Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 18-19 (21.9.1922)
- Date
- 1922-09-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 18/19 Die Wahrheit und hoffnungslos dis Welt heute ist, wie große Völker darniederliegen und MM und Zerfall täglich' wachsen! Ganz Euwpa droht unterzugehen, alle Völker der Erde leiden entsetzlich! Wo ist Rettung? Nur im Geiste der Selbstlosigkeit und verzeihender Liebe, die alle Jrrtumer deckt. Was nützen die Fragen nach der Schuld am Weltkriege? Sie können die Wunden nicht heilen, nicht schließen. Das kann nur die vergebende Liebe und Versöhnlichkeit, die uns Gott nur im heißen Gebete gewährt. Darum stellte ich das Gebet voran. Aus demselben kommt uns dann allmählich das Bewußtsein unserer Unzulänglichkeit und Wankelmütigkeit, das Bewußtsein unserer Wandelbarkeit! Wir werden von Scham und Reue erfüllt, so wir scheu, wie kleinlich unser Sinn, wie schwach unser Liebeswerk, wie hinfällig unsere Vorsätze und Versprechen sind! Wie geloben wir täglich Gott, seinen Gesetzen, Lehren und Mahnungen zu gchorchen, wie wenig tun wir es! Darum Um- und Rückkchr zu Gott, dem Urquell alles Guten, Rechten und Großen! Diese Rückkchr wW das Neujahrsfest, indem feine Gebete, die mahnenden Schoforrufe, die ganze Färbung des Tages uns ans Ende verweist, an das Gericht Gottes, an dessen Richterstuhle auch die Engel nicht rein erscheinen! Umsoweniger die Menschen mit ihren tausend kleinen und kleinlichen Wünschen, Bestrebungen und Zielen! Doch müssen wir aus uns selbst heraus, aus kleinlicher Selbstsucht zu erhabener Größe uns erheben, indem wir den Frieden unter den Mitmenschen fördern, in Wort und Tat Versöhnlichkeit und Entgegenkommen zeigen und allen zerstörenden, zersetzenden Richtungen die anfbauende Friedens- und Menschenliebe entgegensetzen! Das ist die Rückkchr zu Gott, dem höchsten Gute, gegen das wir so oft gefehlt! Haß und Ne'd, Leidenschaft und Wut können doch nicht immer die Völker zerfleischen, sondern Liebe und Treue, Menschenschatzung und Stützung muffen allmählich die Nachkriegswelt umgestalten. Nur wenn jeder einsteht und bereut, wenn jeder sein Schuldmaß erkennt und davor weicht, kann die Rückkchr im Einzelwesen und in den Völkern wirken, können schwere Fehler und Jrrtumer gut gemacht und eine neue Friüdenswelt geschaffen werden. Anders geht die Welt zugrunde, nur durch Liebe toitfr die Welt erbaut, Haß tötet alles. Blutet uns nicht beim Anblicke all' des Elends und Sterbens das Herz! Verzweifelt ringt jeder die Hände ob all dieses Unterganges einer großen Kultur! Nur das Bewußtsein, daß wir durch Unterlassungen Mitschuld sind, ist furchtbar, noch vernichtender aber die Gleichgültigkeit, die manchen abseits untätig stchen laßt! Dafür wird jeder Rechenschaft oblegen muffen. Nur ein Weg kann ans diesem Jammer führen, wenn alle Guten sich, zu einem Weltbünde für Versöhnlichkeit und Aufklärung zusammenschließen und jeder nach Kräften Gerechtigkeit und Recht fördert, Unrecht und Gewälttätigkeit bekämpft. Nur dann kann es besser werden. Dazu gehört aber die Rückkehr zu Gott, die Abkehr von aller Selbstsucht, jedem saczo egoüsmo, von allen Bestrebungen, die eigene Macht auf Kosten anderer zu vergrößern! Jedem einzelnen und allen Völkern das Ihre! Nur so kann der Kriegsgefft gebannt, der Friedensgeist gestärkt werden, nur so verhindert werden, daß die ganze Welt in Trümmer und Rauch' versinke! Mögen die Führer der Völker dies beherzigen, ihre Stimme rechtzeitig mahnend!, warnend und beschwichtigend erheben, ehe es zu spät wird; noch ist es Zeit, noch Hoffnung auf Erhaltung der Menschlichkeit, Rettung der Menschenwürde durchs Einsicht und Umkehr vom Unrechten Wege. Wohin führt nun diese Umkehr? Zur Zedökoh! Zu Werken der Liebe, die neue Wege und Welten schaffen, der aufrichtenden Liebe und Menschlichkeit! Süll die Welt neu aufgebaut werden-, die Kriegsschäden ..verschwinden, so kann dies nicht ein einzeln Volk, sondern nur die vereinigte Liebesarbeit und Anstrengung aller Völker! Darum müffen Opfer von allen Seiten gebracht und Menschlichkeit von lallen gegen alle ohne Unterschied geübt werden! Die Z^okoh, Aufrichtung der Menschen und Welt, kann nur «durch vereinigte Anstrengung aller erreicht werden. Darum der Mahnruf des Schoher, die Liebe zu Gott und feinen Geschöpfen über alles zu stellen, die «gemeinsamen Menschheitsinteresseu über die vergänglichen eigenen Machtifragen zu setzen! Wie viele der Besten sinken täglich - ob des Herzleiides über die Verelendung und des Hinsterbens einzelner und ganzer Völker dahin! Da hilft nur die vereinte Liebestätigkeit der ganzen Welt! Darum hälfst, helfte jeder nach Kräften, Nach Maßgabe der Verhältnisse! Keiner bleibe abseits! „Ich bin ein Hebräer", dieser Ruf sammle uns um die hehre Lichtgestalt unseres Erzvaters .Abraham, dessen ganze Lebenstätigkeit Gebet, frommes Leben und werktätige Menschenliebe war, der seinen einzigen Sohn gern opferte, der für die lSüuder betete, der Liebe und Menschlichkeit in Wort und Tat übte. Er verließ Eltern und Heimat, um Gottes Wort und Erkenntnis in 'die Welt zu tragen und Gottes Sendbote zu werden. „Blicket auf Abraham, euren Vater!" mahnt der Prophet, müssen <(Me -gerechte Menschen ihre Umgebung 'immer wieder -erimvern, damit Abrahams 'Geist, Abrahams Opsersinn als schönste Frucht der Neujahrsbetrachtung alle zu Ebensolchen Wevkeu der Liebe und Weltaufrichtung führe! O, ihr Freunde, seid aufrechte, starke Juden im Sinne Abrahams, -des .großen Künders edler Menschlichkeit! Helft die Wunden heilen, den Unheilsgeist bannen: eine bessere Welt schaffen! Gott möge es gelingen lassen! Er möge den Geist echter, wahrer Liebe über den dunklen- Geist des Hasses und der Finsternis immer wieder siegen lassen, daß wir zu Ihm emporgelaugen und erkennen: Gebet, Reue und Wohltätigkeit lassen das Unheil an uns vorüberziehen! Die heilige Sünde. Von Ehajm Bloch.*) Ein «armer portugisischär Jude «ausdem Kreise der Marauen mit Namen I a k i r zog mit feiner Frau tu die heilige Stadt Saffed. Das Paar war kinderlos und wollte sein Läben im Laude der Ahnen verbringen. Ms der Mann mehrere Wochen in Saffed war, hörte er einmal einer PrÄügt des Rabbiners zu, der da von tan „Brote des Antlitzes", welches im Heiligtum Sabbat.für Sabbat därgebracht zu werden pflegte, sprach. In Erinnerung an das Heiligtum und seine Pracht konnte der Rabbiner feinen tiefen Schmerz nicht unterdrücken. Einen schweren Seufzer 'ausstoßend, ries er: „Weh' uns, daß wir jetzt die Brote vor dem Angesichte Gottes nicht Äarbringen «können." Die Worte «des Rabbiners, rüttelten die Seels des einfältigen Madamen .gar sehr, «sein Herz schmolz vor h«eißer Liebe zu Gott, seinem Herrn, zu dem «er «sich nun offen bekennen durfte. Es überkcvm Hn ein tiefes Mitleid für Gott und er wollte ihm wohlgefällig werden: „Ich werde meinem Gotte Brote Äavbriugsn," «sprach er in sein«em Herzen. Zu Hause sagte er zu seiner Frau: „Höre mich, mein trautes, kölsches Weib. Ich habe soeben inj der *) Aus dem im Leben-Verlag erscheinenden Werke: „Der Ary sein Leben, seine Geschichten".