Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1922-06-23 · Heft 13 (23.6.1922) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 13 (23.6.1922)
Date
1922-06-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3062972-3063949-3063962--11760-3079181
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MMMMeHcktzrsst für Fernruf REDAKTION u-ADMJNlSTR/JlQN Wien S., Keinestratzr IS XXXVHI. Jahrgang Wien, 23. Juni 1922 Nummer IS Erinnerungen aus dem Leben Dr. I. S. Bloch?) Dsr zweite Baud dieses Werkes, kaum weniger stattlich als der erste, behMdelt ausschließlich den Schwurgerichtsprozeß gegen »den Pfarrer Dr. Josef Deckert und seinen Spießgesellen, den getauften Juden Paulus Meyer, im September 1893. Mit der Unschädlichmachung des Meineidgelehrten Kanonikus Professor Rohli ng fühlte sich der Wiener Radanantiseimtisinus keineswegs besiegt, er ließ nur etiin-e längere Atempause verstreichen und trat zu neuem Kampfe Ml. Jetzt trat der Weinhauser Pfarrer Dr. Deckevt auf den Plan. Gegen diesen war der elende Rohling, was Ruchlosigkeit^Tücke und erbärmliche Gesinnung betrifft, der mite Waisenknabe. Rohling mußte sich zu einer Kette von Schändlichkeiten entschließen, da es um ferne Haut ging, da er, von 'einflußreichen Hintermännern de-Mitet, in Lüge und Fälschung getrieben wurde. Der gutgestellte Pfarrherr Deckert handelte freiwillig, den Eingebungen seines bösen Herzens und verbrecherischen Instinkts folgend. Auch dieser Priester der Nächstenliebe fand es nicht unter feiner Würde, Nicht unter der Heiligkeit seines Berufes, sich mit einem Spekulationstäufling zu verbinden. Hatte Rohling seinen Schurken Briman, so fand der Wiener Pfarrer den gleichwertigen Paulus Meyür, der, seine Dalmudkenntnisse nicht besser zu verwerten wußte als im Dienste der Blntmärchenerfindeir. Für den.SchandÜichn van 100 Gulden monatlich verkaufte sr sich auf ein halbes Jahr dem hochwürdigen Herrn und hatte dafür aus der jüdischen Literatur zu beweisen, daß die Juden zu Ostern Christenblut gebrauchen. Paulus Meyer bewies für das ratenweise empfangene Sündengeld mehr als irgend einer seiner Vorgänger. Er schildertje in einem durch dds klerikale „Vaterland" veröffentlichten Artikel, wie er -einer rituelle'n Christenabschlachtung als Augenzeuge (!) in einem russischpolnischen Dorfe beigewohnt habe. Der besieren Glaubwürdigkeit wegen wurden Zeit, Ort und Namen der Mörder angegeben. Man wird sich nur dann vorstellen können, welche Bombenwirkung Meyers Artikel hatte, wie er, alles andere verdrängend, Tagesgespräch wurde, wenn man bedenkt, daß die Atmosphäre Wiens und der Provinz damals mit dem Ritualmovdgift geschwängert war. Bald da, bald dort wußte die Fama von um die Pasiahzeit rätselhaft verschwundenen christlichen Kindern zu melden. Eine ungeheure Aufregung bemächtigte sich der Bevölkerung. Niemand konnte sagen, wie sie sich entladen würde. Der Fall Deckert-Meyev war ungleich gefahrdrohender als die Episode Rohling. *) Verlag R. Löwit. Wien—Leipzig. Und wieder fetzte Dr. Bloch eine entscheidende Tat gründlicher Abwehr. Das Uebel mußte an der Wurzel gefaßt, der Schlange der Giftzahn ausgebrochen werden. Mühevoll wurde der Wohnsitz der des Mordverbrechens Bezichtigten ermittelt, von ihnen ein Klagsmandat erwirkt und die Verhandlung gegen Deckert, Meyer und den verantwortlichen Redakteur des „Vaterland" vor den Wiener Geschworenen abgeführt. Sie endete mit einer Verurteilung sämtlicher Angeklagten, der Pfarrer und der Verantwortliche kamen glimpflich genug mit einer mäßigen Geldstrafe weg; Meyer erhielt vier Monate Arrest. Die Vorgeschichte dieses Prozesses, wie dieser selbst, ist in dem Buche Dr. Blochs mit der ihm eigenen Gründlichkeit und klaren Beobachtung aller Umstände dargestellt. Obgleich nur kaum dreißig Jahve zurückliegen, glaubt man Dokumente aus der Zeit des Mittelalters vor Augen zu haben. Welch eine Fülle von Bosheit und Niedertracht, ans dem Nährboden des Fanatismus hervorgegangen! Das Erscheinen des vorliegenden Bandes ist aus mehr als einem Grunde begrüßenswert; er ist, wo man ihn aufschlägt, interessant. In erbarmungslosem Lichte des Gerichtssaales wird das edle Brüderpaar, der Pfarrer und der Geschästsproselyt, in aller Häßlichkeit ausgezeigt. Fast möchte man dem Verteidiger Meyers verpflichten, der den Pfarrer Deckert als den schlechteren Mann bezeichnet, da er sich eines Werkzeuges wie Meyer bediente und dann rücksichtslos wegwarf. Dem hochwüvdigen Herrn wurden im Laufe des Verfahrens bewußte Lügen nachgewiesen, indem er mit eineni echt polnischen „Dreh" . glauben machen wollte, sein Helfershelfer habe bei ihm nicht gewohnt, sondern „nur" geschlafen. Dabei war Se. Hochwürden bei der Bezahlung des kärglichen Schandlohnes von einer schäbigen „Tarnopvler Moral". Bezeichnend war es, daß Ernst Berga.ni, der Herausgeber des „Deutschen Volksblattes", Meyers Anerbieten, ihm anKsemitische Artikel zu liefern, mit dem Bemerken ablehnte, er wolle mit einem getauften Inden nichts zu tun haben. So der dunkle Ehrenmann, der wegen einer schmutzigen Obligationsgeschichte selbst nur knapp am Landesgericht vorbeiging. Der christkathvlische' Priester Deckert war nicht so zimperlich. Dieser Teil der Erinnerungen Dr. Blochs handelt zwar von Zeiten, die gewesen sind, aber ihre Reflexe in der Gegenwart ' zeigen. Noch immer spucken drei Deckerts und Meyers herum, unter anderen Namen, aber mit den gleichen Bestrebungen wie in der belehrsamen Halbvergangenheit. ö.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.