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Die Wahrheit · 1922-09-21 · Heft 18-19 (21.9.1922) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 18-19 (21.9.1922)
Date
1922-09-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18/19 ' D i e Wah r hert Seite & Heft Zur höchsten Stufe der Gotteserlenntnis und 'Sfttlichkeit. Von diesem Glauben, ib-er uns Bekennern des Judentums sett Jahrtausenden Lebensinhalt -uirtlb LebensKveck gegeben, dürfen wir »auch heute nicht lassen, >u!msow>eniiger, je furchtbarer die sittliche Not unid Zerrissenheilt der Gegenwart ist, die wir Juden die! tiefer und schmerzlicher empfinden >als alle anderen. Es wild erh allt die E rde vo n wildem Streit und haßvollöm Gezanke. Oft will es scheinen, Uls wäre buchstäblich in Erfüllung gegangen das Pvophedenwort Jef. 2419: I^vad hitroah hoorez 'ufw. Ein gewaltiger Riß geht durch 'die beivohnte Erde und uns ihren Spalten und Sprüngen steigen -nnarchhörlich siedende Dämpfe des Völkevhasses empor. Alle Versuche, diesen Riß zu heilen, die Klüfte Zu Überdrücken, die zerklüfteten Völker zu einem Bunde Zn vereinigen, haben bis heute sich als erfolglos gezegt. Und naturgemäß iraifrten sie es auch, denn die Vovanssetzung für leinen währen Völker- und Menfchheitsbnnd, wie sie in -unserem Nenjahrsgebete so schlicht unid ergreifend ausgüdvückt erscheint, ist bis heute nicht gegeben: , Und!lasse doch walten- >oh Gott die Ehpfürcht vor Dir, über alles, was Du lgeschaffen. Daß Dich ehrführchten alle Geschöpfe und sich vor Dir beugen alle Weisen, aus daß sie «alle Zu einem Bündnis sich -gestalten, um Deinen Willen zu erfüllen mit ungeteiltem Herzen ..." Durch mechanische VerbiUdiUntz einzelner Völker ans Grund gemeinsamer wivdschastkicher Interessen -können w-vhl Ententen geschaffen, -aiber keine ,.Ag'udah Echas" zustande kommen, denn bei dieser letzteren müssen vor allem die unwägbaren und uumeßjbaren Elemente die Jnponderablivn des Seelen- und GlaNbenslebens berücksichtigt werdien. Daß diese Er'keNntuis je fvühbr die Welt wie Wasser das Meer erfülle -und der Tag heraNkvmime, an dem die ,, Majestät seiner Regierung (Gottes) uud die Heiligkeit feiner Weltführung wie einst nach Vollendung seiner Schöpfung allen sichtbar werde." 5) Das ist der innigste Wunsch, den Israel als ider Zeuge der Völker am kommenden Neujahrstage der Weilt entbietet. 5) Vgl. Ansichoh malki in Malchijoth des 1. Tages. nenriecherei — mir meine Wachtmannschaft ein-en schwarzbärtigen Soldaten hereingeschleppt hätten, der ihnen verdächtig vorkam und den sie verhaftet hatten. Es hieß ja vorsichtig sein und sie hatten ganz recht daran getan. Wir trafen -auch alle Vorsichtsmaßregeln, die in solch einem Falle zu tröffen sind, aber wie sich bei der eingehenden Untersuchung heraussteüte, war es ein ganz harmloser Mitbürger und Glaubensgenosse ans der Provinz Posen, der zu. irgend einem in der Nähe liegenden Truppenteil gehörte und den wir natürlich lausen lasten mußten. Er war froh, als er sortkam, denn er hatte viel Angst ausstehen müssen. Der Marsch-durch Luxemburg brachte dann noch recht freundliche Tage, wem: auch die ungewohnten langen Ritte zunächst einige Strapazen bedeuteten. Aber daran gewöhnte man sich ja recht schnell. Und dieses noch friedliche, fast manöverhafte Biwakleben brachte auch -manches Bild mit sich, das sich tief in die Seele prägte und etwas Romantisches hatte. In Luxemburg war es, -als ich von einem jüdischen Händler etwas Schokolade kaufte; ich weiß nicht, E warum mir dieser flüchtige Augenblick so im Gedächtnis haften geblieben ist; auch ich gab mich ihm als Juden zu erkennen, und wie immer in solchen Augeriblicken, ist das Gefühl der Gemeinsamkeit, das den Juden an den Neujahrsgedanken. "Von Rabb. Prof. Dr. Hirsch, B.-Krum-au. Wieder nähen die hehren Tage, die ums zu Gottes Gericht führen, vor dem die geheimsten Herzensfalten sich öffnen. Rückblickend müssen wir strenge mit uns, mild>e Mit unseren Mitmenschen ins Gericht gch-en. „Es gibt keinen Erdenwaller, der nur Gutes täte und nicht -fehlte." Dies Schriftwort trifft bei jed-ew zu. Ohne Fehler, Gebrechen ist niemand, aber die Uebnng guter Werke,, die Förderung -des Rechten, des Edlen und Großen im Löben müsten einen allmählichen Abbau der Fehler bewirken. Das erschütternde Wort des Gebetes: „G.bet, Reue und Woltätigkeit lasten das Böse des Verhängnisses vorübergehen" weift uns hier beit rechten Lebensweg. Ich will mit deai Gebete beginnen. Jeder hat im Leben Augenblicke, wo er der Gottheit näher ist als sonst. Wenn alle Hoffnungen, Erwartungen und Pläne fehlschlagen, alles mißlingt, wenn wir ganz im Elende zu versinken drohen, dann ringt sich unsere Seele zu Gott empor, dann suchen wir ihn, finden ihn aber nur dann, wenn wir ihn gemäß der Mahnung der heiligen Schrift mit ganzem Herzen und ganzer, ungeteilter Seele suchen. Wenn aber irdischen Jnteresten mitspie len, wenn wir Gvt-t nicht mit der Reinheit unseres Herzens suchen, daun finden wir ihn nicht. Darum kann nur das in tiefster Andacht und Sammlung verrichtete Gebet seine Wivkung tun unld uns läutern und laben, jenes Gebet, das Vater und Mutter uns gelehrt, die heilige Ueberlieferung uns übermittelt hat. Das mit tiefster Andacht verrichtet^ Gebet, wo wir Gott sehen, hören und fühlen, wie Er als Vater zu uns spricht, uns tröstet, ermuntert und zu sich erhöbt. Das ist der Prüfstein des rechten Gebetes, daß es uns aus des Lebens No-t zu ' Gott enchorträgt und in eine bessere Welt schauen läßt, in jene Welt, die nach der Ueberlieferung am Neujahrstage geschaffen ward! Das ist nicht die Welt der Selbstsucht, Eitelkeit unid! niederer Eigenschaften, sondern die Welt des Idealen, Großen, Erhabenen, zu dem das Neujahrsfest mit seinen Schefa-rklängen uns sichren soll und muß. Siehe, lieber Leser, geehrte Leserin, wie elend, traurig Juden bindet, mag er auch noch sonst so andersartig und verschieden sein, vorhanden. Diese Märsche durch Luxemburg waren die letzten friedlichen Bilder, noch ein Dorf in Belgien, das von Deutschen bewohnt wurde, war nicht feindselig.; dann aber begann der Schrecken und ich werde es. nie vergessen, wie wir am Abend in diesem Dorfe alarmiert wurden und die ganze Nacht hindurchrftten, bis wir am Morgen auf dem Schlachtfeld von Tintigny waren und unsere Munition abgaben. Doch ich will-ja nicht von Schrecken und Kämpfen erzählen, aber allzu tief haben sich diese Bilder von brennenden Dörfern, erschossenen Franktireure, von Toten und Verwundeten in die Seele gegraben, und man kann sie nicht löschen, auch jetzt noch, wo man schon wieder lange geborgen in der Heimatsitzt, beängstigen sie unsere Träume. Wie man vo-m Baume der Erkenntnis gegessen hätte, so wirken diese Bilder in uns nach, denke ich an das blntübevsiillte Jnor, an die Kämpfe nördlich der Marne und südlich von St. Menehould, wo der Vormarsch sein Ende fand. Die Tage waren wie ein Rausch; daß der Vormarsch zum Stehen kommen konnte, daran glaubte man nicht, der Einzug in Paris war in Gedanken etwas Sicheres. (Fortsetzung folgt.)

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