Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 15 (20.7.1922)
- Date
- 1922-07-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 1s Oie Wahrheit Serie 11 tages — ausgerechnet zum 110. — Jüan Jacques Rousseoius ein Feuilleton, das sich literatuHistorifch und geschichtsphilosophisch gebärdet, aber gleichwohl mit der Verstiegenheit abschl-ietzt: „Auch wir Inden haben eine Dankesschuld an ihn (RoNssean) aibzutraMr. Daß sich der Zionismus aus der unfruchtbaren Messrasschwärmerei des Ghettos zum politischen Streben Nach der heimatlichen Scholle gewandelt hat, ist auch nur eine der zahllosen Ausstrahlungen des Rousseanschen Gebots: „Rückkehr zur Natur!" .Unter der Suggestion dieses Gebotes hat Baron Hirsch seinen Plan gefaßt, die Juden wieder zu Ackerbauern zu erziehen. Aber erst Herz! Hat die richtige Erziehungsmethode gesunden; es ist die Roussüansche, ni<yt durch Zwang, sondern durch die individuelle Neigung des Zö'Aings, das pädagogische Ziel zu erreichen! Die individuelle Neigung des jüdischen Volkes gehört Palästina, .Mit dem es durchs göttliche Verheißung und irdische Geschichte ideell immer verbunden gebneben ist. Diese schwärmerische Neigung in den Dienst der jüdischen Rückkehr zur Natur und natürlichen Lebensform im eigenen Staate gestellt zu haben, ist das Verdienst unseres Herzt. Wir schmälern dieses Verdienst nicht, wenn wir die Genialität anerkennen, mit der der Begründer des politischen Zionismus seiner Schöpfung bewußt oder unbewußt erst Leben einge'ftößt hat,, indem er sie mit dem wirksamen Fluidum der Zeit beseelte. Dieses Fluidum ist ganz unleugbar der Geist Jean Jacques Rousseaus." Es ist sehr nett von Herrn Dr. Spiegler, daß er Herzls Verdienst nicht schmälert, was uns aber doch nicht abhalten kann, das Verdienst der Feuilletoniften um die Würdigung Rousseans als Pionier des Zionismus zu schmälern. Auch was von der Aktion des Baron Hirsch gesagt wird, bedarf einer Berichtigung, sonst könnte man glanven, der große Philantrop habe «die russischen Juden gezwungen, sich m Argentinien dem Ackerbau zu «widmen. Daß der edelgedachte, Millionen «fordernde Plan schtschlug, lag weder an Baron Hirsch, noch Ml den jüdisch-russischen Bauern, sondern an der schmählichen Verwaltung der Kolonisation. Derlei soll auch später bei länderen Wohltätigkeitsfonds sich ereignet haben. Des weiteren, Herr Dr. Spiegler, bestreiten wir, daß die individuelle Neigung des jüdischen Volkes Palästina gehört. Die Gruppe der Zionisten bedeutet noch nicht «das jüdische Volk irr seiner Gesamtheit, lind schließlich, Palästina wird trotz der Dielen eingewande'rten Chaluzim «kein Bauernland werden. Dagegen ist ein großer Anlauf zu Jndustriealisierung des Landes genommen «und auch der starke Zuzug der Intellektuellen ist nicht nass Agrarische gerichtet.. Der Ernst der Lage im Deutschen Reiche. Regierung und Volk haben sich auf sich selbst besonnen, sowie daraus, daß es nun um Sem oder Nichtsein geht und der Daseins- , kampf mit all der gebotenen rücksichtslosen Schärfe dnrchgeiführt werden muß. Es tritt dabei m Erscheinung, daß die höhere Bamtenschaft, namentlich Polizei und Justiz, bis irr «die Knochen monarchistisch verseucht ist und «die Bestrebungen der Reichsminister kontrakariert. Es wäre zu oerzweifeln an der Zukunft der Nation, wenn dem Umsturzgedanken der- Hakenkrünzler nicht, der.. Wille zum Lüben des -Volkes in den breiten Massen der güfamten Arbeiterschaft wirkungsvoll entgegentrete. Durch diese Tatsache wird auch den Regierenden und Machthabenden der Rücken gestärkt, .so daß selbst die äußeren Feinde des Reiches .an der voraussichtlichen Stabilisierung der Ordnung zu glauben beginnen. Allerdings müßte dieser Glaube «dadurch. Dertiest und gefestigt werden, daß die Schutzmaßregel -nicht -ans halbem Wege mit halben Mitteln innehalten. Es will wenig bedeuten oder helfen, wenn nach dien Göttern minderen Grades geahndet wird, wenn etliche Wirrköpfe von -grünen Jungen dingfest gemacht werden, aber die schlimmsten Drahtzieh,er ihre Tätigkeit fortsetzen können, so daß man bereits einem bevorstehenden neuen Putsch entgegenbangen muß. Noch schafft und -treibt die schwarze Seele der .volksv erraterischen Bewegung, der fragwürdige Held Ludendorff, sein Unwesen, ohne der Verbrechen überwiesen, oder in Präventivhaft genommen zu werden. Außerordentliche Zeiten rüfen nach wuhevordeintlichen Maßregeln und, wenn es sein muß, nach den bekannten goldenen Rücksichtslosigkeiten. Interpretationen. Sowie man. den besten Staat daran erkennen will, daß von ihm möglichst wenig gesprochen wird, dürfte dies auch-von gesetzlich «geschützten Heimstätten gelten. Nun aber wird «von der jüdischen Heimstätte Palästina seit der bedeutungsvollen Erklärung Balsours mit beängstigender Steigerung in der jüdischen, christlichen und mohMnmedaniiischen Welt gesprochen und noch mehr geschrieben. Bereits im fünften Jahre wird von allen beteiligten Parteien an der Balfour-Dekbarativn heruminterpretiert, ohne daß die gewünschte Klärung sich vollzogen häkle. Im Gegenteck, die Sache ist glücklich in den Zustand eines verworrenen Stadiums geraten. Oberhaus und Unterhaus «wollen «sich über die grundlegenden Bedingungen des Mandats nicht einigen. Auch der KonfM zwischen dem OberkommiMr und dem höher instanzierten Staatssekretär ist nicht beilegbar. Solche Unstimmigkeiten und Mißverständnisse veran tagten die englische Regierung wieder -einmal zu einer Eriklärung ihrer Paltästinapolitrt. Es kommt nicht daraus an, wie man dieses Dokument lieft, sondern auch wie man .es übersetzt. Nach «dem deutschen Wortlaut, den die „MorigenzeituNg" brachte, hat es den Anschein, daß der Translator keine glückliche Hand hatte. Um nur .eine «Stelle hevauszuheben: Die Wendung der Deklaration -besagt rächt, daß Palästina als Ganzes in ein jüdisch-nationales Heim verwandeltwerden soll, sondern, daß solch ein Heim in Palästina gegründet, werden soll. Ob verwand eilt oder gegründet, .es würde doch lauf eines hinauslaufen. Die Regierung erklärt auch, daß alle Bürger des Landes Nur als Palästinenser gelten «werden, wodurch einer Andersftaatlichkeit der Juden -vorgübeugt wäre. Gegen die Immigration hat die Regierung.grundsätzlich nichts einzuwenden, sofern «das ökonomische Fasfujngsverwögen es gestattet. Es kann also nach jeweiliger Auffassung der Behörde «unerwartet ein Einwanderungsnumerus clausus geschaffen werden. Ein wunder Punkt, daß Personen, die politisch unerwünscht sind, von Palästina ausgeschlossen werden. Nun aber sind die meisten der letzteingewanderten jungen Leute .aus dem Osten >kommunistisch gerichtet, also politisch unerwünscht. Hier ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. Die zionistische Exekutive (spr. Herr Weitzmann) hat mit ihrer letzten Eingabe die Interpretationen der Regierung zu Interpretieren versucht. Das jüdische Volk wisse nun, daß es von Rechts wegen in Palästina wohnen soll. Nun, auch in jedem anderen englischen Dominium können Juden wie Nichtjuden non Rechts wegen leben. Wozu -also die große Geste des beruhigt Zufriedenen? Damit ober auch die englische Regierung sich beruhige, erklärt Herr Weitzmann, «daß durch seine Exekutive die bürgerlichen und religiösen Rechte, oder materiellen Interessen der nichtjüdischen BvvöWerunlg nicht geschädigt werden sollen. Das würden sich übrigens -auch die Regierung und die Araber nachdrücklichst verbitten.