Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 18-19 (21.9.1922)
- Date
- 1922-09-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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"~~nrn~~irmn~niii um.um mm im „ Seile 4 Die Wahrheit Nr.!8/i9 Mittel — Teschub oh — Teffil o h, Uzedokoh maabirin eth roa hagezerah — airffere geschwächten sittlichen Kräfte starke, die oirrch die Schlmnmsluten einer entarteten Zeit nnterwühlten Fnndmnente unserer Innenwelt wieder ansrichte?) Je furchtbarer daher die geistige und sittliche Not der Gegenwart, je trauriger die Zeichen der allgemeinen siMchen Entartung und Verwirrung unserer Tage sind, umso großer muß die Dankesfrmde sein, mit der jede Mische Seele den hercmkonrrneüden Neujarstatz 'begrüßt als das -Fest, welches gleichsam in Vorahnung unserer bitterbösen Gegenwart von unseren alten Lehrern mit den altbibfifchen ZuflNchtstätten verglichen wird, wvhitt sich 'Mchtet und Schutz sucht, wer, wenngleich auch ohne d-irMes Verschulden, dennoch mttschu'ldiig ist an dem Unglück seiner Zeit. II. Indes nichts wäre irrtümlicher als die Annahme, daß durch die Wiederbelebung und Neugestaltüutz der Beziehungen des Einzelnen zu Gott die Bedeutung des Rvsch- Haschonoh erschöpft sei. Das reli!givnsbUde>nde Ingenium Israels, das in dem Neujahrsfeste eines seiner herrlichsten Wette geschaffen, strebt über. sblche individuelle Beschränkung hinaus, weit größeren und allvKneiNeren Zielen zu. Haben wir im vorhergehenden die durch die Erkenntnis von Schuld und Reue zu bewirkende sittliche Erneuerung des «üngeltneit jüdischen Menschen als eiüen Grundgedanken unseres Festes erkannt, der ihm die Daseinsberechtigung gegenüber ähnlichen Festen aller anderen Völker verleiht, so dürfte es nicht schwer fallen, zu jenem unser Füst bchevrschenden Hochgeidwnken vvrzudringen, der ihm Gwiigkert und Unsterblichkeit verbürgt. Ms verläßlicher Wegweiser kann uns auch hier die Bibel gelten. Ist ja die individuelle sMiche Berantwortuug des 'ersten Menschenpaares der Gedanke, vvn welchem sie amsgeht, um .zu dem der sittlichen Einheit des Menschengesch^chtes, und schließlich 'cm der Hand der Darstellung der Geschichte des israelitischen Volkes mit Hilfe der Propheten .*) Vgl. den Piut „Melech Eljon" für den 2. Dag R.-H. zu jenem Punkt« zu gelangen, der zu allen Zeiten äls das HoMiel der' Menschh'eÄ 'gellten! wird: Die 'WeÜhairmonie der -Menschen unter der Herrschaft Gottes als WÄtenköNig im Hitmmel unid laus Erden. Wie ein herrlicher Strahlenkranz zieht sich dieser Gedankenkreis durch unsere NeujahvsfestgöbÄe. Ist es nicht eine wunderbare, im höchsten Maße bezeichnende Erscheinung. 'daß au einem Tage, der nach uralten Ueberlieserungen undVorftellnngen das Lebensschichal jedes einzelnen entscheidet, dich an einem solchen Tage die Gemeinde Israel nicht für das Materielle Wohlergehen ihrer 'einzelnen MÄgliÄnr, sondern vielmehr für die allgemeinen Güter der Menschheit, welche aus Juhen, Christen und Mohammedanern Menschen machen und in weiterer Folge für die Erlösung des ganzen in der Erkenntnis und Liede Gottes geeinigten Menschengeschlechtes betet: „UM) lasse doch walten oh Gott die Ehrfurcht vor Dir, Mer alles wlas Du geschaffen. Daß Dich ehrfürchben all« Geschöpfe und sich vor Dir beugen alle Weisen, auf 'daß sie alle z u einem Bündnis sich gestalten, um Deinen Willen zu erfüllen mit uNgÄeittem Herzen. Fürwdhr die Gerechten werden es schauen und sich freuen, lalle Redlichen werden jubeln und jauchzend frohlocken, wenn die Gewalt ihren Mund verschließt und jede Bosheit wie Ranch verweht usw." Mjan vergleiche doch -alle Gebetbücher aller Religionen Mf Erden mit diesen Stellen, die mit deMseilb enGedanken in zahllosen Variationen wiederkchren, man wird nirgends Aehnliches finden. Hier erhebt sich die Gemeinde Israel zur höchsten Höhe des prophetischen Idealismus, das einzelne Individuum erscheint auf dieser Höhe wie hinausgehoben Mer die Grenze seines empirischen Jchsin jene ideale Sphäre, wo es sich als Träger der ewigen Ideen des Menschengeschlechtes fühlt. >Es ist die Stimme des Gottesknechtts Jakob, die sich hier vernehmbar macht, der sein Glück und Heil an dos nicht .nur Israels, sondern der 'ganzen MenfcheNwett. geknüpft sein läßt. In solchem Lichte betrachtet, erscheint Rosch-Hafchonoh nicht als ein düsterer Dag des Schreckens, sondern als ein Hohes Li!ed des Glaubens an die fortschreitende EntwicklMtz der Mensch¬ > Jüdische Erlebnisse im Weltkriege. Von Dr. Willy Cohn. (Fortsetzung.) Die Tage vor der Abfahrt hatten naturgemäß viel Arbeit gebracht, galt es ja, die Formation neu anfzustellen, so war man ja müde genug, aber doch wieder noch allzu frisch, um stündlich den Trennungsfchmerz von den Seinen zu empfinden. Gewiß, nach davon soll 'man ja nicht viel reden und hat es damals sicherlich nicht getan, aber unser jüdisches Leben ist zum Glück noch so ganz aus die Familie eingestellt, daß die Trennung von Frau und Mutter eben ein unendlich starker Schmerz nicht zu schämen; immer ist ja für uns in den Zeiten, wo Judenhaß das Leben und die Politik vergiftete, die Familie das Buen-Retioo für uns gewesen, an desien Toren alles Häßliche absiel, und man ganz Mensch und Jude sein konnte. Doch ich will nicht abschweifen und fahre Noch einmal in Gämnken die lange, lange Reise durch Deutschland bis nach Lochringen, wo wir Lusgeladen Wurden. Ost ist ja schon dies« Ausfahrt mit ihren Liedern, ihren Eisenbahnaufschriften, den reichlichen Feuilleton allzu reichlichen' Mahlzeiten an den Bahnhöfen, die treusorgende Liebe' dm Kriegern noch mit auf den Weg gab, geschildert worden, und ich vermöchte diesem Bilde auch kaum neue Lichter aufzusetzen. Wir waren 4 Juden bei unserer Formation, und ein Band hielt uns von Anfang an zusammen in dem Gefühl, daß wir zufammengchörten. Einer von uns ist noch als eins der letztm Kriegsopfer an schwerer Verwundung im Lazarett gestorben. Damals Mer dachten wir an so etwas nicht und schoben derartige Gedanken möglichst weit vvn uns weg. Ein altes hebräisches Gebetbuch, das mir mein Schwiegervater mit einer Widmung auf den Weg gegeben hat, hat mich treulich durch die Fährnisse von 4 Kriegsjahren begleitet und ist mit mir wiÄrer in die Heimcck zurückgekehrt; nicht als Talisman habe ich es 'aufgefaßt, oder als Kngelfänger, nur als ein Stück von dem, was ich sonst in der Heimat lasten mußte. Von Lothringen aus ging es zu Pferde durch Luxemburg nach Belgien hinein. In Sierck in Lothringen bezog ich als Wachthabender — ich weiß nicht, ob ich schon gesagt Habe, daß ich als Unteroffizier auszog, ich kann auch gleich hinzUftlgm, ich hMe es in den ganzen vier Kriegsjahren nicht weiter bringen können — also in Sierck bezog ich die Wache. Es war eine ungemütliche Wache, die Stimmung der Bevölkerung war keine allzu freundliche; aber deswegen würde ich nicht von der Wache gesprochen habm, wenn nicht plötzlich — wir lebten ja in der Zeit der Spio-