Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 18-19 (21.9.1922)
- Date
- 1922-09-21
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Nr. 18/19 Die WshrheN Seite 2o Die Judenschulen in Ungarn. In wenigen Wochen werden die Pforten der Lehranstalten abermals den. wissensdurftigen Jüngern eröffnet. Die Erwartungen besonders optimistischer jüdischer Kreise, daß die neue, mit der Flagge des gemäßigten. Liberalismus in den Kampf gezogene Regierung es als ihre erste dringendste Au>fgabe betrachten werde den Schandsleck der »ungarischen Gesetzgebung zu entfernen und den numerus clausus auf der ganzen Linie auszrcheben, hat sich nicht erfüllt. Der mmmmss cfauisus bleibt, die Jünger jüdischen Glaubens bleiben einstweilen auch weiterhin zu überwiegendem Maße aus den Schulen ausgesperrt. Ja noch mehr: viele Anzeichen sprechen dafür, daß sich der Ausschließung der jüdischen Jugend aus den staatlichen Lehranstalten nun Mich eine in aller Stille vor sich gehende Verfolgung oder zumindest beträchtliche Einschränkung der rein-jüdischm Schulen anschließkin werde. Dies geht auch aus den Beschwerden hervor, die in der letzten Generalversammlung des -jüdischen Landeslehrervereineis laut geworden sind. Nebenbei war dies seit dem Bestände des Vereines seit 45 Jahren d i e erst e Generalversammlung, beider es der U nke rr 8 chtsmi nti ster Ungarns nicht für notwendig f a n d, s i ch v e r t r e t e» n z u lass e n. In dieser Generalversammlung wurde die Absicht der Unterrichtsleitung zur Sprache gebracht, die Staatsuinterstützung der jüdischen Lehrer in Zukunftganz einzustellen, was zur Folge haben müßte daß zahlreiche jüdische Gemeinden ihre Schulen nicht länger aufrechterhalten könnten. Man verlangt nämlich von den jüdischen Schulen nunmehr auch einen AuSwÄjs darüber, wie viele Nichtjuden die Schulen besuchen und da die Zahl dev nichtjüdischen Schüler von der durch das Gesetz zur Gewährung der staatlichen Unterstützung erforderten Anzahl der Gesamitschülerin Abzug gebracht werden soll, werden hierdurch viele jüdische Schulen nicht die hiezu erforderliche Anzahl von Schülern aufweisen können und daher der staatlichen Unterstützung verlustig werden. Damit werden dann zwei Fliegen mit einem Schlage getroffen: man schließt damit die Möglichkeit aus, daß nicht jüdische Kinder die jüdischen Volksschulen besuchen und man erschwert materiell die Ausrechterhaltimg der jüdischen Schulen. Ein Kommentar ist wohl überfNssig. Zu Wasser und zu Lande. Den Union-Bach tKub ,Attersee" hüben «die Lorbeeren des Dentis^österreichischen Al penv meines, der gegen «die Anftrcchme jWffcheir Mitglieder ben berüchtigten Arrerparagraphein «ins Leben rief, nicht ruhen «lassen uüd so beschloß er in seiner letzten HauptvÄvsam'mlung die AufniÄhme Nur rchn »arischer Mitglieder, verschärft durch den Zusatz, der Ausnahmsiwevber müsse erklären, daß schon seine Großeltern vor 'ihrer Verheiratung getauft waren. Ein wenig zu viel verlangt, wenn m'an bedenkt, daß nicht jeder seinen Stammbaum bi!s in die vorvorige Genemtion znrückverfoügen kann. Sarah Bernhard entdeckt ihr nationaljüdisches Herz. Die größte französische Tragödin der Gegenwart, der Geburt nach bekanntlich holländisch-jüdischsr Mstammung, der Geisinnung nach aber »liberfranzösisch bis zum Ghainvö nismns, hat in hohem Greisen alter end'lich auch ihr jüdisches, pardion n»a>tioualjüdischss Herz entdeckt und äußerte sich diesbezüglich zur Berichtevftatterin d!es „New Dort Herold": „An der Schwelle der Achtziger sichle ich das Bedürfnis, meine Gefühle einer Revision zu untierziehen. Ich glaube jetzt, daß ich tan französischen Volke mehr gegeben habe, als ich schuldig war, tan jüdischen Volke dagegen weit weniger, als es von mir zu »Wvarten das Recht hat." Diese Aeußernng hat in natimmliistischen Kreisen Frankreichs ullliebsames Anfsehen »erregt und selbst Zeitungen, die Jahrzehnte lang in dieser Künstlerin den französischen Genius gefeiert haben, geben zu verstehen, daß die alte Künstlerin mit einem zweischneidigen Schwert spiele. Sie scheinen ans dem Standpunkte zu stehen, wenn die Künstlerin ihre Gefühle revidiert, sie anich »chre Stellung zu ihr revidieren zu sollen. Man könnte dazu konrmen, meinen sie, daß „die göttliche Sarah" doch nicht so göttlich sei, wie man gemeint habe. Sarah Bernhardt steht diesen Angriffen ruhig gegenüber und meldet der „Reveue des deux mondes", daß sie jene Aeußevung wirklich getan habe. Sib habe ihr Leben lang für die Kunst und das Ideal der Franzosen gearbeitet; sie bereue ihre Vergangenheit nicht, aber auch die Franzosen sollten verstehen, daß sie wenigstens »d e n R e ft i h r e s L e b e n s ihrem Bolke widmen wolle. Die ganze Affäre hat so begonnen, daß es hieß, Sarah Bernhard plane eine Tournee in Amerika. Man konnte es nicht g'lanben, «daß sie mit ihren 80 Jahren mit ihrem amputierten Fuße derlei Pläne fasse. Alles drängte sich, sie zu interviewen, sie aber empfing nur Miß Elise Roow und tat zu. ihr folgende Aeußevnngen: „Ich habe der französischen Kunst meine Seele gegeben. Es war mein Bestreben, den französischen Gedanken mit ausgebreiteten Flügeln iu der Kunst emporzutragen. Ich war stolz und glücklich, daß die Franzosen mich verstanden haben, aber ein so alter Mensch wie ich beginnt schon an dem Wert der Erfolge zu zweifeln. Ich hatte große Erfolge, besaß ich jedoch »auch große Wahrheiten? Was ich getan, konnte auch eilt ariderer für die Franzosen tun. Aber es gibt ein Volk, für das nur ich etwas zu tun imstande gewesen wäre itnd ich habe es nicht getan. Ich meine damit das jüdische V o l k, d»a s mein Volk i st. Mein Geist gehörte »immer ihnen und ich habe »ihti den Franzosen gegeben. So muß ich jetzt meine Stellung revidieren. Man k a n n «d o ch nicht st e r b e n, daß man s ag t: I ch h a b e d»ie g anz«e Welt gel»ieb t, nur mein Volk u i ch t. Auch »so Nicht, daß man das ganze Leben lang für ein »großes, stolzes Volk ^>ewir>kt, nicht aber für das schwache geplagte, dem man zugehört. Ich habe viel gespielt und geschrieben, aber auch gelesen. Zwei Sachen haben mich interessiert: das Drama und die Politik. Die Politik meines Volkes ist mir bis zum vorigen Jahre völlig unbekannt »gewesen. Da ist mir eine jüdische Flugschrift in die Händie gefallen. Aus ihr habe ich erfahren, daß sich das -ganze Judentum der ganzen Welt in Bewegung setzt und ein nationäles Heim in Palästina fordert. Diese grandiose Bewegung hat mich erschüttert. Ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben habe, aber eine »alte Liebe zu neuem Leben zu erwecken, »dazu hübe ich noch Zeit. Ich möchte wieder das jüdische Volk so liebelt, wie ich es als Kind geliebt und so für sein Wohl arbeiten, wie ich 30 Jahre für mich und 40 Jahre für die französische Kunst gearbeitet habe. Ich gehe nach Amerika, um die Einkünfte meiner Tournee dem jüdischen Nationalheim zu widmen." Wir wissen nicht, ob dieser »ganz nberraschend kommellde Seeleltnmschwung der großen Komödiantin nicht aus Kosten der Reklame — entweder für ihre amerikanische Tournee oder für das jüdische Nationalheim, in das sie erst am Lebellsabend heintgefunden hat — zu setzen ist. Denn daß sie das Reklametrommelschlagen ausgiebig versteht, das wissen alle Engeweihten. Hilfe für das Heimatland. In der Jüd. lib. Zeitung behandelt Josef Kauffmann die vielerörterte Frage der Palästinahilfe itnd gelangt zn der Aussassnug, daß in Anbetracht der tiefen Verarmung! Deutschlands und der riesigen Mittel, deren der Keren Hajesfod bedarf, selbst bei äußerster Anspannung der Kräfte für das Aufbaubudget von N/2 Milliarden Pftmd bestenfalls 50.000 Pfund aus Deutschland herausgeholt werden könnten. Allerdings in Mark gerechnet gebe dies hitnlderte Millionen, mit denen sich im »eigenen Lande Bedeutendes schaffen ließe. Kansfmann folgert: „Gewiß ist der Satz richtig: „alle Israeliten bürgen für einander", aber älter und wichtiger sind die Thoragebote: „liebe Deinen N ä ch ft e n, wie Dich selbst" mld „wenn unter Dir ein Dürftiger sein wird, irgend einer Deiner Brüder in eitler Deiner »Städte, in Deinem Lande, das der Herr, Dein Gott, Dir gibt, so verhärte Dein Herz rlicht und verschließe Deine Hand nicht gegen Deinen dürftigen Bruder." Unsere Nächsten sind unsere »deutschen Mitbürger, nicht nur unsere Glaubensgenossen, unsere