Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 13 (23.6.1922)
- Date
- 1922-06-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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[fjätex ihre jüdischen Anhänger über Bord werfen wird, nngmchtet des legitimistischen Standpunktes. Ein wahnsinniges Unterfangen ist es umsomehr, als der Zeitpunkt, den diese Herren für die Parteigrünidung gewählt, für sie wohl ein günstiger, für uns Juden aber ein sehr schlechter ist. Wir gehen Zeiten entgegen, in denen der Weizen der „OefterrÄichischen Sbaatspartei" zu blühen scheint, die aber in Wirklichkeit nur die Stärke von. Parteien erweisen werden, die dem Monarchismus spinnefeind sind. Der Bundeskanzler Dr. Seipel sagte im Oesterreichischen Bundesrat: „Die Vorgänge an der Börse, die unbegreifliche und innerlich in nichts begründete Valute nhausse bedrohen unser ganzes staatliches und wirtschaftliches Leben ans das höchste. Denn wenn diese Dinge nicht vorübergehen, oder ihnen nicht ein Riegel vorgeschoben lvi-vd, könnte unsere Bevölkerung, die doch durch ' ihre Geduld und Besonnenheit so ausgezeichnet ist, vre lleichtdochdie Ruheverlieren und sich zu einem eigenmächtigen Vorgehen gegen jene aufgestachelt fühlen, die entweder wirklich oder dem Scheine nach die Schuld an den betrüblichen Erscheinungen auf den: Devisenmärkte tragen." Wird es dann ohnehin schon heißen, die Inden sind an der furchtbaren Lage schuld, um wieviel mehr ist dieser Ruf berechtigt, wenn sich Inden unter den Anhängern einer Staatssorm befinden, die abgewirtschaftet hat und trotz der Bemühungen der Herren Wolfs und Hoynigg kaum mehr neu entstehen dürfte. Aus dem alldeutschen Fälschereibetrieb. Kurt Eisuer ist tot und Mäx Maurenbrecher, die „Seele" der Berliner „Deutschen Tageszeitung" lebt. Der Lebende hat nach reingermanischen Moralbegrissen das Recht, den Toten, wenn dieser dem Judentum entstammte, zu schmähen und von dem Einzelfall zur Verallgemeinerung auszusteigen. So tut nun Herr Maurenbrecher in seinem Blatte. Nach heuchlerischer Würdigung des Eisuer'schen Charakrers, um Unbefangenheit zu markieren, findet er als Triebfeder des Vorgehens Etsners wilden, unbezähmbaren, bis zur Raserei verblendeten Haß der jüdischen Rasse gegen das Kaisertum der Hohenzollern, das deutsche Heer und die Großmachtstellung des Deutschen Reiches". Welche Folgerungen zieht der Leicheuschänder und Lügner aus seinen Feststellungen? Man müsse die Juden des deutschen Reiches entrechten und sie daraus vertreiben. Im Fordern ist Herr Maurenbrecher nicht blöde. Sein Ideal ist das Mittelalter und neuzeitliche slawische und magyarische Verfahren gegen Juden. Solche publizistische Mordbrennerei, die bei der großdeutschen Psyche unausdenkbare Wirkungen haben . kann, wird unbehindert geduldet und muß dadurch die Meinung wecken, wer schweigt, gibt zu. Auch die Tagespresse findet keinen Anlaß, dem Pogrombegehren Maurenbrechers entgegen zu treten, als ob die Juden im Deutschen Reich wirklich Staatsbürger zweiter Klasse, ja mehr noch, Schädlinge der Gesamtheit wären. Nur in der „C. V. Zeitung" findet Maurenbrocher durch Ludwig Holländer eine schneidige Abfuhr. Eigentümlicherweise verhalten sich die übrigen jüdischen Zeitschriften zu dieser wichtigen Sache auffallend kühl und reserviert. Die Berliner „Jüdische Rundschau" glaubte schon genug getan zu haben, wenn sie aus' dem judenhetzerischen Arikel der „D. T." einen Satz produziert und mit der Bemerkung schließt: „Wir registrieren diesen- Artikel (?) ohne weiteren Kommentar. Warum tut sie das? Glaubt sie es, ihrer. Parteistellung schuldig zu sein, oder wenn es einmal bei den Maurenbrecherleuten ums Ganze geht, daß die Leser und zionistischen Klienten der I. R. Gnade vor den Angen dieser Horden finden würden. Damit erledigen sich auch die abfälligen Glossen, womit die eigenbrödlerischen deutschen zionistischen Kreise und ihre Presse das Wirken des Zentralvereins als „Kleinarbeit" beurteilen. Christliche Kolonisierung Palästinas? I. C. B., dessen Meldungen nicht immer Ms dem Gebiete der Tatsachen kommen, weiß von einer geplanten christlichen Kolonisierung Palästinas, die Monsignore B a r l a s s i n a als Mittel zur Behinderung eines „Jüdischen Königreichs" beim Papst persönlich angeregt haben soll, zu berichten Wir halten weder den Papst noch Monsignore Barlassina für so einfältig, den Gedanken an ein „Jüdisches Königreich" an Stelle der gesetzlich geschützten Heimstätte RMm zu geben. Es tarnt sich hier vielleicht um eine antisemitische Preßphantasie handeln, die merkwürdigerweise durch ein jüdisches Nachrichtenbüro Flügel bekommen hat. Schulverbot für Nathan den Weisen. Der holländische Unternchtsminister de Visser fand sich bewogen, Lessings Drama „Nathan der Weise" Ms der Bücherliste der höheren Bürgerschule in Amerssort zu streichen. Auf eine diesbezügliche Anfrage des Mgeordneten Beernstein erklärt^ der Minister, diese Maßregel sei notwendig gewesen, weil die Amerssorter Schule van Schülern verschiedener Glaubenbekenntnisse besucht werde, die an dem Inhalte des Buches Anstoß nehmen, weil es eine Lehre enthält, die mit dem positiven christlichen Glauben schwer vereinbar sei und-die Figur des Patriarchen unangenchm empfunden werde. Dagegen ließe sich' verschiedenes einwenden. Vorerst, daß auch andere höhere Schulen Hollands van verschieden-konfessionellen Schülern besucht werden, lagischerweise der „Nathan" mit einem Landesverbot belegt werden müßte. Es scheint übrigens sehr fraglich, ob die jungen Menschen der Amerssorter Schule van so klerikal-reaktionärer Gesinnung sind, wie der Herr Underrichtsmimster glauben nrachen möchte. In einem solchen Falle wäre es Aufgabe und Pflicht des Literaturprosessors, seine Schüler über den wahren Geist dieses Dramas der reinen Nächsten- . liebe und religiöse Duldung aufzukläron, sowie darüber, daß der „unangenchm empfundene Patriarch" mit seinem blindwütigen Fanatismus als Folie des humanen Nach ans die Gegensätze erst ins wahre Licht stelle. Schon der eine Ausspruch des Weisen: „Was Euch mir zum Christen machte mach! Euch mir zum Juden!" widerlegt alle vorgebrachten Bedenken des Ministers. Es scheint, daß er weniger van grundsätzlichen Bedenken, als von dem Begchren einiger dunkler Amerssorter Spieß- und Pfahlbürger zu seiner Verfügung veranlaßt wurde. Diese Willfährigkeit gegenüber einem Soudenvuuiche ist das Schlimmste in einem Nechtsstaate. Es beginnt zu tagen. An die dem Verein der Wirtschastsverbände angeschlossen en Vereinigungen der geistigen Arbeiter ist ein gedrucktes Zirkular gelangt, in dem Mißstände in der Gebarung jenes Vereines' von denr Unterzeichner des Rundschreibens, Ing. Rob. Hauser, Generalmajor d. 9t., aufgedeckt werden. Als Vorftandmitglied, Kassa- und Buchführer des Vereines erhebt der Genannte gegen dessen Präsidentin FxM H. GrMitsch und andere mit Namen angeführte Vereinsfunktionäre Anklagen, die in irgend einer Form der Oeffentlichkeit ihre Austragung finden müssen, lieber den Verbleib verschiedener dom Anslande gewidmeter Spenden wird hier .eine Aufklärung ge-