Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 18-19 (21.9.1922)
- Date
- 1922-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18/10 Die Wahrheit Gerte f Synagoge gchört, wie der Rabbiner -in tichöm Schmerze geklagt HM, .daß wir gegemvärtig vor «Gott kerne Brote darbringen können, stelle dir nun vor, daß Gott Hunger leiden muß! Nun häbe ich das Verlangen, zwei 'große Brote d'vm Herrn darzubringen, daß er sie verzehre uiüb feinen Hunger sMen möge; 'backe sie «Ms dem feinsten Weitzenm'ch'l, -damit sie ihm wdhlschmeck-en. Empfängt er die Brote von uns, dann dringen wir sie ihm Freitag für Freitag dar." Die Iran erfüllte das Verlangen ihres Mannes und buck zwei schöne Brote. Dange vor Eintritt des Sabbats trug er sie geheim in die Synagoge, öffnete die heilige Lade und sprach in großer Innigkeit:' „O Herr des HimmÄs, der Erde und aller Kreatur, erbarme Dich Deines Sohnes Jakir und empfange feine arme Gabe. O Herr mein 'Gott, iß sie und mögen sie dir angenehm sein, wie einst die Opfer unserer Ahnen." Dann legte er mit zitternden Händen die Brote in die Heilige Lade und ging schnell nach Hause. Als sich Jakir entfernt hatte, 'kam der Synagogendiener, um den Wem für Kiddsch in die Heilige Lode zu geben. Und da er die Brote sah, nahm er sie an sich, denn er wähnte, ein 'frommer freigebiger Jude habe sie für ihn hiNigelegt; geheim, -upr ihn nicht zu beschämen. Jakir hingegen ging nach dem Abendgvtitesdienst wieder in die Synagoge, und Nls er sah, daß die Brote verschwunden waren, so war seine Freude gar mächtig. „Sieh!" sprach er zu feinem Weibe, Gott hat unsere Gäbe nicht 'verschmäht, er nahm das Brot und verzehrte es, gewiß war es Hm genehm. Darum sei auch 'künftighin in deinem Dnn Nicht lässig. Wir wollen Hm nun Freitag für Freitag die Brote davbriNgen." Es währte eine lange Zeit. Der Marane brachte die Brote pünktlich und geheim in die Heilige Lade und der SynagogeNdiener trüg sie ebenso pünktlich und geheim nach Hanse. Beide freuten sich und lobten Gott -für seine Gnade. Es kam der Gesang-Sabbat. Der Rabbiner hatte nach altem Brauch -eine groß angelegte Predigt über den Wunderfamen Uebergang der Jaden 'über das Meer zu halten. Am Freitag nachmittag kam >er in die Synagoge, sich die Predigt einzuüben. Da erschien der Marane Jakir, um, wie gewöhnlich, die Brote in die Heilige Lade zu bringen. Er sah den Rabbiner nicht und trat in -großer Ehrfilircht vor die Heilige Lade, neigte sich tief, und! indem er die Lade öffnete, betete er wie stets fern Gebets Gott möge die Brote annchmen, mit 'großer Andacht. „Du Tor!" schrie ihn der Rabbiner an, „glaubst du, daß Gott -ein fleischliches Wesen -ist, welches Speise benötigt? Du wähnst, «daß Gott die Brote empfängt? Dem ist nicht so. Gewiß nimmt sie der Diener an sich." Indessen kgm auch der Diener, um sich die Brote zu. holen. Da rief ihm der R-abbi im Eifer zu: „Gestehe, daß du stets die Brote genommen h'aft." Der Synagogendiener gestand. . .; j - Ms der Marane dies hörte, Hub er zu weinen an und klagte gar jämmerlich. Er erzählte dem Rabbiner, wie er auf den Gedanken kam, Gott Brote darzubringen; er wähnte, er tue ein gutes Werk, am Ende sei es gar eine „Sünde", und er ging ganz betrübt nach Hanfe. Nach einer Weile kam in die Synagoge ein Bote des Ari zum Rabbiner und sprach zu Hm: „Mein Meister läßt Dir sagen, daß Du nach Hanse eilen und Dein Vermächtnis schreiben sollst. Vkorgen um die Zeit, da Du die Predigt halten sollst, wirst Du sterben." Ob dieser bösen Kunde war der Rabbiner sehr bestürzt und eWe zum ARI. „Was -ist mein Vergehen und meine Schuld," fragte er weinend, ,Mrß ich im besten Mannesalter sterben „Seit dem Tage," antwortete der ARI, „da das Heiligtum verwüstet wurde, hatte -der Heilige, fein Name sei gelobt, kein solches Vergnügen, wie mit den zwei Broten des Maranen; er beging wohl eine Sünde, doch -sie war rein und hingebend und hatte einen heiligen Zweck.*) Du aber hast dieses Vergnügen zunichte gemacht, daher -wurde über Drch im Himmel das Todesurteil verhängt — es kann nicht aNfgchoben werden." Am folgenden Tage, gerade in «der Stunde, die für die Predigt angesetzt war, starb der Rabbiner. Zum Versöhnungstag. Von Rabb. Dr. Armin Abel es. „E in I w rij b i n i ch und d en E w i gen, d en G o t t des Himmels fürchte ich". Jom Kippur! Eine ganze Welt ist in diesen zwei Worten enthalten, die Welt 'des Judentums. Jom Kippur! das ist d e r erste, der einzige T a g, von dem es auf dem «ersten Blatte der Schrift heißt „und es ward Albend und es ward Morgen, der erste Seng.1) All die herrlichen religiösen Gedanken und erhabenen sittlichen Lehren, durch welche die „Feuerlehre" von Sinai sich auszeichnet und die sie zu einem einzigartigen und unvergleichlichen Kulturgut der Menschheit gestalten, finden sich in dem Versöhnungsitag wie in einem Brennpunkt vereinigt und ziehen in der Liturgie dieses Tages wie in einem bunten BiW-erbogen an unserem Auge vorüber zur Erhebung der einen, ermahnend die -anderen, 'aber 'auch die Ki'chlsten und Glei'chgAtigston in Hren Bannkreis zwmgeich. Es ergeht uns mit dem Vevsöhnungstage, wie — lehabd-il — mit jenem berühmten Bilde von Rafael im Amsterdamer Reichsmuseum, dessen Blick so eingestellt ist, daß jeder, der das Bild betrachtet, diesen aus sich gerichtet glaubt. „Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen". Vielleicht in keinem einzigen Moment dieses hochheiligen Tages Witt 'dies mit sv klarer Anschaulichkeit und wuchtiger Eindringlichkeit zu Tage, wie bei jenen, Groß und Klein, Arm und Reich, Jung und Alt in -gleicher Weise ergreifenden Worten, welche die Weisheit unserer Alten vor dem Minchagebete. der versammelten Gemeinde vorlösen läßt; ich meine den 9. Bers in dem Buche des Propheten Joncch: „Ein Jwri bin ich und den Ewigen, den Gott des Himmels, fürchte ich". I. „Ein Jwri bin ich". Was diesem Rnf Jonah's eine so mächtige, bis zum heutigen Tage fortdauernde Resonanz verleiht, ist vor allem d!er Umstand, d>aß feiin JnhcM über den Rahmen des Geschehnisses hinausgrefft, durch das er veranlaßt ward. Es sirD Worte von programmatischer Bedeutung, die hier evkliinlgen, progr-amm-aitisch, indem sie der Gemeinde Israels im Augenblicke höchster Sammlung 'den Begriff „Judentum" als eine Synthese zweier gleichartiger, einander ergänzender El>emeNte klar und deutlich in Erscheinung treten lassen. *) Es heißt rm Talmud (Traktat Nasir): „Es ist bester, Sünde zu tun seines guten Zweckes wegen, als ein Gebot zu befolgen ohne jede Andacht." 9 Gen. rabb. I. TanHumü I.