Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 12 (9.6.1922)
- Date
- 1922-06-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 D 11 Wahrheit -w* Nr. 12 Bekarurtlich hat die „Wahrheit" iu ihrer letzten Nurnmer an -den Herren der Berbandsleitung scharfe Kritik geübt. Gleichwohl können wir ihnen loyaler Weise die Möglichkeit, sich zu rechtfertigen, nicht nehmen. Darmt begeben wir nns aber keineswegs des Rechts, an die Worte des geschäftsführenden Obmannes Josef Pick einige Bemerkungen zu knüpfen. Ob in den Verhandlungen zwischen Angestelltenvertreterschaft und Kultusvorstehern von letzteren ein gewollt schleppendes Tempo eingeschlagen wurde, entzieht sich _ unserer Beurteilung. Daß aber, als die Sache nicht mÄhr gütlich geordnet werden konnte (?), ausgerechnet der 15. Mai (Lag b'omer) als Tag des Streikausbruches gewählt wurde, hat einen scharfen Stachel in unmittelbar betroffenen Kreisen der Judenschaft Hintersassen. Darüber hätte sich Herr Pick klar sein müssen und es hätte ihm als führenden Mann der Lohnbewegung keine Schwierigkeit bereitet, bei der Gewerkschaft einen spateren Termin des Streikausbruches zu erwirken. Mit dem 15. Mai aber hat die Angestelltenschaft, beziehungsweise ihre Führer das Odium der Tücke und Bosheit auf sich gnaden, darüber hilft keine noch so mühselig zusammengeklitterte Reinwaschungsnote hinweg. Mich die im obigen Schriftstück gebrauchten Ausdrücke des „Hinhaltens" und der „Halsstarrigkeit" des Kultusvorftandes scheinen uns weder glücklich gewählt, noch den Tatsachen gemäß. Dafür ist wohl nur der Verfasser der Rechtfertigungsnote verantwortlich. Religion oder Ration?*) Bon cand. jur. Gerhard Kanter, Zwittau. DaS Fest der Gesetzgebung auf dem Sinai wird, wenn auch aus verschiedenen Gründen, von allen Konfessionen gefeiert. Keine der Religionen hat zu dieser Feier *) Unliebsam verspätet. so viel Anlaß wie gerade die jüdische. Uns bedeutet Sinai die Verkündung erhabener und hoher Lehren, Gebot« und Gesetze, die -die Grundlage von Kultur und Sittlichkeit, Humanität und Zivilisation zu allen Zeiten bildeten und sür alle Zeiten bilden werden. Am Sinai empfingen die Israeliten unsere heilige Thorah, die Geist von unserem Geiste ist, die das Gesamtjudentum kennzeichnet, die wir aus Leiden und Nöten, Kämpfen und Stürmen gerettet und als kostbares Gut uns bewahrt haben, unsere heilige Thorah, sür die Tausende und Abertausende bis in unsere Tage in den Tod gingen. Diese heilige Thorah, für die in unseren Ländern wenige, leider nur allzuweuige,. ein richtiges Verständnis haben, sie scheint immer mehr den: Judentume, zumal denen, die, die Hoffnung unserer Väter, dereinst eine Rolle in Israel zu spielen berufen sind, entsendet zu werden zuguustell eines anderen Etwas, eines anderer Gedankens, einer anderen Idee, mit welcher Kontroverse wir uns heute, da es gilt, das Fest der Liebe zu seierm, in diesem Blatte etwas, eingehender beschäftigen wollen. Der Streit zwischen Religion und Nation, zwischen Thorah und Nationalfonds, zwischen Jugend und Alter tobt bald öffentlich, bald im Stillen und wind sonderbarerweise von Juden gegen Jude:: im Namen des Judentums geführt. Gerade in diesen Tagen, da die tschecho-slowakische Regierung sicherem Vernehmen nach daran geht, die seit längerer Zeit in Aussicht gestellte Trennung von Kirche und Staat durchzuführen, gewinnt dieser Streit besondere Bedeutung. Dadurch dürfte die Entfremdung dom heiligen Väterglauben nur noch zunehmen und neue Parteigänger der jüdischnatioNalen Idee erstehen. Eines aber ist feststehend: fortbestchen kann das Judentum niur mit seiner Religion, mit feinem Glauben und' mit seiner heiligen | Thorah. Nichts anderes kann an seine Stelle treten, denn Feuilleton Monistische Märchen. Als Ernst Hackel sich vermaß, die „Welträtsel" zu lösen, begab er sich auf die äußerste Linke der Naturforscher, so daß Darwin von ihm sagte, „er überdaivwiut mich". Es macht wenig aus, ob der im Ebenbild Gottes erschaffene Mensch vom Assen oder von der einzelligen Monere hevkommt. Der Familie wird in dem einen, wie in dem anderen Falle Unglimpf angetan. Häckel war es aber darum zu tun, daß die Schöpfung entgottet werde. Er revoltionierte nicht bloß, er nchilffierte, er riß die letzte Umzäumung nieder, die seine Vorgänger, wollend oder nicht, stehen gelassen hatten. Für ihn gab es nicht die Erkenntnis, daß kein erschaffener Geist die Schleier der Maja heben könne. Ihm klaMe Faust vergebens: Ich sehe, daß wir nichts wissen können, Das will mir schier das Herz verbrennen!" Er hatte sich in seiner Hypothese verbissen, daß die Natur ohne Spiritualismus mit sich fertig geworden, und bewies immerzu. Er glaubte zu beweisen, daß sie ohne höheres, waltendes Gesetz bestehe. Nun liegt es in der Natur der Sache, daß der schärfste Radikalismus die meisten Nachläufer hat, in der Politik wie in der Wissenschaft. Ernst Häckel mußte also der Apostel seiner Zeit . werden, und die auf ihn schwuren, tat,en sich in Gemeinden zusammen, die nach seinem Fetisch dtr Monere Monisten heißen und Hn bekennen, ohne ihn auch immer zu verstehen. Die Gefahr der Begriffsverwirrung, der Entideälisierung durch den Monismus war namentlich für die Jugend unverkennbar. Lange vermißte man eine ernste und würdige Abwehr. Da folgte Dr. Max Grün Wald dem Rufe, Mischen Judentum und' Naturwissenschaft eine Brücke zu schlagen. Er schlug sie und' fundierte sie auf zwei mächtigen Pfeilern: Glauben und Wissen. Er holte sein Rüstzeug aus dem reichen Arsenal der modernen Forschung und schlug Häckel mit diesen Wciffen. Es gelang ihm aber der Nachweis, daß gewisse Elemente des Materialismus, mit denen vorhergegangene Jahrhunderte so dick taten, auf das Buch der Bücher und talmudische Weisheit zurückreichen. So entstanden die „Monistischen Märchen"*), deren Titel sehr glücklich gewählt ist, denn der Verfasser weist die vorgeblichen Wahrheiten Häckels ins Gebiet der Märchen. Auch die Form ist trefflich gewählt. Es ist eine Reche von Briefen, an einen fiktiven Studenten Ernst gerichtet. In Wirklichkeit Briefe, die den eigentlichen Adressaten, Ernst (Häckel), nicht erreichten, weil dieser bereits gestorben war. Aber die große Schar seiner Jünger, die Monistenbündler, werden diese Briefe mit Nutzen und Genuß lesen, denn sie —— wm *) Benjamin Harz-Verlag, Berlin-Wien.