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Die Wahrheit · 1922-06-09 · Heft 12 (9.6.1922) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 12 (9.6.1922)
Date
1922-06-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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OeLte b Hie Wahrheit Nr. iS belegen, die er idem Angeklagten zufügen wollte. (V. B. M. K. 19.) Es ist fast unverständlich, mit welchem Eifer unsere russischen Brüder ihre Bedrücker und Pogromhelden verteidigen: Wer auf Rußland schimpft, findet niemals ihre Sympathie. Bor Monaten kam mir das „Jüdische Tagblatt" (The Jewish Daily News) -aus New-Hork in die "Hartd und ich war überrascht, mit welcher Intensität jenes Organ die Lanze für das Deutschtum bricht, für jene Nation, die den modernen gesellschaftlichen Antisemitismus gebar, die.uns längst den endgültigen Scheidebrief gegeben hatte und den Arier standpunkt gegen uns allüberall geltend macht. Dieser Leitartikel, mit der Ueberschrist: „Soll die Menschheit einig für Frankreich bluten?", beginnt mit den Worten: „Die gesamte Welt — 1600 Millionen Menschen — sollen ewig bewaffnet bis zu den Zahnen stehen und sich ohne Unterlaß wegen eines schmalen Paffes bergigen Landes, was zwischen Frankreich und Deutschlarrd liegt, schlachten. Das ist Frankreichs Politik — klipp und klar gesagt," und schließt mit den Worten: Briand ist mit 'einem Lächeln aus den Lippen adgeveist; — er schmeichelt sich, daß es ihm bei der Washingtoner Konferenz gelungen wäre, den Mächten den Beweis von der Existenzberechtigung der großen französischen Armada zu erbringen. Er wird sich irren! Was ihm zu -beweisen gelungen war, ist das, daß Frankreich militaristisch ist bis ins Mark seiner Knochen, und es ist Zeit, sich umzuschauen, wohin Frankreich die Welt führt! . . . Erkennt man aus diesen Worten den 'großen Haß der Juden gegen das Deutschtum? Unser Idealismus jedoch ist unverwüstlich! Wir glauben unerschütterlich an die Weissagung Iesaias: „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und die Pardel bei den Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh mit einander treiben . . daß die Schwerter zu Sicheln umgeschmiedet werden . . daß di» Bosheit auI der Erde schwinden wird! . . . Armin Wilkowitsch. Nasse, Volk» Nation. Uon Dr. Max Grunwaltz. (Fortsetzung.) Auerbach. Dies« Zusammenstellung ließe sich noch erheblich vermehren. In einer Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der Raffenkunde definiert E. Auerbach („Der Jude", 5. Jahrgang, 149 ssg.) Raffe als hrstori'ch gewordene Fortpslanzungsgemeinschaft, die sich durch typische Schichtung körperlicher und geistiger Merkmale von anderen unterscheiden läßt. Nation ist historisch gewordene Kulturgemeinschaft, Volk historisch gewordene Sprach- und Staatsgemeinschaft. Von einer Raffe im erwähnten Sinne kann nur bei Japanern und Juden die Rede sein, bei letzteren >erst seit zwei Jahrtausenden. Der Schädelindex zeigt nicht einen Typus, sondern «ine einheitliche Schichtung von Typen, wobei die jemenitischen, nordafrikanrschen, mesopotamischen, kaukasischen und grusinischen Juden, als vorwiegend nichtjüdischen Ursprungs, wie die Karäler u. a., auszuschalten sind. Körperbau, sowie Farbe der Haare und Augen sind nicht charakteristisch. Als physiologisches Raffenmerkmal will Auerbach die weibliche Frühreife gelten laffen, von pathologiischen vor allem den grünen Star und die Seltenheit des Gebärmutterkvebses. Alles andere ist durchaus schwankend und nicht als Raffenmeokmal cmzusprechen. Der Tatbestand. Nicht eine jüdische Rasse, sondern jüdische Typen. Läßt man alle diese einander oft diametral entgegenstehenden Ausführungen Revue passieren, so wird man zunächst «als das Bleibende im Wechsel feststellen dürfen die Unhaltbavkeit der Annahme einer Raffenkonstanz. Im Licht des Entwicklungsbegrifses muß eine solche These als unsinnig erscheinen. Was wir Rasse nennen, ist nichts anderes als eine Summe äußerer Vkerkmale, die in einer Menschengvuppe hervortreten, die, sei es unter dem Zwange äußerer Umstände oder freiwillig gewählter Exklusivität, unter sich Inzucht treibt. Von einer strikten Reinhaltung der Raffe 'kann -auch hiebei nicht die Rode sein. In diesem Sinne wird man von einer Mischen Raffe reden dürfen, wenn man irgend eine paritätische Volksschule besucht und die jüdischen Schüler von den anderen -auf den ersten Blick unterscheiden zu können glaubt. Wenn einem aber selbst unter Geschwistern die verschiedensten Typen begegnen, so wird auch hier nicht von einem Prototyp gesprochen werden können, und Jrrtümer werden oft genug unterlaufen. Dieselbe Erfahrung macht jeder Militär- und Versicherungsarzt usw. Anderseits fiel, wenn man in irgend .einem Mischen Flüchtlingscrsyl die Kinder betrachtete, als 'fremdartige Erscheinung sofort ein Mongolenkopf und dergleichen ans. Man mußte an Kosakenübersälle, Pogroms usw. denken. . Man braucht nun nicht erst.andere jüdische Milieus auszusuchen, um andere gemeinsame Merkmale, wcchrzunehmen. Dieselben Individuen werden vielmehr, unter andere äußere Daseinsbedingungen versetzt, bis zur Unkenntlichkeit ihren Typus verändern. Nichts ist variabler als der anthropologische Habitus innerhalb einer der großen, durch viele Jahrtausende 'lange Entfernung von einander entstandenen Menschenarten, die schon die ältere Literatur als Raffen bezeichnet. Festzuhalten ist, daß die Juden einer „Raffe" mit den sogenannten Judv^ermanen sind, und daß innerhalb der Judenschaft in ihrer Gesamtheit eine solche MamngfccktiHjkeit von Typen besäht, daß die ausschließliche Züchtung emeS bestimmten anthropologischen Charakters trotz aller Selbsteinkreisung in die vom Reli^ionsgesetz gezogenen ethnographischen Grenzen nicht mit Notwendigkeit gegeben ist. Mitunter wivd die Weite des Spielraumes dieser Typenmischung bei uns Juden äußerst drastisch zu Gemüte geführt. Der bekannte Antisemitenhäuptling Lieber mann vom Sonnender.g hatte einst in einer Brandrede gegen die jüdische Raffe gerade deren angebliche Merkmale gezeichnet, als sich die Tür austat und eine blonde, kraft- und jugendstrotzende „Arminiusgestalt" hereintrat. Sofort demonstrierte der beglückte Redner an diesem willkommenen Modell «ick ooulos die Vorzüge des unverfälschten Teutonentums, als der Ankömmling schmunzelnd den Mund öffnete und eine Lachsalve hevvorrief mit dem DÄtum: „Erlauben Sie, daß ich mich vorstelle, ich bin Jude und heiße Cohn". So geschehen in den neunziger Jahren in Kattowitz. Eine Blitzlichtbelcuchtung der Raffeniheorie, in der sie als nichts anderes erscheint, denn als eine Variation des Themas: »Die Nase gefällt mir nicht" und eine neue Auflage der Weisheit jenes Engländers, der auf der Durchreise in einem Pariser Hotel von einem rothaarigen Kellner bedient wird und in sein Tagebuch schreibt: „Die Franzosen haben rote Haare." (Fortsetzung folgt.)

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