Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 17 (25.8.1922)
- Date
- 1922-08-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 12 Die Wahrheit Nr. l7 und ein anderes Mitglied der Gesellschaft ihn unausgesetzt ohrfeigte. Grünbaum stürzte gefesselt zu Boden-, Raidics tvat <cms ihn Herum, zog Hm die Schuhe ans und «schnürte Hm auch die nackten Füße mÄ einem Bindsalderr zusammen, schob' dann die gefesselten Beine zwischen die gefesselten Arme, stützte die Knie mit einem Besenstiel, so daß der Greis ans seinen Mcken gestützt mit nach öden gekehrten -Fußsohlen hing. „Wirst du nun gestehen, alter Jude?" Da hat nun der Alte gestanden. Er nahm «alles ans sich, was sie Hm vorsagten. Wie. denn nicht, hatte man ihn doch von «sieben dis zehn Uhr unausgesetzt geprügelt und «gefoltert! Dann zwangen sie ihn, ein sogenanntes Protokoll zu unterschreiben. Kurz vor Mitternacht wurde er der StadHaup tmannschaft -überstellt und kam dann Hn das Gefängnis der Staatsanwaltschaft, von wo er nach drei Tagen über Intervention seiner Bekannten «befreit wurde. -Dies geschah im Jahre 1922!" Den letzten Satz mußten wir Es Ehre nochmals lesen. Geschah diese Folterung wirklich im Jahre des Heils 1922, nicht im grauen Mittel-alter? Nein, wir können uns voll-. kommen aus die Wahrheit des Berichtes verlassen, „Nepszava" ist ein seriöses Matt. Es hat sich also in Ungarn seit anno dazumal.nur weniges geändert. Statt des. MMelalters schreiben wir die Neuzeit; an Stelle der RitüalmordbeschnDigung -trat die Anklage wegen Geldschmuggels -an nur in der Ph'antaste ungarischer Wachsoldaten existierender Kommunisten in Wien. Und diese Wachsoldaten, deren Roheit so weit geht, einen sechzigjährigen Mann so lange zu foltern, bis er das gesteht, was er gestehen soll, sie vertreten die Stelle der Schergen und handeln wie diese im höheren Auftrag. Für sie ist die Judensolterung — wie sagE wir an anderer Stelle? — ein lustiges Gewerbe. Auch „Nepszava" gM unserer Meinung, daß solche Roheiten von den Ausübenden und auch höheren Orts nicht -ernst genommen werden, recht; sie schließt nämlich Hren Bericht mit den 'Worten: „Es ist wahrhaftig all das nicht sehr wichtig. Es handelt sich bloß um einen alten J-uden." Die „Wiener Morgenzeitungs"-Leute gegen den deutschen Zentralverein. Hier haben wir es mit einem der. meistzugerittenen Steckenpferde des «Strickerschert Zionisteriblattes zu tun, das Men .alles ist, was sich -aus dem öden Rahmen des Parteigeschmuses zur werktätigen Arbeit echolt. Ein zur Zeit in Kissingen weilender Kurgast namens Dr. Alfred Löwy berichtete diesem Blatte sehr abfällig über einen Vortrag des Herrn Syndikus Doktor W i e n e r vom C. V. Wir würden darüber so achtlos zur Tagesordnung schreiten, wie dies voraussichtlich die Schriftleitung der „C. V. Zttz." tun dürste, wenn Herr Dr. L. nicht am Schluß seiner geschmiacklosen Naivitäten dem Krönungsgedianken Aufdruck gäbe: „Dieses ohnmüchtige Gestammel von der Rettung der deutschen Juden durch die Ausklärungsarbeit des Zentralvereines erinnerte ausfallend an die „Arbeit" der Wiener sogenannten „Bodenständigen". Wenn sich das Judentum zu keinem anderen Rettungsweg emporarbeitet, dann wird es ihm so ergehen wie jenem Gladiator, der sich mit Mohnköpfen vollfraß, bevor er den wilden Tieren vorlgeworsen wurde, um die Bestien zu besänftigen!" Die Wiener „Bodenständigen" dürften sich beMckwünschen, wenn sie es nur zur Hälfte der Erfolge gegen den Antisemitismus brächten, die der C. V. als Ergebnis seiner stramm organisierten, planvollen, aufopfernden Arbeit verzeichnen kann. Das neidische Zittern der „MorgenzeÄuntz" wird diese Tatsachen nicht aus der Welt schassen. ■püf Vermischtes HHgji Die neue Preisflut. Infolge der restlosen Bewilligung der letzten Jndexzuschüsse an die Arbeiter der graphischen Gewerbe haben sich die Forderungen der Buchdruckereibesitzer an die Herausgeber der Wochenblätter neuerdings grauenerregend gesteigert und stellen diese vor eine Katastrophe, zumal auch die Verteuerung des Papiers, der Postgebühren und aller sonstigen Betriebsausgaben in gleichen Eilschritt vor sich gehen. Unter solchen Umständen ist es ein Gebot der Selbsterhaltung der Wochenpresse, einen Teil der Lasten, unter denen sie niederzubrechen droht, von ihren Freunden ttagen zu lassen. Dementsprechend sieht sich auch die „Wahrheit" genötigt, die bisherigen Tarife für den Bezug des Blattes und Ankündigungen in demselben durch neue zu ersetzen, die der geschaffenen Zwangslage einigermaßen Rechnung tragen. Wir hoffen von der Einsicht und dem Wohlwollen unserer verehrten Freunde und Förderer ein Verständnis der gegebenen Sachlage, sowie das für den Fortbestand des Blattes unerläßliche Entgegenkommen. Redaktion und Administration „Die Wahrheit". David Frischmann, Freitag, den 11. d. M. starb in Berlin nach längerem Leiden der hebräische Dichter David Frischmann im 57. Lebensjahre. Er ist im Jahre 1864 in Zgierz bei Lodz (Polen) geboren und genoß eine gründliche Erziehung. Außer das takmud'ische Schrifttum lernte er die modernen Literaturen kennen; darunter auch die «deutsche. Er studierte Philosophie, Geschichte und höhere Kunstgeschichte (1890 bis 1895) auf der Breslauer Universität. Schon im 13. Lebensjahr verfaßte Frischmann die ersten Gedichte und ließ sie im Drucke erscheinen. Er ist dann Mitarbeiter der hebräischen Zeitschriften „Haüoker-Or" und „Haschahar" geworden. Aus Anregung von Ahron Bernstein übertrug er dessen „Natnrwissenschastliche Volksbücher" ins Hebräische. Aufsehen, machte «das 1883 erschienene Pamphlet „Tohuwabohu", worin aller bisher üblichen Art des hebräischen Stils mit der Routine in archaistischen Ansdruckssorm („Melizah") der schärfste Kampf angesagt wird. Frischmany war Europäer durch und 'durch; davon waren auch seine ästhetischen Ansichten bestimmt. Er hat in den Spalten der Tageszeitung „Hajoin" seiner Auffassung Geltung zu verschaffen versucht. („Ottoth porchoth"). Sein Motto, war: „Durch das Gute — zum Gefühl und! Geschmack für das Gute!" Von verträumter Romantik sind seine lyrischen Erzählungen: „Schloscha-scheochlu", „Jiskor" u. a. m. Neben den musikalisch-grandiosen Legenden „Bischwil hamoschiach", „Agadoth" ist sein Poem „Daniel be gob harajoH" zu nennen; ferner die Gedichte „Mosche" und „Aloto" unter «dem Eindruck der Kischenever Jndenmetzeleien. Frischmanns Spezialität war das Feuilleton; an besten französischen und Wiener Vorbildern geschult, vermochte er die hebräische Sprache zu modernster Modulations- und Ausdrucksfähigkeit zu bilden. In den letzten Jahren erschienen seine Feuilletons, besonders in der hebräischen Zeitung „Hazefirah" und im jiddischen „Hajnt", beide in Warschau. Dort übernahm er -auch im Kriege die Redaktion der im Verlage Stybel herausgegebenen Vierteljahrsschrift „Hat'kupha". Frischmann hat auch eine schr reiche Uebersetzungstätigkeit entfaltet. „Rabbi Goethe". In der von uns bereits besprochenen Broschüre „Deutsche Klassiker im Ghetto" zieht Samuel Meisels eine Goethe-Anekdote aus der VergessenmM musmmmm ■üfiü ü