Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 13 (23.6.1922)
- Date
- 1922-06-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5 Nr. 1Z . L' i e Ä Ein ebenfalls spezifisch jüdischer Zng im Wesen Alfred Grünfelds ist seine grenzenlose Güte, die ihn die Greuel des furchtbaren Weltkrieges zu verabscheuen zwang:' Der bekannte Schriftsteller Hans Müller erzählt in einem Brief an den Meister von ihm folgende charakteristische Eindrücke aus der Krilegszeit: „Ich weiß, wie Du am Krieg gelitten hast. Du liebst ja die österreichische Scholle wie Dein Vaterhaus, und Menschen gemartert zu sehen, ist Dir nicht gegeben. Svhast Du Dich jahrelang gegen das Dunkle ringsum gewehrt, mit der ungestümen Hoftnungskrast Deiner Natur, und in Deinen Stuben auf dem Getreidemarkt sollte auch während der schwersten Zeit der Glaube an eine gute Weltordnung nicht ausgelöscht sein. Wie oft haben wir stumm dagesessen, um Deinen verwaister Flügel geschart, irgendein Unsaigbares, machte rrns Wangen und Lippen weiß, keiner von uns konnte ein Wort hervorbringen. Du aber kamst dann aus einem Verwundetenspital zurück, wo Du die Armen aufgerichtet hattest, sahst uns gefaßt in die Augen, versuchtest zu lächeln, sagtest: „Es wird nicht mehr lange dauern" und — setztest Dich an Dein Klavier." Wahrlich, das Judentum und das Wienertum haben Anlaß, einen ihrer besten Söhne an seinem Jubeltage zu begrüßen, ihn und sich aufrichtig zu beglückwünschen und diesem gottbegnadeten Künstler noch lange Jahre rastlosen Wirkens und Schaffens von der Gnade des Himmels zu erflehen. Werbet Abonnenten für unser Blatt! hrheit Die Bibel — das Zeugnis Gottes. Wenn der Pfalmenfänger fingt: „Deine Zeugnisse, Gott, sind sehr bewährt, . dein Haus ziert Heiligkeit^ Ewiger, für die Dauer der Zeiten" (Pf. 93, ö), so farm man hiebei zunächst an die Offenbarung am Sinai denken als die machtvollste unmittelbare Bezeugung. des Göttlichen in der Menschheitsgeschichte. Auch die Bemerkung des Kommentators Raschi zur Talmiudftelle Sanihedrin 11 Ib will eine Beziehung des erwähnten Psalmenverfes auf die besondere Offenbarung an Mose am Horeb bei der Mitteilung der sogenannten „dreizehn Eigenschaften", namentlich der göttlichen „Langmut", finden. Aber auf die Offenbarung an die Gesamtheit Israels als ein einzig wunderbares Ereignis, das sonst nie und nirgends sich je wieder begeben hat, weist Mose eindrucksvoll hin mit den Worten (Deuteronomium K. 4, B. 32, 33, 35): ,,Dann frage doch an bei den vergangenen Tagen, die vor dir gewesen, von dem Tage an, da Gott Menschen aus der Erde geschaffen, und von dem einen Ende des Himmels bis zum anderen Ende des Himmels, ob etwas, wie diese große Sache, sich sonst begeben hat, oder ob dergleichen je gehört worden ist? Ob ein Volk sonst jemals die Stimme Gottes aus dem Feuer reden hörte, wie du sie gehört hast, und ist leben geblieben?,... Dir ist gezeigt wovden, das heißt erlebt hast du die Erkenntnis, daß der Ewige der Gott ist, keiner sonst außer ihm." Doch die ganze Bibel, ihrem Inhalte nach, ist ein Zeugnis Gottes. Die Göttlichkeit der Bibel, der Umstand, daß sie nicht wie andere aus dem Altertum erhalltene Schriftwerke voll irrenden Menschen verfaßt ist, leuchtet für den denkenden und forschenden Leser, der sie mit Unbefangenheit und Unvoremtgenommenheit zu lesen sich bemüht, aus jedem Kapital und jedem Abschnitte hervor und daß der Herr Geheimrath Ihnen Empfehlungsbriefe j geben soll. Der Herr Geheimrath wird sie Ihnen auch geben — er ist ein guter Mann, der Herr Gcheimrath." Der Herr Geheimrath empfing mich Wirklich iiberaus gnädig und sagte mir gern Adressen zu. Ungnädiger, als dieser im Golde schwelgende Israelit, benahm sich der hochgeborene Herr Graf von Fries, als ich mich ansagen ließ. Sein Bedienter kam zurück mit dm Wort: „Der Herr Graf wünschen zu wissen, was Sie eigentlich wollen. Und wenn Sie eine Schrift bei sich hätten, so möchten Sie nur selbige mir übergeben." „Ich habe", erwiderte ich, „keine Schrift für den Herrn Grafen — nur eine Bitte Hab ich zu thun — nicht um Geld, denn ich brauche keines — nur um einen Brief nach Frankfurt am Main." Nach dieser Erklärung ließ der christliche Graf mich eintreten, hörte mein Begehren des Breiteten und nickte mir huldrckchst Gewährung, mich vornehm entlassend. Ei — dachte ich — da ist doch der Verkehr mit dem Krösus aus dem Stamme Juda weit angenehmer. Von beiden erhielt ich gar bald die verlangten Briefe an Leerse. 1. Band, S. 70 u. 71. 11. Jänner 1820. „Nathan der Weise." Der Jude trägt kein Geld mehr ein. Man sollte es einmal mit dem Shylock versuchen; aber den erlaubt — die Zensur? O nein! die Judenschaft nicht. Die. vornehme Judenschaft ist hier weit ängstlicher als jene Hamburgs. Dort ist es keinem Israeliten eingefallen, gegendie Vorführung des „Kaufmanns von Venedig" zu opponieren. Daß^ein Pasquill wie „Unser Verkehr" hintertrieben wurde, war gerechtfertigt, weil in dieser , Farce die Judenschaft beißend angegriffen und lächerlich gemacht wird; aber Shylock ist ja so eine grandiose Ausnahme seiner Nation, daß es keinem Hamburger Israeliten einsiel, sich mit ihm zu vergleichen. Und selbst dieser Wüterich Shylock — hat er unrecht, wenn er sich, wie ein hartgelretener Wurm heftig krümmt? Darf man ihm verargen, wenn er Pfui ausrust gegen eine Nation, die ihn anspeit, i. Band, S. 112 u. 113. 9. Februar 1821. Ich sah im Theater in der Leopoldftadt noch einmal „Die falsche Primadonna", weil ich gesonnen bin, diese Nolle in Frankfurt zu spielen. Im Parterre traf ich Herrn Pöllack, der stets mit zuvorkommendem, Wesen sich mir genähert hatte und auch heute seine wohlwollende Gesinnung für mich bestätigte. Ich sprach mit ihm von meiner Sehnsucht, den Juden Shylock im „Kaufmann von Venedig" geben zu dürfen. So aufgeklärt und klug ein Sohn Israels auch sein mag, nie will er eingestehen, daß Shylock ein Charakter sei, der auf der Bühne geduldet werden dürfe. Vergebens suchte ich das Grandiose des Shylock zu beweisen und das Kleinliche im Charakter des Antonio, der den Juden zur Annahme des Christentums, ganz gegen Christi Lehre, forcieren will. Vergebens führte ich cm, Shylock sei nur sin Individuum und kein Portotyp, gerade wie Franz Moor, der scheußlichste Charakter, den je Ne Bühne sah, nur als Individuum und kein. Prototyp, gerade wie Franz Moor,' zu machen. „Geschicht das am grünen Holze," dachte ich, ,Mas wird es am dürren Reisig alttestamen tarifcher Gläubiger werden!" . " \ - yc -- rr»