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Die Wahrheit · 1922-07-20 · Heft 15 (20.7.1922) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 15 (20.7.1922)
Date
1922-07-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 1ö ' Seite 6 Ich kam sM.am Abend mä Györ im Auto dcchingeifahren. SM lagdie An Kriege; im- Herzen des BaLonyerwawes ack boe entstandene,, mit allem Komfort .und modernen Einrichtungen ans gestattete Fremdenstadt da. Von . Minute zn Minute erscholl der Ruf „V1§^L2>" (HM acht!) Der das ganze Lager umkreiste und im Walde einen starken Widerhall verursachte, ©m Soldat, der am Eingangstor Wache hielt, isührte mich auf den Wachtturm, wo. ich; mich dem dienjthabenden Oderleutnant zu melden hatte. Ich erkannte in diesem einen lieben Kameraden aus dem Felde, der einem gleichen Schicksal wie ich es zu verdanken hatte, in diesem Lager, fern von. den .Drahthindernissen und Schützengräben, abseits vom. Getöse der Kanonen und Geräusch der Niumtionsko können, sich zu befinden. Da es draußen herrlich war, so entschloß ich mich, noch während der Nacht durch das Lager eine stunde zu machen und mir - das ganze, für mich neue Getriebe anznsehen. Mein Freund, der gerade um diese Zeit abgelöst wurde,, war mein Führer. Zwischen den Hunderten von Baracken, in die wir bald hmeingerieten, raschelte ein kühler Wind und um die Mondsichel flimmerten kleine Sterne; sie sahen auf die dumme Kulturwelt -mit ihren Dumdum-Geschossen erbarmungsvoll herab. Vor dem Fenster einer Baracke blieben wir stehen. Wir hörten ein tiefes wehmütiges Schluchzen. Beim Schein einer mattbrennenden Kerze saß ein Ntaun auf dem Boden über ein Buch tief gebeugt und weinte. Die Melodie war herzzerreißend. Mein Kamerad, ein Nichtjude,, sagke ganz gerührt: „Das ist ein jüdischer Rabbi, der durch die Blödheit unserer Militärbehörden . zum Soldaten, gemacht wurde. Er verrichtet um diese Zeit sein Gebet, das geht so Nacht für Nacht." Seinen Namen kannte. er wohl nicht, aber er wüßte mir zu schildern, wie dieser Mann sogar, in der militärischen Zwangsjacke an allen rituellen- Vorschriften zäh sesihält, er hungert, wenn er kein Ko scher-Essen bekommt, und wie er vor dem Lagerkommandanten geweint hat, daß er ihn vom Schreiben am Sabbath befreien soll, was, neben bemerkt,.dieser/ein prachtvoller Kerl, gestMet hatte. Ich dachte gleich, der Mann muß ein Chasfkd sein, ich hatte unter den Ehassidim viele solche ernst-tiefe Ge-- sichrer gesehen. - Wir ließen es uns nicht nehmen, in das Zimmer.' hineinzugehen. Leise, schenvoll betraten wir es'; ich hatte das Gefühl, ich betrete ein Heiligtum. In heiliger Ekstase in -ein kleines Büchlein versenkt, leise murmelnd,, empfing er uns mit einem schweren Seufzer und, war über, unser Erscheinen ganz pass, denn es soll, allerdings zu seinem Ruhme, nicht geleugnet werden: Bloch ist ein guter Nieusch, ein. kundiger Kabbalist, ein im jüdischen Schrifttum gut bewanderter Mann;— als Soldat aber war er ein schrecklicher Schlemiel. Selbst mit der Kunst des Salutierens konnte er sich nicht znrechtsinden. Ich fragte ihn, ob es ihm beim Militär so schlecht geht, daß er deshalb weinen muß. Er erwiderte: „Ich darf über ein Los, das der Himmel über mich verhängte, nicht klagen. Uebrigens erweisen mir der Herr Lagerkomman-. baut und die übrigen Herren Offiziere Gefälligkeiten,; sie haben mir sogar ein besonderes Zimmer zngewiesen, damit ich in der dienstfreien Zeit ungestört meinen Studien obliegen kann. Mein Weinen hat daher mit dem Soldatentum nichts zu tun, sondern es rührt von ^meiner Mitt'ernachtsklage um die Zerstörung unseres Tempels her und nur die Psalmen, die ich las, rührten mich zum Weinen."' Ob dieser.Antwort traten mir -die Tränen in die Angen. 'Aber ich, spielte die Rolle Josephs igegen seine Brüder; ich. gab mich nicht zu erkennen. Ans meine weitere Frage, ob denn das jüdische Gesetz so rücksichtslos ist, selbst im Kriege, wenn man keine rituelle Kost beikommt/ das Tresa-Eßen zn verbieten, richtete sich Bloch wie ein wahrer Soldat stramm, «aus und ^erwiderte: „Disziplin, Herr Oberleutnant, Disziplin!" Aus seinen Aingen aber leuchtete ein Feuer. Er «erläuterte dann feine Antwort folgendermaßen: .„Nach den von unseren Weisen zugonndegelegten Vorschriften soll man, wenn man sich in einer Zwiangslage befindet, auch Trefa essen, .aber ich mache hier Schule mit: ich lerne Disziplin halten; daher will ich lieber hungern als Trefa essen, denn ich bin nicht berufen zu ent'jcheiDen, wie groß die Zwangslage sein muß, um vom Verbote des Trefa-Essens entbunden zu sein."; Ich gab mich chm nun als Jude zu erkennen und wurde feit diesem Tage sein Freund, und Verehrer- Einige Tage später führte mich der Weg an einer k. u. k. Baracke vorvei, in der Bloch seine neue Wohnstätte zngewiesen bekam. Es war spät abends und das Zimmer war hell beleuchtet. Bloch saß an feinem tintenbefleckten Tisch und arbeitete. Mit der linken Hand führte er jedesmal, ein Stückchen trockenes Brot seinem Niunide zu, mit. der Rechten aber schrieb er feine Werke. Ich traf ihn, als er an seinem Tagebuch arbeitete. Es betitelt sich: „Kriegstagebuch eines Juden" uUd auf dem ersten Blatt war ein Gedicht zu lesen ,das ich damals .Ms großer Ergriffenheit abschrieb. Es lautet: 15. Oktober. (Beim Wgchen an die Front.) Ich' bin' n icht der einst es war, . Ich wußte stets nur vom Beten Und stehe nun doch in der HöllegjchaHr: MM will mich schicken Menschen töten. . - Ich weiß nicht ob ich,'s schuldig bin — Blut soll rinnen von meinen fänden? Und Menschenmorden soll beschäftigen meinen Sinn? Dazu gabst, o Gott, Kraft meiner? Lenden? Du. o Gott, ist das in deinem Ratschlüsse? Dann folge ich deinem Willen ohne Zaudern, Doch vergib' dem Herz, das voll ist der Buße Und ich gehe in den Tod ohne Schaudern. Das Tagebuch enthielt ungewöhnlich herrliche Gedanken über Menschentum nnld Judentum. Seine Worte waren Prophezeiungen — ich sehe sie nun als Wirklichkeiten! — und Protestrufe gegen die Gottlosigikeit Europas. Ich befühl ihm, das Tagebuch gleich zu vernichten; wenn es einem Kriegsbegeistevten in die 'Hände siele, würde er als Aufwiegler, Verräter und Gott weiß was noch vor ein Kriegsgericht kommen. - Bloch sagte mir -oft und oft, er hübe an die Güte der göttlichen -VorfchuNg Vertrauen und er sei vollkommen überzeugt, daß dies alles, was wir erlebt 'haben, nur die Wehen einer neuen Menschheit sind. Ich, der Zeuge seines Hunigerns und feines Leidens, seines Tuns und seines SchMens, wünsche ihm Ms ganzen Herzen,' daß er hie Geburt dieser neuen Menschheit erleben soll! .; , „ . Wege« Renovierung unserer Druckerei erscheint die nächste Rümmer der ^Wahrheit" am 11. August d. F.

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