Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 13 (23.6.1922)
- Date
- 1922-06-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 11 Nr. 15 Von Nah und Ferm p|g Verein der Freunde des Leopoldstädter Tempels. Un-. mittelbar nach dem ' verheerenden Brande, -dem der Loopoldstüdter Gemeindetempel zum Opfer 'fiel, gründeten Freunde des prächtigen Gotteshauises ein Aktionskomitee für seinen Wiederaufbau. Das Komitee Hat in aufreibender Arbeit sich erfolgreich bemüht, dieses Wahrzeichen der Leopoldstädter Juidenschaift wieder ansnnd, soweit es die nnglücksösigen Zeitberhältmsse gestatten, würdig einzurichten. Im LEnrse dieser Arbeit ergab sich die ' Notwendigkeit, dem Komitee den Charakter einer juristischen Persönlichkeit zn erwerben. Auch empfahl es sich, dieser Arbeitsgemeinschaft ein« festere Struktur zu geben, als sie die Form eines Komitees darstellt. Uebevdies entwickelten sich unter den Mitwirkenden im Laufe lder Zeit Beziehungen, die über das enge Programm des -rempelbaues hinausgrissen und in ihnen, den Wunsch nach Zw fammenschluß eines Vereines rege werden ließen. Dieser Verein ist nach behördlicher Genehmigung der Satzungen in der konstituierenden Versammlung am 14. Juni d. I. ins Löben getreten, die zahlreichen Besuchs unter anderem als Vertreter des Knltnsvorstandes Herrn Kuktnsvovftcher' D. D o h a n, aufwi.es und einen würdigen Verlauf nahm. , Rechtsanwalt Dr. Ed. T h a l e r, als einer der Proponenten, eröffnete die Versammlung mit einer Be- - grüßnngsansprache, in der er besonders hervorhob, daß der Verein sich mich, die Hdbung des Gemeindölebens znm Ziele gesetzt hatte. Nach Verlesung der Statuten des. Vereines wurden in den Vorstand 'gewählt: Moritz A p t e, Beruh arid Enge l, Sigmund E r n st, A. G r ü n h u t, Direktor - Julins 'Haber, K r i e s h a b e r, Direktor Alfred Landesberger, Meister, Rechtsanwalt Dr. R a b i n o w i tz, Carl Schnitze r, Knltirsvorsteher Isidor S ch w a r z, Gememderat Dr. Rudolf Schwa r z- Hi ller, Rechtsanwalt Dr. Eid. Thate r, Dr. Oskar Wagner, MedizinälMt Dr. S. Weiß -und Frau Kommerzialrat S e i d l e r, 311 Revisoren die Herren Karl Kal mann und N. Reis ne r. Hierauf fand die Konstituierung des Vorstandes mit Herrn Dr. Thal er als Obmann, sowie die Einsetzung eines Sammels- und eines Gesellitzkeitsk0mütees statt, in die als Beiräte des Vorstandes von Vereinsmitgliedern n. a. die Herren Julius B e cf, Kultusvorsteher Julins B e r g e r, Franz D' e n e s, Sekretär Guido F u ch s g e l b, G r n be r, Julins Huber, die Redakteure Ludwig H irs chse l d und S. K 0 h n, Rechtsanwalt Dr. E. Mnnz, Fritz Oppenhei m, Gustav P l a m e r, Dir. I. R 0 s n e r, Inspektor Max Schwager, Dr. T h a 4 e t jnn., S. Wechsler Weiner nnd Winter kooptiert wurden. Unter allgemein lautem Beifall wurde Herr Dir. Alfred Lande sb e r g e r, dessen außerordentliche Verdienste um den Wiederaufbau' des Tempels gebührende Würdigung fanden,' zum erstein Ehrenmitglied des Vereines vorgeschlagen. Ebenso fanden die Bemühungen des Herrn Inspektors Max Schwager um die innere Ausgestaltung des Tempels verdiente Anerkennung. Der Jahresbeitrag für ordentliche Mitglieder ist auf K 300 festgesetzt. Anmeldungen werden in der Kanzlei, 2. Bez., Ferdincmdstraße 23, oder von den Vorstandsmitgliedern entgegengenommen. Auch unseren jüdischen Sommerfrischlern zum Lesen empfohlen. Unter dem Titel „Bayrische Sommerfrischen" schrieb ein Herr Hans Guagenheimer in der „C. V. Zeitung" einen warnenden Artikel, auf den ein Leser mit folgendem reagiert: „Im ersten Teil gibt Herr Guggenhermer zu, daß es in Bayern vor - dem Krieg eigentlich keinen Antisemitismus gegeben habe; die heutige Verbreitung des Judenhaffes sei am größten im bayerischen Oberland. Er schildert dann in sehr charakteristischer Weise, wie der Antisemötisnms znstande gekomnlen ist: nämlich durch das ges ch m ack- und t akt l0 fe B eneh.m en mind e r w e r t i g e r Juden, welche glauben, mit chrem typisch jüdischen Aeußeren in Lederhosen und Wadenstrümpfen umhergehen zn muffen, die Frauen dazu mit großen Brillanten nnd Perlen behängt. Und um dieses Häufleins minderwertiger Gesellen wegen soll die ungleich größere Menge naturbsgersterter, geistig hochstehender, sich tadellos benehmender Juden das schöne Bayerland meiden? Würden wir damit nicht zugoben, daß wir das Auftreten der anderen billigen, daß wir uns eins mit ihnen Wien?. Nein, mein Herr, ich bin der entgegengesetzten Ansicht. Wir a n st ä n d i g e n, bescheiden auftretenden I u d e n s 0 l l e n d a s B e n e h m e n j e n e s P r 0 tz e ng e s i n d e l s e r ft recht brandmarken, wir sollen uns woh l als Juden zu erkennen geben, aber ihnen zeigen, daß sie die Schuld wagen an dem Wachstum des Antisemitismus. Ich war vor dem Kriege drei Jahre hintereinander mit meiner Frau und Tochter in Schliersee, wo Juden nur in sehr geringer Menge vertreten sind; in unserem Hotel zeigten sich Juden nur ganz vereinzelt und wir merkten bald, daß die Wirtsleute auf jüdischen Besuch keinen Wert legten. Wir scheu alle drei gar nicht jüdisch aus und wurden sicher in «der ersten Zeit für Christen gehalten; als man uns erkannt hatte — hauptsächlich wohl durch den Besuch von Verwandten mit jüdischem' Aussehen und ebenso klingenden Namen — war in ihren Herren kein Platz mehr für antisemitische Gedanken. In der Folge hat sich zwischen unseren Wirtsleuten und uns eine herzliche Freundschaft.entwickelt. Es fehlte ihnen, wie den meisten Christen, «die Kenntnis, den gebildeten, besseren Juden von dem minderwertigen zu unterscheiden. Wiederholt habe ich ihnen, wenn anscheinend christlich auÄsjchende, über uns als Juden bekannte Gäste in ihrem Gasthos erschienen, auseinandorsetzen können, daß es doch viel mehr anständige, bescheidene „ganz wie Christen" auftretende Juden gebe, als sie je geglaubt haben." In ähnlichem Sinne ist die folgende Mahnung des Allgemeinen R abbinerverbaudes in Deutschland zu würdigen: „Das Bedürfnis der Erfrischung und Msfpanmmg führt viele unserer Glaubensgenossen, zumal in den Sommermonaten, hierhin und dorthin. In der Art der Erholung, ganz wie in seiner Arbeit tut das Wesen des Menschen sich kund. In der einen wie in der anderen wird er von den Mitmenschen gesehen, an der Statte der Erholung noch mehr, als an der Stätte seiner Arbeit. Das Urteil über ihn, über den Juden und die Jüdin, wird dort zumal gefällt und wird zum Urteil über das Judentum. Auf allen seinen Wegen sollte jeder von uns -dessen bewußt bleiben, daß die Würde des Judentums ihm, seinem Tun und Lassen, seinem Sprechen und Treiben, anvertraut ist. Wir rühmen uns nr.serer Geschichte: Geschichte ist Adel, ist Vollkommenheit. Wahre Vornehrnheit zeigt sich in der Schlichtheit, dieser Würde des Lebens. Legt alle überall und stets Zeugnis davon ab, wie der wahre Jröde, die wahre Jüdin ist/