Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 18-19 (21.9.1922)
- Date
- 1922-09-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8 Die W ahrh eik Nr. 18/19 „Ern Jwri 'bin ich". Den: Kenner des „biblischen Sprachgebrauchs ist es sicherlich nicht unbekannt, diaß der Ausdruck „Jwri" in der heiliger: Schrift in den mcksten Fällen zur tendenziösen Hervoäehrung des ethnischen und nationalen Momentes verwendet wird, und zwar in despektierlichem Sinne in: Munde von Nichtjuden, zur Abwehr und' Verteidigung gegenüber ihren Angreifern bei Juden?) Das letztere ist bei Jonah der Fall. Ans einem, von sturmgepeitschten Wellen mit dem Untergange bedrohten Schiffe, das nach Tarsisch unterwegs ist, wird Jonah von den Schiffsleutenbeschuldigt, daß durch seine Schuld der Sturm entstanden sei. Sie überhäufen ihn mit erbitterten Vorwürfen, die sich in den haßerfüllten Fragen Luft machen: Wer bist Du, woher kommst Du, was ist Dein Gewerbe, und manches andere. Und Jonach, mit einem einzigen -Aufschrei, tritt er in dicher großen Stunde die: Gefahr seinen Widersachern entgegen, der sie erbeben und verstummen wacht. Mit den Worten „ein Jwri bin ich". Wie ist doch dieser Flammenruf Jonah ben Amitai's geeignete als Wahr- und Warnungszeichew als Mahn- und -Weckrius auch uns zu dienen inmitten.'der heitlesen Verwirrung und Verwilderung einer Zeit, die so viel Ähnlichkeit a)ujfwe>fft mit jenen-Tagen, da er zuim -eNstenmak ertönte. Einem sturmgepeitschten Ozean gleicht die heutige Menschheit. Turmhoch gehen die aufgewühlten Wogen der -Leidenschaften. Es kocht und zischt die Brandung des Rafs-enh-asses und der Vö-kke-rverh'etzunig, d-as LebMsschiff nicht nur Einzelner, sondern ganzer Nationen mit Verderben und Untergang bedroheird. Und genau wie in dem Falle Jonah's, wie in den düstersten Epochen des Mittelalters, wie immer bei großen Weltkataftrophen .geschieht es auch heute: Uns Bekenner des Judentums wird die Schuld ausgebürdet an der surchtbaren Not der Zeit und von haßerfüllten Gebärden begleitet, tönt täglich undstündlich vorwurfsvoll die Frage an unser Ohr: Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was -sucht Ihr hier? und dergleichen mehr. Oh, daß wir doch alle, die wir im jüdischen Lager stehen, daß jeder' Einzelne unter uns, ob jung und alt, hoch mid n-üdbrilg, reich und arm den -Mut und die Kraft fänden, e,m> zustimmen in den Rns Jonah's „Ein Jwri bin ich." und diese Einzelrnse sich zu einem himmelstürmenden Myriadenchor vereinigten, der wie einst Israels Gesang am Meere, erbeben macht die Gewaltigen Moabs und verstummen die Mächte Edoms! „Ein Jwri bin ich", ich bin Jude, nicht weil Geburt und Abstammung ins jüdische Lager mich gestellt, auch nicht deshalb, weil Gewohnheit und Pietät und das auch in der geistigen Welt herrschet e Trägheitsgesetz mich abhalten, meine Stellung aufzugeben, sondern vielmehr und weit mehr bin ich I ud-e im Sinne eines Jwri. Seit meiner frühesten Jugend ist geweckt in mir >die Erkenntnis, daß in meiner Seele und der mir Gleichgesinnten Kräfte walten, Anschauungen und Vorstellungen wirken, Tendenzen und Richtungen vorhanden sind, die im Vereine mit Manchen! anderen nnmeßbaren und unwägbaren Elementen, dasjenige ergeben, was die Umwelt mit dem Worte I u-d en tu m zu bezeichnen gewohnt ist. Nennt es wie Ihr wollt, nennt es Volk, Nation, Rasse! Ans die Namen kommt es hier nicht an, hier gilt des Dichters Wort: „Gefühl ist alles, -wer es nicht im Herzen fühlt, er wird -es kaum erjagen." Dieses Judentum ist da, es ist in mir, ich fühle es, ich erkenne es, ich liebe es mit umso größerer Inbrunst und Leidenschaft, je schwächer 2) Vgl. meine Abhandlung „Sind wir Juden oder Israeliten" Wien 1916, Seite 8. seine äußere Lage, je größer die Bosheit und der Haß ist, unter denen es zu, leiden hat. Mag sein-, daß dieses Gefühl und diese Erkenntnis erst in den letzten Jahren mit solcher Deutlichkeit sich eingezeichnet haben in die Tafeln meines und meiner Genossen Hertzen — im Unterbewußtsein wären sie sicherlich von allem Anfänge an vorhanden, nur schlummerten sie ähnlich wie Jonah, der anfangs schlief in der Schiffsecke, bis der Orkan ihn aus dem Schlafe und zur Erkenntnis seiner selbst aufgerüttelt hatte. Unter all den sittlichen Forderungen, die der Verföhnungstag an den jüdischen Menfchjen stellt, gibt es keine so heilige, so wichtige, wie die Erkenntnis, die zugleich ein Bekenntnis ist, ausgedrückt in dem Ruf: „E in Iw r i b i n : ch"! Wer die erstere nicht besitzt und zu dem letzteren nicht Mut und Kraft findet, hat ausgehört, besser gesagt, er hat nie begonnen ein Jwri zu sein. Für ihn ist der Versöhnungstag ein Tag wie Me anderen. II. Indes das freie, stolze Bekenntnis zum Judentum ist noch nicht das Judentum. In seinen „Geständnissen" sagt Heine: „Man glaubte die Inden zu kennen, weil man ihre Bärte gesehen." In diesem Scherzwort ist eine tiefernste gefchi'chtsphilvsvphische Wahrheit enthalten, deren Bedeutung schon von einem, nach Ansicht unserer Lehrer, der besten Köpfe des israelitischen Altertums, dem heidnischen Scher Bilean erkannt und in den Ausruf gefaßt wörden war: „Siehe ein Volk (Israel), das allein wohnt und das zu den anderen Völkern nicht gerechnet werden kann! „Beide Sentenzen besagen, daß das Judentum eine phänomenale Erscheinung ist, für deren Erklärung die üblichen sozial-materialistischen Methoden und naturwissenschaftlichen Kaufa'litätsgesetze nicht ausreichen. So wichtig für die Erkenntnis des Judentums ist diese Wahrheit, daß die Weisheit unserer Alten sie der veifamwelten Gemeinde -an- -ihrem höchsten und heKigsten Tage durch den Ruf Jonah's verkünden läßt: „Ein Jwri bin ich und den Ewigen, den Gott des Himmels, fürchte ich". Gewiß, so ruft Jonah seinen Widersachern zu, bin ich in erster Reihe Jwri, fühle ich jüdisches Blut in meinen Adern vollen, jüdisches Wesen, jüdische Art in mir walten und wirken, aber ich ehrfürchte zugleich Mich den Gott des Hiwimeks und der Ende." Man achte doch -genau ans den Wortlaut dieser Stelle. 'Nicht von einem Gott der Väter, düs Abraham, Jsak und Jakob ist hier die Rede, sondern vielmehr von Gott, der Himmel und Erde geschaffen, von Gott, der „gnädig, barmherzig, langmütig ist und reich an Huld", von Gott, der sich nicht nur — aller Menschen, auch der nichtjndifchen, sondern auch der Tiere erbarmt?) Die Gott-essuk-cht, die hier vorausgesetzt erscheint und zu deren Lehrer und Verkünder am Bersöhnungstage Jonah, der Sohn Amitais, erkoren ward, ist sonach keineswegs eine nationalbeschränkte, an irgend einen Einflußkreis gebundene, 'durch irgendwÄche bestimmte Heilstat hervorgerufene Frömmigkeit, sondern vielmehr ein alle Menschen ooif gleicher Weise umfassender, ihre Gnaden und Segnungen allen Wesen zuteil werden lassender Zustand der höchsten Sittlichkeit; jener Sittlichkeit, wie sie das Genie der Propheten iw die Religion Israels hat eingeführt. Ist es nicht im höchsten Maße bezeichnend, daß an dem höchsten und heiligsten Tage der Gemeinde Israel, eine Erzählung vorgetragen wird, in welcher die durch Reue und Buße bewirkte Frömmigkeit der Nichtjuden als rühmens und nachahmungswertes Beispiel hingestellt wird, eine Erzählung, -») Vgl. Jonah IV. 2, 11.