Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 12 (9.6.1922)
- Date
- 1922-06-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 12 Die Wahrheit Seite 11 Von Nah und Fern Gipfel der Geschmacklosigkeit. In Lorrdon erwartet man die Vorführung eines Films, der Pogromszenen aus «der Ukraine veranschaulichen soll. Solche Lichtspiele können vielleicht nach dem Herzen eines antisemitischen Publikums sein, das beim Anblick der Mord- und Brandt »darstellungen in Judenvierteln Trost und Ersatz dafür hat, daß es an solchen Greueltaten nicht aktiv teilnehmen kann. Die Bevölkerung Londons ist wohl die letzte, die an solchen Vorführungen Behagen, finden könnte. Kein empfindender Jude wird die entsetzlichen Eindrücke auf sich wirken lassen, die bei derartigen Pogromdarstellungen unvermeidlich sind. Bliebe also nur die Spekulation ans die niedersten Instinkte judenhetzenden Mobs. Sollte es am Ende ans einen Wariderfilm für die Parteigenossen des Knüppel-Kunze abgesehen sein oder für die „Erwachenden Ungarn"? Man wird den Verdacht nicht abweisivn können, daß der Schurke Petljura stiller Kompagnon einer Firma ist, die sich von der Verfilmung der Pogrome namhafte Profite verspricht. Woja, Mittelstandsküchen. Der Großindustrielle Herr Alfred Landesberger übermittelte zugunsten der von der Woja (Wirtschaftliche Organisation jüdischer AngestMer) erhaltenen zwei Mittelstandsküchen, Roßauerkaserne und Griechengasse, eine Subvention im Betrage von K. .750.000.—, ebenso Herr Professor S i m o n s e u, Kopenhagen, dänische K. 300.—. Diese Wirtschaftsorganisation jüdischer Angestellter findet bei den zirka 30.000 jüdischen FixangestMen Wiens noch lange nicht die Würdigung, welche sie verdient. Die für den jüdisch-rituellen Haushalt verzehnfachten Schwierigkeiten einer MittelstaNdshwushaltung unter den heutigen Verhältnissen wird durch die .glänzend organisierten zwei streng rituellen Kirchen der Griechengasse und Rohauerkaftrne, wovon die ersteve einer gewissen Eleganz nicht entbehrt, täglich für mehrere tausend Personen behöben. Noch mehr Angestellten Kommen «aber die großzügigen Lebensmittelverteilnngen zirgute, die fast alle Dionate am Efteplatz irr geordnetem Turmis stattfinden. Namentlich die stMnend billige Kondensmilch war für die Familien in der schweren Grippezeit ein Segen. Die „Woja" hat das Erde des Joint übernommen. Das Ernährnngsamt hat gelegentlich einer Inspizierung die „Woja" offiziell für eine der besten Mittelstand strichen Wiens erklärt, sowohl was die Qualität und Quantität, als auch den Hektonengehalt anbelangt. Seit Anschluß des Burgenlandes sind dem so überaus tatkräftigen Obmann der Bereinigung, Gemeinderabbmer Dr. M. Rosenmann, neue Bezugsquellen für Kartoffel und Wein zugeslossen. Der rührige Obmann, der irr Frieden mit Men Organisationen arbeitet und erst neulich Gelegenheit hatte, das Walten der Einheit brüderlich zu preisen, ist der American Relief Administration weitest entgegengekommen, so daß nunmehr auch jüdische, geistige Arbeiter, die an der rituellen Küche feschalten, die Wohltaten der amerikanischen Aktion in erhöhtem Maße genießen können. Dr. Rosenmann ' und seine Helfer Oberrevident Karl Blume, Schulrat Professor Dr. W e i ß, der tatkräftige Organisator Herr R a p a p o r t, die Herren Direktor GoIdf a r b, R o b.i t s ch e k, Dr. K r a u t h a m m e r, Ingenieur Korn fein, Wasser, der Büroleiter Dr. tz alpe r n haben wohl bei manchem Industriellen und Finanzmcmn Unterstützung gefunden, aber mchr noch erfreut es sie, daß die Organisation, die stets wachsenden Zuspruch hat, verspricht, sich aus sich selbst zu erhalten. Es wäre Ehrenpflicht jedes jüdischen Angestellten, der Vereinigung berzutreten, noch mehr Ehrenpflicht jedes jüdischen Chefs oder auch nur Chefs jüdischer Angestellten, die „Woja", die den Mitarbeitern ihres Unternehmens das Durchhalten erleichtert und ermöglicht, ohne irgendwelcher politischen Tendenz zu sröhnen, die streng von dieser rein wirtschaftlichen Organisation ferngchalten wird, zu fördern. Papst Pius XI. und die Juden. In Nr. 9 unserer Zeitschrift registrierten wir zwei Blätterstimnren, die über das freundschaftliche Verhältnis des Kardinals R a t i i, nunmehrigen Papst Pius XI., Erfreuliches zu berichten wußten. Wieder liegt eine diesbezügliche Nachricht, diesmal ausgehend von einem jüdischen Blatt in Warschau, vor uns, die hier wiedergegöben Ml soll. Als Kardmnal Ratti noch apostolischer Nuntius in Polen war, ging er gewöhnlich zn Fuß durch die Straßen Warschaus. Eirees Tages wurde dar hohe Herr von einer armen Jüdin angesprochen, die ihm ihre traurige Lage schilderte. Von ihrem Manne, der den Krieg imtge-macht, hatte sie seit langer Zeit keine Nachrichten mehr und war nun mit fünf noch unerzogenen Kindernin Not geraten. Eine christliche Frau hatte der Judenftau den Rat erteilt, sich mit ihrem schweren ''Anliegen an den gutherzigen Nmttcus zu wenden. Erzbischof Ratti hört aufmerksam die Klagen der armen Frau und lädt sie kill, in der Nuntiatur vorzusplechen. Andern Tags empfängt der Nuntius das arme Wieb mit großem Wohlwollen und händigte ihr alles Geld ein, das er in polnischer Währung besaß. Das Geld sollte zum Ankäufe einer Kuh Verwender werden, deren Milch für die fünf Kinder so nötig war. Ueber den Kaufpreis der Kuh blieb der armen Jüdin noch etwas Geld übrig, welches sie dem Nuntius nbwbrachte. Dieser aber überließ das Geld der arnren Mutter für ihm fünf Kinder — Nach all dem ist von Papst Pins XI. zu erwarten, daß er auch in seiner nerren Stellung die freundschaftliche Gesinnung zu unseren Glaubensgenossen, die er als Kardinal Ratti an den Tag legte, weiter beibehalten und so irregeleiteten katholischen Kreisen mit gutem Beispiel vorangehen wird. Wir- .raren, als wir das erstemal über die Judenfreundschaft des neuen Papstes sprachen, der Ansicht, daß dieses wohlwollende Verhalten auch Chaim Weitzmann, diesen zionistischen Hans Dampf in allen Gassen, der jetzt in Italien weifte, sich sogar in Genua aushielt — was wäre die Konferenz ohne diese Größe! — bewogen haben dürfte, nn Vatikan seine Brsitkarte abzugeben, denn mehr hat er nicht getan, sprach er ja nur mit -dem Kardinal- Staatssekretär Gas pari, mit diesem sogar zweimal! Am 1. April — wir verzeichnen das Datum ohne moquanten Seitenblick — wurde der Herr Präsident vom König von Italien im Quirinal empfangen. Seine Diajestät har angeblich für alle Palästina berührenden Fragen großes Interesse gezeigt. So weit, so schön. Nun dachte Herr Weitzmann offenbar, es wäre eine Schande, in Rom gewesen zu sein, ohne den Papst gesehen zu haben. Das gelang allerdings nicht, aber er hatte wenigstens eine Aussprache mit dem Kardinal-Staatssekretär G a s p a r i, der wohl nicht den Ruf eines besonderen Judenfreundes genießt, aber auch in diesem Falle sich als kluger Staatsmann bewährte. Er versicherte dem Zionistenführer, daß weder der Vatikan, noch der Kardinal-StaatssÄvsdär gegen eine nationale Heimstätte der Juden in Paläftsra