstgenannte „Wahrheit" ist das PvoduA einer soziWwsirHchästlichen Betrachtungsweise, deren fto die materialistische Geschichtsauffassung in der Regel schient und die alles Geschehen auf Erden vom Gesichtspunkte der Kausalität', betrachtet wrssen will. Die zweite liegt in der Richtung der Realistischen Weltanschauung, welche nicht die grobstoffliche Außenseite, sondern das mit sinnlichem Auge nicht wahrnehmbare Innenleben des Menschen in das Gesichtsfeld ihrer Betrachtung rückt. Wendet man die letztere, als deren hervorragendste Vertreter Plato, Hegel und Bergson gelten, auf die jüdische Volksgemeinschaft an, so findet sich dazu kaum eine bessere Gelegenheit, als das Fest, mit dessen Feier die Gemeinde Israels ihren Herbstfesteskreis beschlicht, das Hüttenfest/ Denn hier treten Wesen und Zielrichtung Unserer uralten, aber ewig jungen religiösen Lehre in so natürlicher und «deshalb jede Mißdeutung ausschließender Klarheit zU Dage. wie bei kleinem Ederen unserer Feste. Wie sehr - das Laubhüttenfest alle Merkmale jüdisch-religiöser Eigenart an sich trägt, geht schon daraus hervor, daß, während alle unsere Feste ohne Ausnahme von der außerjüdischen Welt — wenn auch in geänderter Form und Verkleidung — .übernommen wurden, Man mit dem Snkkoth-Feste nichts anzufaNgen wußte. ME überlich es unsals Esschlichliches Eigentum. I. Welches sind nun diejenigen Hervorstechendsten Merkmale unserer Religion, die in so sinnfälliger Klarheit am Sukkoth in Erscheinung treten? Um diese Frage zu beantworten, braucht man keineswegs tiefschürfende Forschungen anzustellen, es genügt vielmehr, sich Es den Namen zu besinnen, mit dem unser Fest im jüdischen Schrifttum bezeichnet wird'. In der Bibel heißt es „chag lo-iadonai", in der Sprache nuferer Lehrer einfach „chag". Es ist das Fest schlechtweg, das die Aufgabe hat und das Ziel verfolgt — Main denke tan die Stammwürze! „chägag" — tanzen, Hüpfen, im Tanze kreisen —, den jüdischen Menschen zu ^freuen, fein Httz mit Lust uind Freude zu erMen. „Und Du sollst Dich freuen cm Deinem Feste", .„sei >nur fröhlich", „Ihr sollte Euch freuen vor dem Ewigen, Eurem Gotte", alle diese und ähnliche Aufforderungen, mit dienen die Feier des Hüttenfestes in der Schrfft immer wieder begründet wild, drücken bloß in wieNänsiger Form Es, was in dem Worte „chag" iinchilieiHe enthüllen ist, den Begriff der Freude. Wenn die Thora nichts anderes sonst enthielte, als den Ausruf „sei Er fröhlich", „freue Dich an Deinem Feste", wahrlich, es würde genügen, sie als eine Lehre der Wahrheit, das ist eine Lehre der Göttlichkeit, erscheinen zu lassen. Denn unter allen Gefühlen, deren das menschliche Herz fähig ist, ist eines der primärsten und der menschlichen Natur angemessensten selbst nach Ansicht eines Schopenhauer, die Frjeiuide, so primär und naturwahr, daß man ruhig sagen kann, wer die Fähigkeit sich zu freuen verlor, hat das Leben selbst verloren. Alles menschliche Streben läuft sonach in letzter Richtung darEf aus, die Freude am Leben zu mehren, zu steigern, und wo dies nicht angeht, sie wenigstens zu erhalten. Eine Religion, die es sich angelegen sein läßt, ihre Bekenner immer wieder zur Freude aufzurufen und welche das „Sich freuen" nachgerade zu einem religiösen Gebote gestaltet, beweist schon dadurch, daß sie auf dem Boden des wirklichen Lebens steht. Eine solche Religion kann sich auch in unserer moder- .nen Zeit sehen Taffen, sie ist der „Baum des Lebens", dessen Winzeln in vieltausendjährijgem Erdreich sich verlieren, dessen Krone und Zweige aber sich alljährlich mit frischem Laub schmücken und herrliche Früchte zMgen für die kommenden Geschlechter. Nur darin, wie die Freude beschaffen sein muß, um das Gefühl wahrer Glückseligkeit hervorzuinfen und welches die Mittel und Wege seien, die zu solcher Freude führen, in diesem Punkte allerdings scheiden sich die Wege der „Lehre" und des „Lebens". Wer kennt nicht die Freuden der heutigen Zeit, die Feste, an denen sich das Moderne Geschlecht erfreut?! Einelgevad'ezu krankhafte Gier nach Lust und Genuß hat die meisten der heute lebende!'. Menschen ergriffen. In wilder Hast drangt sich alles an die Brunnen des Lebens, um nur recht viel Freude rnd Genuß Es ihnen zu!schöpfen. Behaglichkeit und Ueppigkeit, Luxus und Komfort im HEse, Festlichkeiten und Zerstreuungen Mannigfachster Art außer Haus, Vergnügungen Es der Reise, Theater und Konzert, TEz und Sport in den extravagantesten und oft abstoßendsten Formen — dieses und noch mchr, alles was ein ans das Technische eingestellter Zeitgeist cm raffinierten Genußmöglichkeiten zu erfinden vermag, wird vom individualistischen JchEnltUs dies modernen Lebens in Beschlag genommen -und diöNt fast 'ausschließlich dem Zwecke, dieLöbeusfreNde -zu erhöhen. Und, dennoch, «es hat kaum jemals ein unglücklicheres Geschlecht gegeben als das gegenwärtige.