Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1922-06-09 · Heft 12 (9.6.1922) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 12 (9.6.1922)
Date
1922-06-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3063949-3063961--11749-3079169
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr » sit Seite 9 Nr. iS den Bundeskanzler Schober, aus den: nichtigen Grunde deZ Lärmer Abtoruinsns zu Fall brachten. Die auSgleicherwe Gerechtigkeit hat es gefügt, daß ihr verhängnisvollster Eideshelfer, der fanatische Dr. Wader, abgesagt wurde. Er wird dem 9Jiimfterium des Innern nicht mehr schaden. Warten Mir, ob sein Nachfolger ihm nützen wird. Einen „christlicher: Kurs" nach dem schmachvollen Beispiel Horthy-Ungarns fürchten wir nicht. Merkwürdige Ausweisungstaktik. Allüberall ist es heute modern, auf die Ostjuden zu schimpfen, Müberall ertöintj mphr oder weniger laut! der Ruf: „Ostjuden hinaus!" (Ein vorgeblicher Witzbold, der der vollkommen unbegründeten Meinung;üft, die bösen Assinrilanten stießen mll den Antisemiten in lein Horn, hat den Ruf sogar erweitert: „Ostjvden, hinaus! Westjuden herein!") Selbst die sonst für Me Sorten Menschen gastfreie Schweiz, die sogar, wir erinnern an unsere Notiz „Mißbrauchtes Gastrecht", Antisemiten österreichischer Hebkunft ihre Pforten öffnet und ungestört ihr schmutziges Handwerk betreiben läßt, glaubt in der letzten Zeit, in diesem Punkt ebenfalls „modern" sein zu müssen. Doch sie geht nicht so radikal vor wie die üdvitzen Länder. Die „Schweiz. Bodenfte- Zeitnng" verlangte dieser Tage dauernden Ausschluß von Ausländern aus solchen Staaten, ,/die eine verhältnismäßig starke Judenbe-völkerung aufweisen". Das Blatt fordert also nicht eine Ausschließung der Juden allein, selbst die christlichen Bewohner von „jüdisch durchseuchten" Staaten hätten unter dieser mertwürdigen Politik zu leiden. Diese Politik hat aber einen Vorteil!für Antisemiten aus Ungarn, Oesterreich otitib Deutschland zum Beispiel, mit einem Wort aus Ländern, in denen die Juden nur einen geringen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung bilden. Diesen Antisemiten wäre der Zutritt in die Schweiz gestattet. .Wir glauben aber, daß sie ihre Tätigkeit nicht im Sinne der „BodeUfee-Zeötung" ansüben würden. Denn sind sie völkisch orientiert, und in unserer Zeit der unklaren Begriffe von Rasse, Volk und Nativ:: ist die Mehrzahl der heuhiigen Judenfeinde Rassenjantissmiten, so müssen diese Herren im Geiste Chamberlains und anderer rassentheoretischer Größen für eine bedingungslose Ausnahme von Ariern sein. Denn durch die Vermischung mit arischem Blut erwächst jedem Laick> ungeahntes Heil, während eine gerirrge Dosis jüdischen Blutes vollkommene geistige und in 'stärkerem Maße körperliche Degeneration bewirkt! Die „Bodensee-Zeitung" betreibt also eine falsche und auch vom Gesichtspunkt der „Rassenreinheit" schädliche Politik. In der Ausweifungsfrage gibt es nur ein Entweder—Ober. Entweder die Schweiz öffnet als Kulturland, .und als solches wurde sie von allen zivilisierten Menschen zu je/bter Zeit angesehen, gewissermaßel: als eine. Insel der Kultur im Meere der Unkultur, -Men Einwanderern ihre Pforten, weist, wie ja nur rocht uUd billig, schädliche Elemente aus.— oder sie fchiM der Einwanderung einen Riegel vor nnld öffnet diesen >weder einen: landflüchtig er: Potentaten noch einem armen Ostjuden, dessen Grütze der Landflucht manchmal schwerwiegender sind cils die des'etsteren. Die Wahlen in Horthy-Ungarn. Es kam so, wie es nach den vorhergegangenen terroristischen Maßregeln der Regierung kommen mußte. Sie siegte im großen und ganzen so, wie sie wollte, wenn man es siegen nennt, daß Wehrlosen, Ohnmächtigen der Wille des Starken oktroyiert wird. MÄ gebundenen Händen und ebensolcher Marschroute schritt die Wählerschaft zur Urne. Versammlungen, das freie Wort in Rede und Schrift, ja selbst die Werbung durch Plakat«, sof»m dies« gegen den christlichen Kurs und das erwachende Ungarn gerichtet waren, gehörten zu den' drohendsten Gefahrenquellen. Wenn trotzdem daS Wahlergebnis nicht restlos den Erwartungen Horthy-Klebelsbergs entsprach, wenn gleichwohl einige räudige Schafe und schwarze Böcke in den StM der Nationalversammlung kornmen werden, so liegt dies Wunderbare, beim Himmel!, nicht rm Verschulden der augenblicklichen Herren des unglücklichen Landes. Man soll aber den Tag nicht vor dem Abend loben, der über diese beispiellosen Wahlen hereinbrechen kann. Tausend Mittel und Mittelchen stehen der Regierung zur Verfügung, um das Unglück zu korrigieren, daß auch etliche Sozi und Juden ein Mandat errungen, nein gefunden haben. Noch leben ja die Hejas, Pronay und Osztenburg mit ihren Detachments und ihren verschwiegenen Folterkammern, in denen man sich aller Unbequemen erledigen kann. Schamlose, brutale Gewalt in der Politik ist hassenswert, unaussprechlich verächtlich ist aber ein solches Regierungssystem, wenn es sich heuchlerisch maskiert. Ekel und Entrüftrrng mußten die unterschiedlichen Wahlreden vuslösen mit denen die Herrschaften krebsen gingen. Der Ehrenmcnm. Gras Bethlen, den Got: in seinen: Zorn Ministerpräsident werden ließ, erzählte einer Versammlung in: Eger, es wäre leichtfertig und sündhaft, wenn einzelne politische Parteien den konfessionellen Frieden gefährdeten. Der Fürstprimas habe sich ähnlich geäußert und er (Bethlen) könne jedes dieser Worte unterschreiben. Kein Zweifel! Im Unterschreibe:: ist der edle Gras sehr tüchtig. Nur mit dem Eiulösen seiner politischen Unterschrift happert es stark. Bethlens Spießgeselle, der Gras Klebelsberg, im Nebenberuf ungarischer Minister des Innern, hatte die Stirne, den Oedenburgern in einem Wahlschwefel weis zu machen, daß >er den agressiven Antisemitismus, der vor Europa gar nicht vertreten rverden könne, verabscheue. Das sagt der Mann, der die Mordbuben vom Elisabeth-Klub, auf die ganz Budapest n:it Fingern zeigt, immer noch im rosigen Licht atmen läßt. Derselbe Klebelsberg, unter dessen Amte:: und Walten sich erst neulich das schändliche Bombenattentat im Rombach-Tempel ereignete, während des Gottesdienstes, bei dem Rabbiner Max Adler funktionierte, aus den keines der Kriterien der Gott- und und Nationsseirtdlichkeit Paßt, nn: deren willen die ungarischen Juden angeblich verfolgt werden. Rabbiner Max Adler hat vielmehr das Odium auf sich geladen, mit der: anderen Herren der Judendelegalwn in Amerika für das Schandregime Horkhys beschwichtigend hervorgetreten zu sein. Macht nichts, der Jude wird doch verbrannt, oder man versucht es wenigstens, und die feile Metze Jristiz .verhüllt nichts als ihre Augen. Russisches. Ueber Warschau kommt der Bericht, daß in mehreren Gegenden Rußlands pogromartige Judenverfolgungen herrschen. Man darf den im Geiste armen Bauern nicht zur Last legen, was sie von,der Sowjetregiewung allenthalben gelernt haben, nämlich die Drangsalierung der :-ussischen Juden ihrer Rechtgläubigkeir wegen. Nach der Ehodersperre hebt «in Verbot der Sabbatrnhe an, weil dadurch vorigsblich die wirtschaftliche Produktion geschmälert wird. Die Sache wird um so schändlicher, als die Sowjetregierung einige Geburtsjuden zn ihren Mitgliedern zählt. Daß unter foett herrschenden Zuständen bei der Hungerkataftraphe den dortigen Juden von ihren Waubensbrüdern . int allererster Linie Hilfe werden muß, bedarf wohl keiner näheren Er- I&iirtmmg. All» in di» Fern» zielenden anderweitigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.