Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 12 (9.6.1922)
- Date
- 1922-06-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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roewssn. Was in Ungarn „Aufreizung gegen die christliche Reügiott" heißt. Darüber erfährt man Belehrsames aus einem in. Budapest durchgesührten Prozeß gegen den bekannten Schriftsteller Zoltan S z a s z. Gegen ihn wurde die Anklage erhoben, daß er im November 1920 gelegentlich eines Vortrages „Ungarn mrd die Juden" die Christen verletzende Aeußerungen gebraucht habe. Der Staatsanwalt begründete dies mit dem Umstande, daß der Vortrag zu einer Zeit gehalten wurde, als die Erregung gegen die Juden ein „allgemeine" war, und die Wsicht des Szasz war, den Haß gegen das Christentum zu schüren. Man denke: Szasz sprach zum Schutz der Juden und das soll Haß gegen das Christentum involvieren! Freilich, der berüchtigte Mazariu sagte: Man gebe mir zwei Zeilen von einem Menschen und ich bringe ihn auf die Bastille. Dem Herrn Staatsanwalt genügten zwei Worte und er dreht an chnen so «lange, bis er daraus ein Strick für den Redner gedreht zu haben glaubt. Wer es geschehen noch Wunder. Das Gericht sprach den Angeklagten frei. Das Unerwartete, hier wards Ereignis, wenn wir uns auch die Gründe hiefür nicht erklären können. Rund um Palästina. Aus dem Heiligen Lande fehlen in letzter Zeit objektive direkte Nachrichten. Es werden wohl Meldungen verbreitet, daß -alles in -schönster Ordnung ist^ wir stehen aber solchen, weil sie von zionistischen schönfärbenden Zeitungen stammen (z. B. die Sonntagsbriese der „Wr. Morgenzeitung"), skeptisch gegenüber. Eine zj-emlich unvoreingenommene Nachrichtenquelle aus dem Heiligen Lande selbst ist vor kurzem versiegt und dürfte auch leider nicht mehr sprudeln. Seit dem 1. Mai ist die palästinensische Tageszeitung „Doar Hajom" infolge eines Streikes in der Druckerei nur in vermindertem Umsange erschienen und nun soll sie ihr Erscheinen vollkommen ein» stellen. A3ir kennen nicht «die Beweggründe des Streikes, sind daher auf Vermutungen angewiesen. Sind sie in Quertreibereien von gewisser Seite zu suchen, das Blatt war in letzter Zeit unentwegt für die stetig wachsende zionHtische Opposition eingetraten, so könnte man wieder von einenr kleinen Standälchen im Heiligen Lande sprechen. Hat der Streik aber einen materiellen Hintergrund, so bestätigt dies unsere längst gefestigte Ansicht, daß in Palästina die Dinge nicht so großartig liegen, wie dies von den optimistischen Nationalzionisten immer behauptet wird. Jetzt sind wir also mit unserer Berichterstattung aus London angewichen, wo die Regiermrg sitzt, der nach abermaliger Verschiebung nun endlich am 15. Juli das Palästinmnandat übertragen werden soll. In London gehen momentan gwße Dinge vor. Die Themsestadt beherbergt in ihren Mauern Herbert Samuel, der nach seiner Genesung zur Berichterstattung berufen wurde, Monsignore BarKrssina, über dessen heftige antizionistische Tätigkeit in Rom wir in der letzten Nummer berichteten, eine Delegation der Agudas Jisroel, der Araber und seNstverständlich sind auch die Zionisten stark vertreten. Wir wollen in unserer nächsten Nummer den Stand der Londoner Ereignisse unseren Lesern zur Kenntnis bringen. Skirmunt. Der Mann ist gegenwärtig von Berus polnischer Minister des Aeußjeru, gewissermaßen em OesLler. Und da Wien die Berbindnngsbrücke zwischen Ost und West darstellt, mußte Herr Skirmunt durch diese hohle Gasse kommen. Er kam sehr gerne, denn Men ist Nr. 12 heute politisch Haute nouveaute. Jeder Ententchtaatsmann, der etwas aus sich und von sich hält, nnlß Wien passiert haben. Ueberdies ist es auch wegen des Jnterviewtwerdens, der billigsten aller Reklamen. Die polnische Gesandtschaft beeilte sich, auch die Wiener Pressevertreter ins -Hotel Imperial zu laden, wo Pan Skirmunt abgeftiegen war und der Ausftager harrte, die da lkommen sockten. Noch prompter als diese hatten sich drei ungeladene ukrainische Studenten im Hotel eingefunden, die Sr. Exzellenz aus dem Wege zum Audienzsaal auflauerten und ihrer angestammten Abneigung gegen den Polen durch ein Eierattentat Ausdruck gaben. Schnell fertig ist die Jugend mit dem Ei, das hier lbeveits 150 Kronen kostet, und bedenkt nicht, daß der ganze Minister nicht so Viel wert ist. Nachdem er sich aus seinem omelettcähnlichen Zustande in. einen salonfähigen tvausveftiert hatte, geruhte der polnische Außenminister den Zeitungsleuten zu erklären, daß die Juden seines Landes eines gegenseitigen Einverständnisses sicher sein dürfen, aber sich aus dem Kopfe schlagen müssen, „ein Staat im Staate zu werden". Sein Ideal wären die Zustände in Westeuropa. Der lose Schäker! Als ob die polnischen Inden nicht genugsam die „westeuropäischen", das heißt preußischen, bayrischen und magyarischen Zustände zu kosten bekommen. Bundespräsident Harnisch hatte den polnischen Minister zum Diner geladen. Ohne Prüfungen bleibt niemand, auch eito österreichischer SWatswürdenträger nicht. Allzujüdisches in Genua. Bekanntlich hatten sich die deulschnationalen Rejichstagsabgeovdneten in Berlin furchtbar darüber aufgeregt, daß unter den nach Genua entsendeten Sachverständigen zwölf Herren „jüdischer Rasse" — 93 Prozent der Reichsbevölkerung waren. Der Abgeordnete Gräf-Dhüringen brachte diiesb^üglich sogar eine scharfe Interpellation ein, die vom Gesandten von M u t t u s beantwortet wurde : „Die beamtetem Mitglieder und die Sachverständigen für die Delegation in Genua sind von den dazu berufenen Stellen nach ihrer sachlichen Eignung ausgewählt'worden. Eine Untersuchung, wieviel von ihnen jüdischer Religion oder Herkunft sind, hat nicht stattgefunden und konnte nicht stattsinden, da dies der R ei chs ver sas sung Widersprechen würde." Der Interpellant -konnte sich mit dieser Erklärung Nicht zuftiedengsben und bemerkte: „Mll die Regierung etwa behaupten, daß die erforderliche Sachkunde vorwiegend bei der ji'idischen Bevölkerung zu finden ist, und wenn ja, ist sie sich nicht bewußt, daß das ein Armutszeugnis für die deutsche Bevölkerung ist?" (Große Unruhe links.) Eine Antwort erfolgte nicht. Im gegebenen Falle war eben keine Antwort die richtigste, weil nach dem Sprichwort immer ein Narr mehr fragen lkcmn, als zehn Minister beantworten können. Emanuel Löw. Am letzten Sonntag erschien Seine Ehrwürden Rabbiner Emanuel Löw in Szegedin zum erstenmal wieder in der Oesfentlichkeit, nachdem er sin Jahr lang infolge der falschen Beschuldigungen der Horthy-Regierung, er habe gegenüber einem holländischen Journalisten staatsverräterische Gedanken geäußert, eingesperrt war. Rabbiner Löw besuchte am genannten Tage eine Versammlung in Szegedin, wo der Redakteur einer jr'ldischen Zeitung, Herr Josef Patgr, einen Vortrag über „Jüdische Wissenschaft" hielt. Als er den Namen Rabbiner Löw erwähnte, erhob sich unter den Versammelten ein großer Beifallssturm. Seite lö Die Wahrheit Aktionen müssen hier Zurückbleiben. Es freut uns, melden zu können, daß die hierorts und in Bratislava unternommenen Sammlungen der Agudah schöne Erfolge anf-