Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 14 (7.7.1922)
- Date
- 1922-07-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Gesundheit, um aus den bisherigen Wegen rüstig wviterfchrotten zu können. Oberkantor Löwit: Hochverehrter Meister! Ich habe die ehrende Mission, Sie, verehrter Meistör, namens des österreichischen Kantoreuvtesveiines, ilnslbejsonders namens der Wiener Kantoren zu Ihrem 70. Geburtstage aufs herzlichste zu begrüßen unld zu beglückwünschen. Um der Fr<age zu begegnen, wie kommt Alfred Grünfeld zu den Kantoren ober diese zu chm, will ich hervorheben: Wir schließen uns nicht nur der zahllosen Menge Ihrer Verehrer am heutigen Tage an, sondern wir feiern in Ihnen den Gottbegnadeten „Sänger", der seine Zuhörer mit seiner erhabenen Kunst zur Andacht zwingt. Mögen die herrlichen Töne, die sich mit zunehmenden Alter veredeln und immer schöner werden, sortklingen znr Zierde und Freude <ber Kunst, Ihrer Verehrer und des Judeirtums! Dramatiker Dr. Hans Müller im Namender Freunde des Jubilars u. a.: Mein lieber Alfred! Deine Freunde sind Dir hierher gefolgt, wie sie Dir überallhin folgen, wo Du, sei es auch nicht als Künstler,, sondern wie heute als Jubilar austrittst. Ich Vars nicht sagen Deine Freunde, sondern nur ein kleiner Teil Deiner Freunde. Denn wollten alle Deine Freunde sich einstellen, dann würde auch der prächtige große nmeöbaute Tempel der Leopoldstadt sie nicht fassen. Dann müßte man über ganz Wien einen Kuppelbau errichten, um sie alle unter einem Dache zu vereinen. Ich habe Dir schon viel Liebes und Schönes gesagt, aber eines muß ich Dir heute zum ersten Male bekennen: Der Herr Oberrabbiner hat in seiner ausgezeichnieten R-ede, die ich vom ersten bis zum letzten Wort -von ganzem Herzen unterschreibe, dem Gedanlengange eines jüdischen Priesters entsprechend und durchaus zutreffend, Deinen Zusammenhang mit dem Judentum betont. Wer die Welt da draußen, die sonst von sv argem Religivnshaß zersetzt ist, sie hat noch nie gefragt, ist Alfred Grünseld Jude? In dieser Ueberwirchung des Glaubensunterschiedes, soweit er Deine Person betrifft, zeigt sich Deine Größe und Bedeutung. Ein Alfred Grünseld ist für die Welt nicht Christ, nicht Jude. Er ist Alfred Grünfeld. Aber noch in ebner anderen Hinsicht versöhnst und überbrückst Du den Unterschied der Bekenntnisse. Wenn inan Dich spielen hört, vergißt man diese Unterschiede. Christen und Juden fühlen sich nicht als Christen und Juden, sie fühlen sich als Menschen. Und ein Dichter, der der größte Dichter nicht nur der Christen, sondern auch der Juden ist, Goethe, perlcmgt vom echten Künstler, daß er verchelnd wirke uard von jedem wahren Kunstwerk, daß man gebessert von ihm gehe.' Und das ist das Geständnis, daß ich Dir heute Ableger'So oft ich Dich gehört habe, bin ich stets gebessert fortgegangen, und ich habe mir jedesmal vorgenommen, nichts Böses zu tun. Und so bist Du uns der Versöhner der Gegensätze. Aber nicht nur als Künstler, sondern, wie gleichfalls der Herr Oberrabbiner hevvorgehoben hat, als Mensch mir rein menschlichen Vorzügen. Derselbe Goethe hat ein andermal gesagt: Höchstes Glück der Menschenkinder ist doch die Persönlichkeit. .Auch das trifft auf. Dich voll und ganz zu. Wer so Wie'Du die Herzen bezwingt, der rnuß eine edle Persönlichkeit^ der muß ein giftiger Meüsch sein. UM so nimm von mir als meinem Deiner wärmsten Freunde und Verehrer den Herzlichsten Glückwunsch entgegen, bleibe uns erhalten wie Du warst und wie Du bist, bleibe unser A l fr ed Grünseld. Rasse, Volk, Nation. Bon Dr. Max Grunwalb. (Fortsetzung.) Die Golah. Was >wurde nun aus der Judenheit, die mit allen Attributen einer Nation in Palästina erscheint, nach dam Untergang des jüdischen Staates, nach dem ersten Falle Jerusalems? Eine Golah, das heißt eine - Deportiertenkoilonie, die, wie etwa die exilierten Seriben während der. österreichischen Okkupation im Weltkriege. unter der Leitung ihrer Regierung, unter der geistigen Führung ihrer Propheten blieb. Ihr begeistertes Wort erhielt in den Hertzen die Sehnsucht nach dem Heiligtume aus Moriah - und den Gräbern der Väter wach. Dementsprechend bildeten die mit Esrü Zuibückgekchrtetr eine' -autonome Kultusgemeinde. Hieraus entstand jene Hierarchie, die, von Titus zu Boden geschlagen und ihres Mittelpunktes, des Tempels, beraubt, dann von neinem. als Relßgioinsgemeinde sich erhob, um mit dem übermächtigen Rom den ungleichen Kampf für Gewissensfreiheit an'Mnehnten, 'der mit dem Verlust der nationalen Heimat Pcckästin'a kündete. Und nunmehr, >aberma!ls unter die Völker verstreut, wurde die Judenheit wieder durch geistige Führung zusamrnengch alten zur Golah, die die Erinnerung an die Vergaüigenheit, die Sehnsucht nach der Kulturstätte in Jerusalem und der Freiheit aus eigenem Grund und Boden, did Uebüng der religiösen Geölte, die Hoffnung aNs den zugleich Nationalen und internationaken Erlöser lebenldtz lwchjelt. Die wichtigste Wendung in den Geschicken der Judenheit seit der Tempelzerstörung durch Titus -trat mit 'der politischen Emanzipiativn ein, einer unausweichlichen Konsequenz der wertvollsten Schöpfung der Ansklärungstzeit, des Rechtsstaates. Der Rechtsstaat - kennt nur Bürger, Individuen mit -gleichen Pflichten und gleichen Rechten. Seine Idee ist die der 'bürgerlichen Freiheit. Er ist ,/der Organismus.einer Gruppe von Menschen, die düpch eihsengeartetes Gemeinschatftsbewüßtsein und Vevan-tw!o-rtungsgefühil untereinander -verbunden sind und! lsüreinander einstehen" (Brunner). Ihr 'Wille zur Einheit des Staates, ihre Einigung durch sich seilber -ist die Nation. Sie ist „das Innen, die Seele, das Leben zu dem Außen, dem Staat", somit ein politischer Begriff. Am 'vollendetsten tritt diese Errungenschaft der Neuzeit uns entgegen in den Vereinigten Staaten. Nationalitäten zählt man dort eiüe Unzahl, ebenso wie Konfessionen und Sekten. Alle aberfühlen sich als eine Nation-. Die . Union würde sich selbst verleugnen, wenn sie den Grundsatz verließe: „La rechiejrfche die to ariaitiiariaiffitS oai dle lila reHjgjkHi] esl intendßte". Der Weg führte vom: „I^ölüit e'-est mc»>" über Friedrich den Großen, den „ersten Diener seines 'Staates", znm: „L'etait c'est Ela niaitilani". „Alles für das Volk durch das Volk." Es gibt sowenig eine besondere Staatsn a t i o n, wie es eine Staatsrelig i o n geben darf. Und eine Nationalstaat ist ebenso unhaltbar wie ein konfessioneller Staat. Das Wort Wilhelms II.: „Chriftlichsozial ist Unsinn. Christlich ist sozial", läßt sich variieren. „Natronälstaat ist Unsinn, höchstens parteigehässige Lustkonstruktion. Staat i st Nation." Ist der nioderne Staatsgedanke stark genug — das große Amerika wie die kleine Schweiz, hier sogar räumlich geschiedene, verschiedeneNationalMtün — in einer Nation zuslammienzuhvlten, ohne die eine ans Kosten der arideren mit -Vorrechten aüsznstMen, so hätte Ungarns- Hütte vor 'allem Oesterreich sich erhalten GnNen, itvenn nicht eben, die-Geschichte lehrte, daß man von ihr nichts lernt. . ' . (Fortsetzung folgt.) . ,