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Die Wahrheit · 1922-09-21 · Heft 18-19 (21.9.1922) · page 27

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 18-19 (21.9.1922)
Date
1922-09-21
Page
– (sequence 27)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 27 Nr. 18/19 hören gewohnt ist, -daß nämlich die Banditen in Häuser und Hotels eindrangen, die Juden auf die Straße warfen, wobei einige den Tod fanden, daß sie sogar einen der ausgeraubten Juden aus die Schienen warfen und ihn überfahren ließM. Neu ist an diesen letzen Pogrom, die von dem Spezialberichterstatter der „Wiener Morgen-Zeitung" gemeldete Tatsache, für deren Richtigkeit er die Verantwortung trägt, daß die Arrangeure der Aktion gegen die Juden eingewanderte, gut polnisch-patriotische Schieber waren. Das ist ein starles Stück. Während man selbst reichlich Butter am Kopf hat, hetzt man gegen die unschuldigen Juden, denen man die Schuld an der Teuerung, die man selbst verursachte, in die Schuhe schiebt. Daß die Juden an den Preissteigerungen schuldlos sind, müss-n sogar sämtliche polnische Blätter, auch die der Regierung zugeben, die sich aber im übrigen weidlich über die Jndenausrottung freuen. Dies wohl hauptsächlich aus dem Grunde, weil man auch bei den Heldentaten gegen die verhaßten Deutschen vorging. So litten bei diesem Pogrom, das ein neues Ruhmesblatt der polnischen Toleranz ist, Inden und Deutsche; im deutschen Vaterland muß der Jude durch Deutsche leiden. Verspäteter Weihnachtsbraten. Die letzte (August- Ausgabe des „Sozialdemokrat" bringt nachstehende Notiz: „Klosterbrüder als Bankiers". Zunder Weihnachtsnummer 1921 der „Reichspost" war über die Gründung einer Wiener MerkantilbanL-Aktiengesellfchaft zu lesen: In der konstituierenden Generalversammlung wurden unter anderem in die Verwaltung gewählt: Erbprinz Erich von Thurn und Taxis, Justin Panschaib, Mt des Stiftes Lilienfeld, Rechtsanwalt Dr. Josef Mattis und Theodor Freiherr von Becking, Großgrundbesitzer und Großindustrieller. Gleichzeitig wurde der Verwaltungsrat ermächtigt ,die sofortige Erhöhung des Aktienkapitals auf 100 Millionen Kronen einzuleiten." So weit so schön, wobei man sich, nur wundern muß, daß der „Sozialdemokrat" acht Monate verstreichen läßt, bis er seinen Lesern diesen Weihnachtsbraten servierte. Man darf dabei auch nicht an „Uebersatz" denken, der jetzt wegen Mangel an Stoff aufgetifcht wurde. Es liegt hier nicht bloß eine redaktionelle Verlegenheit, sondern mehr noch eine abstoßende Geschmacklosigkeit. Denn die proletarische Monatsschrift fügt-am Schluffe der Notiz höhnisch hinzu: „Die Juden, die w ahrs cheinlich neben dem Prinzen und dem Abt sitzen, verschwieg die „Reichspost". Wer auch ohne sie ist es ein nettes Bild: der Klosterbruder des Zisterzienserstifteis als Börseanerhäuptling! Das christlichsoziale Christentum hat es weit gebracht!" Man beachte wohl, der „Sozialdemokrat" hat keine Gewißheit, daß in der Vvrnehm-ftommen Gründergesellschast auch Juden sitzen werden. Es wird nur eine Wahrscheinlichkeit angenommen, und daraufhin werden die jüdischen Bezieher jenes Blättchens — es sind deren eine beträchtliche Anzahl — angerempelt, ohne daß dadurch der verspätete Weihnachtsbraten im geringsten genießbarer gemacht würde. Zu Rade nach Palästina. Der 27jährige Jakob Starofelsky aus Riga hat lauf Grund einer Wette eine Reise auf dem Zweirade von Berlin nach Jerusalem angetreten. Die 5000 Kilometer lange Strecke beabsichtigt er in 60 bis 70 Tagen zu absolvieren. Staroselsky ist nun tatsächlich am 25. Juli, nachdem er den Weg durch die Tschecho-Slowakei, Jugoslawien, Bulgarien, Türkei, Anatolien und Syrien zuruckgelegt hat, aus dem Zweirade in Jerusalem eingetroffen. Hoch die Juden! Im „Deutschvölkischen Beobachter" lasen wir vor einiger Zeit: „In Augsburg waren letzter Tage Zettel des Inhaltes angeschlagen: „Wer waren Marx, Laffalle, Bernstein, Kautsky, Barch, Landauer, Mühsam, Levin, Toller? — Juden! — Wer hat euch die fteie Republik gegeben? — Juden! — Wer unetrstützt eure Lohnkämpfe? — Juden! Wer leitet euren Kampf gegen Militarismus, Ausbeutung und Brotwucher? — Juden! — Arbeiter, seid stolz auf die Juden, schützt sie, wie ihr es bisher getan! — Hoch die internationale Sozialdemokratie! Hoch die Juden!" Durch Ausnahmegesetze geschützte Judenfrechheit, die sich ihrer Schuld an unserem Elende noch rühmt." Wir waren sofort überzeugt, daß die Zettelanschlager in deutschvölkrschen Kreisen zu suchen seien, die ihre Tätigkeit nur deshalb ausübten, um dem „Deutschvölkischen Beobachter" und ähnlichen Blättchen — gleich unser „Michel" hat in der von ihm gewohnten schneidigen (viel mehr ausschneidigen) Taktik diese Hetznotiz übernommen — Gelegenheit zu geben, ihren Lesern ein solches aufreizendes Geschwofel vorzusetzen. Wir schwiegen über die Sache, um uns erst zu informieren, ob unsere obige Ansicht tatsächlich richtig ist. Nachdem wir bis heute von unseren Gewährsmännern keinen Bescheid erhielten, sicher sind die Wege der geheimnisvollen Zettelanschläger sehr dunkel, so drehen wir einmal den Spieß um. Wir fordern hiemit den „Deutsch-völkischen Beobachter" oder auch den „Michel" öffentlich auf, nachzuweisen, wer die Zettel angefchlagen haben und ob diese Leute wirklich Juden sind. Bei dem von diesen Blättern stets rühmlichst gezeigten Spürsinn in Raffendingen — erst unlängst wurde Stinnes als „wahrscheinlich" von Juden abstammend deklariert, nachdem er vorher von dem deutschvölkischen Knüppel- Kunze angeschnorrt wurde und diesen Kerl abgewiesen hatte — sind wir sicher, daß uns auf unsere öffentliche Anfrage bald von einem dieser Blättchen Antwort erteilt wird. Wir sind ans diese sehr neugierig. Die Ergebniffe der Volkszählung in Prag. Die „Nene Freie Preffe" brachte am 1. September 1922 hierüber folgende Notiz: „Das statistische Staatsamt der Tschecho- Slowakei veröffentlicht einige Daten über den Bevöilkerungsstand der Hauptstadt Pratz, wie er sich Es iden Ergebnissen >der Volkszählung vom 15. Februar 1921 ergibt. Groß-Prag zählt den Nationalitäten nach 624.744 Tschecho-Slowaken 30.429 Deutsche, 5959 Juden, 2163 anderer NativnaliM und 13.362 Ausländer. Dem nationalen konfessionellen Standpunkt nach geordnet leben in Groß-Prag 368.339 Tscheche-Slowaken katholischer Konfeffion, 27.120 -evangelischer, 85.599 tschecho-slowakischer, 16.234 israelitischer urrd 125.562 Konfessionslose. Bon den Deutschen find 20.274 katholisch, 2036 evangelisch, 38 tschecho-slowakifch, 7406 israelitisch und 604 konfessionslos. Von den Nationaljuden sind 11 katholisch, 5900 israelitisch und 39 onfeffionslos." Diese Ziffern sind in mehrfacher Beziehung lehrreich. Bor allem ist darin zum Ausdrucke gebracht, daß die Juden in der Tschecho-Slowakei sich als e^ene Nationalität betrachten und bekennen -dürfe::. Dieses Zugeständnis wurde den Juden bekanntlich nach dem Umsturz von der tschecho-slowakischen Regierung gemacht. Ter Zweck dieses Rechtes ist leicht zu erraten. Es wurde den Juden nicht etwa Es Liebe eingeräumt, wurde:: doch gleichzeitig jüdische Beamte aus dem Dienste der tschechoslowakischen Staatsbahnen entfernt. Der Zweck war vielmehr der, in gemischtsprachigen Orten die Zahl der Deutschen zu vermindern, um auf diese Weise die gesetzlichen Voraussetzungen für den Fortbestand der deutschen

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