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Die Wahrheit · 1922-06-23 · Heft 13 (23.6.1922) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 13 (23.6.1922)
Date
1922-06-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Alfred Grünfeld. . Es gibt Namen, von. deren Mgüwohntem Klange Empfindungen der Wärme und des .innigen Bchagens ansströmen, weil mit ihnen auch das Bewußtsein fvöudrollen Zusonimeulebens, dankbare Erinnevnng an ideales Genießen verknüpft ist. NwMand besitzt für solches Innenleben größere Empfänglichkeit -als der Wiener, dieser aus Froh natur und Seelentiefe harmonisch gebildete Typus. Seit jeher bestand zwischen Hm und seinen Großen im Reiche der Kunst kausale Wechselbeziehungen. Man glaubt, behaupten zu dürfen, daß Beethoven, Schubert, Strauß, Vater und Söhne, Makart und viele -andere ihre sonnige HAhe dem spezifisch Wienerischen verdanken, aus «dem sie geschöpft und das sie des Gottes voll reflektiert Halben. Ebenso auf Wechselseitigkeit war das Lieblingsvevhältnis. Die Erkorenen und Berufenen, die dem Wiener'die Alltagsprosa verklärten, liebten eben dieses Wien, und dafür' stiegen auch sie zur bevorzugten Klasse seiner Lieblinge. Es sind dies gewissermaßen -rückschauende Betrachtungen, denn' die jetzt so ganz -anders beschaffene Wiener Luft ist nicht die Atmosphäre, in der die Lieblinge gedechen können. Wie immer -auch die Epigonen über „die gute alte Zeit" urteilen und wie unverkennbar der Einschlag abspvechenden Hochmutes ist, wenn man auf sie zu sprechen konmnt, das wird man ihr zubilligen mästen, daß sie jene Koriphäen hervvrgebracht, die andem Weltruhm der herrlichen Stadt an der schönen blauen Donau mitgewirkt. Allgemach sind die großen Meister, die vor Jahrzehnten so machtvoll -am Werke Waren, von uns gegangen und als einer der wenigen, die ewige Jugend im Busen noch schaffenssroh unter uns wandeln, ist Alfred Grünfeld anzusprechen. Der Siebzigjährige, der Jubelgreis, dem Nur die erste Hälfte des zusammengesetzten Wortes eignet. Es ist hier nicht der Platz, für tkunstkritische schematische Wertungen Prof. Alfred Grünfelds, nicht für sein Virtuosentum older die Sonderheit seiner vollendeten Technik. Wir halben uns nur mit dem glücklichen Dnalismusdes Künstlers und Menschen Alfred Grünfeld zu. befassen und nebenbei mit dem harmonischen Einklang' des Inden und Wieners. Wenn auch gewisse Kreise es nicht Wort haben wollen, daß Kr die Mische -und die Wiener Seele in einer Brust Raunr wäre, «unser jubilierender Meister ist ein versöhnender Protest gegen solche bornierte Auffastungen. Hier schen wir^ gottgewollte Assimilation. Grünfeld kann keine Tafte anschlalg'en, ohne daß die besondere Wiener Note, Wiener Leben mitklingt und schwingt. Darin liegt das scheinbare Rätsel, das Geheimnis feiner Erfolge. Wie der darstellende Künstler dem Werke des Dichters durch innerliches ErfassSn, Anschauen und empfindendes Interpretieren, die eigentliche Durchschlagskraft gibt, so Alfred Grünfeld, der Es den Tondichtungen das Wesen, in unserem Falle, das -Bodenständige herausholt, zum Herzen des Hörers «sprechen läßt.. Deshalb war ein Grünfeld-Konzert stets -ein Fest für die Wiener Gesellschaft und-wird' es alletwege bleiben. In seiner schlichten Art, wie dieser Künstler sich gibt, in dem Fehlen jeder „Aufmachung", ganz besonders -aber in feinem, so oft betätigten WohlWigkeitssinN zeigt sich uns der wahrhafte Jude, der ohne Rücksicht auf Sonderzwecke jedem Rufe folgt, wenn es gilt. Hilfsbedürftigen -Beistand zu leisten. Ungezählt sind die Konzerte, die Alfred Grünfeld im Laufe der Jahrzöhnte für humanitäre Zwecke ge-' geben, unberechenbar der Segen, den er dadurch geschaffen. BBC Feuilleton BBC Shylock uud die Wiener Juden des Vormärz. Eine Notiz. Von Dr. Max G r u n w a l d. Dis Shylock-Litisvatur findet eine bemerkenswerte Ergänzung in dem folgenden Hinweis, daß die Wiener Juden die Aufführung des „Kaufmann von Venedig" zu verhindern wußten. Im Anschluß hieran sei eine Erfahrung erwähnt, die derselbe Gewährsmann mit zwei jüdischen Finanzgrößen, im Gegensätze zu einem seiner Glaubensgenossen gemacht hat. Baron Arustein ist der Gatte 'der bekannten Fanny von ^rnstein, einer geborenen Berlinerin. Mit ihnen trat das Haus Fries in verwandtschaftliche Beziehungen. Dem £.ct/e Arnstein "ater ländische Gesinnung abzusprechen, ist ungerecht. Gerade hier war ein Mittelpunkt Palrwtischer Provaganda sowohl m Tirolevaufstand als auch in den späteren Befreiungskriegen, wofür ich in meiner Schrift „Lesterreichs Juden '.n den Befvsinngskriegen^ die Belege anfühve. R o t h s ch i! d ist der Begründer des Wiener Zweiges der Famlie, Sal. Meyer v. R., der -erste jüdische' Ehrenbürger Wiens (1812). Pollak ist jedenfalls der in den F-- "Menlistcn und sonst erwähnte Großhändler David Pollak. S e s s a s „Unser Verkehr" ist von Gratz, Gesch. XI. und sonst wiederholt behandelt worden. Ueber denselben Kreiis sind die. Urteile Th. Körners, Grillparzers, Stägemanns, Wi'lh. v. Hnmbolds, der R ah el und anderer zu vergleichen. Vielleicht darf auch hier ertvähnt werden, daß die letzte große Rolle, an der S o n n e n t h a l arbeitete, wie ich von ihm selbst hörte, — Shylock war. Nachstehende Auszüge sind' entnommen dein Buche: „Aus dem Burgtheater", 1818 bis 1837, Dagebuchblätter des weil. k. k. Hoftchauspielers und Regisseurs Carl Ludwig Costenoble, Wien. Verlag von Carl Konegen 1889° Costenoble, geb. 28'. Dezember 1769, gestorben 28. August 1837. 1. Band, S. 50 u. 51. 22. Juni 1819. Ich war beim Bankier Baron von Arnstein, um mir Empfehlungsbriefe nach. Frankfurt a. M. auszubitteN; er sagte sie mir zu und lud' mich zur MahlzÄt in feinen Garten. Ich hotte Geistesgegenwart genug, -öinen schicklichen Vorwand zur Ablehnung zu finden. Wie könnte ich auch in den Zirkeln dieser vornehmen Leute mich behaglich fühlen? Ich habe es einmal gekostet. Das ewige Geschnatter in französischer Sprache, diese ekelhafte Herabwürdigung alles Vaterländischen! Wer mag es hören, wenn er es nicht muß! I. Bamh, S. 77 u. 78. 21. März 1820. Zum B-ankier Rothschild, um mir oinen'Empfehlungsbrief an Frankfurter Handlungshäuser zu -erbitten. Ich hatte mir vor einigen-Tagen Raths erholt bei dem alten Baron von Arnstein. Dieser sagte sehr wohlwollend: „Gehen Sie zum Geheimra-th Rothschild — er ist preußischer Gcheimrath — und sagen Sie dem Hörrn Geheimvath, daß ich Sie schick', und daß Sie von. mir kommen,

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