Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 11 (30.5.1922)
- Date
- 1922-05-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 Nr. 11 D i e W a hrh eit Grundmarur gleichwohl das Hakenkreuz iiuu}, ließ er den Taktun b b i c R ii ct s i ch t außer a ch t, welche die Achtung fremder Rasse und fremder Re ligiv>isgenieinschast non allen Staatsbürgern fordert; er handelte dadurch ebenso sehr dem sozialen Geist entgegen, mit welchem die-. Reichsverfaffuug (Artikel 109, Satz 1, Artikel 135, Satz 1) solche Gegensätze überbrücken will, wie er sich von dem christlichen G e i st des D e u t s ch t u rn s entfernte." Es ist zu hoffen, daß das Landgericht, dessen Entscheidung in der Berufsinstanz noch mussteht, sich diese beachtenswerten Aeußerungen ebenfalls zu eigen machen wird. Bemerkenswert an der' Sache ist, daß es eine Gerichtsperson war, durch welche der unliebsame Auftritt herbeigefirhrt wurde. Das läßt eben ans den Geist schließen, der in der deutschen Justiz herrscht. Die Judenserndlichkeit in den schlesischen Badern ist übrigens nichts Unbekanntes. War es doch stets den Salzbrnnuer Kurgästen, wenn sie Kaftanträger waren, verboten, die Parkpromenade zu betreten. Daß einige Novdseebäder ausdrücklich den Besuch jüdischer Fremder ablehnen, ist wohl bekannt. Jündische, Kurbedürstige werden som.it gut daran tun, bei der Wahl ihres Sornmeransenthaltes vorher zu sondieren, ob ihnen keine antisemitische Anrempelungen drohen. Dies gilt auch für Oesterreich. Denn Tirol und Kärnten sind auf dem Wege, großdeutschen und christlichsozialen Verhetzungen folgend, „judenrein" zu bleiben. Es wäre ebenso töricht als charakterlos, wenn sich unsere Juden für schweres Geld nur Insulten holen wollten. Die Rot der Presse. In.unserer vorletzten Nummer sprachen wir über diese traurige Erscheinung, die durch die triste wirtschaftliche Lage bedingt ist. Wir sagten damals mit Recht, daß unter dieser Not besonders die jüdischen Zeitungen leiden, denn sie sind naturgemäß aus einen geringen Leserkreis angewiesen. Wir wollen nun unseren Lesern die sorgenden Verse, die wir in den „Neuesten Nachrichten ft'ir Weißwasser" finden, bringen: hoffentlich wecken sie die Erinnernig an den Appell, sich mrserer Zeitschrift anzlmehmen, den wir unfcrcr seinerzeitigen Notiz anschlossen. Das Gedichtlein liest sich lustig, , es beinhaltet aber mir Galgenhumor: . Wenn du noch eine Zeitung hast, t So danke Gott und sei zufrredeu! Bald gibt es keine mehr; denn fast Viertausend sind schon sanft verschieden. Im letzten Monat sind allein - Erst neunzig wieder erngegaugen. Drum schaust du in dein Watt hinein Und Hast zu lesen angcffangen, Gedenke all der großen Not, D.ie sich im Blätterwalde breitet! „Bleib' deinem treu!" sei dein Gebot, Es hat auch dich stets treu begleitet. Und schmolle keinen Augenblick, Falls sich sein Preis muß neu verteuern, Das ist der Deutschen Mißgeschick: Es wachsen Preise, Lohn und Steuern. Leg's deiner Zeitung nicht zur Last, Die mit dir leidet unverschuldet! Dank-Gott,, wenn du sie stets noch hast: Sie, die mit dir sich freut und duldet! Theater, Kunst wtb Literatur M. Grunwald, Jüdische Waisensürsorge in alter und neuer Zeit. (Mtteilungen zur jüdischen Volkskunde, 66. Heft. Durch die Administration unseres Blattes zu beziehen.) Es gibt sich hier eine solche Belesenheit und eine Beherrschung des Materials kund, daß man nur den Verfasser rühmen und sich bedauern kann. Die schönste Seite des Judentums wird nach ollen Richtungen hin den antiken und neuen Völkern gegenüber beleuchtet. DaS Gernilnth chassa bim, einer der das ganze Universum tragenden Pfeiler, findet seinen schönsten Ausdruck in der Wohltat, die wir den Toten gegenüber ausüben, und , diesen, können , wir kämen besseren Dienst erweisen, als wenn wir für seine Kinder Sorge' tragen. Darum wird nur von demjenigen gesagt, daß er zu jeder Zeit Wohltäter: ausübt (Ps. 106,3), der eine Waise in seinem Hause erzieht, miib arme Waisenkinder ausheiraten; gehört nach immer zu den schörrstcn Zügen unseres Volkes, das mit Recht mit den Attributen rachmanim, bajschavim, gomle gemiluth chasfildim geschmückt wird. Kein Wunder, wenn Raschi einen gewöhnlichen, unwissenden Fleischhauer in Barcelona für würÄig erklärt, sein Nachbarim Jenseits zu sein, weil er das Glück eines armen Wwisenmädchens ans eigene Kosten begründet hatte. Diese, lehrreiche Avbe.it hat aber reicht bloß den Zweck, uns in jüdische Herz blicken zu lassen, sie will es auch zur Tat anspornen. Die angesährten Beispiele zeigen nrrs die schweren Kämpfe, die für die Verwitkl'chnrrg der Idee, mit zäher Ausdauer geführt nuiriben, um den verivaisten Kinderu ein Heim und eine Zukunft zu gründen. Der ausgestreute Same hat auch schöne Früchte getragen. Es gibt heute kaum eine jüdische Gemeinde, die kein Waisenhaus hätte. Mer ans diesem Gebiete kann nie genug geleistet werden Man lese rurd begreife, was das jüdische Herz bisher geleistet riud was noch zu leisten ihm obliegt. So wird diese Arbeit nicht nur im Kreise der Wissenschaft, so rede vu auch irr der Humanität die ihr gebührende Ehrenstelle einuehrnen. Rabbiner Dr. Löwin g e r, Szegüdirr. Deutsche Klassiker im Ghetto. Eine Aufsatzreihe von Samuel M e i je l s. Der Wiener dstmzeit-Verlag läßt unter dem oben erwähnten Titel ein sehr anregendes Sammelw^k erscheirrerr, dessen erstes Heft gewissermaßen als Aushängebogen vorliegt. Es behandelt Lessirrig, Goethe, Schiller, Heine, Getzkorv itnb Nietsche, deu Einfluß dieser Dichter und Denker aus die Sinnesart und Cmpsin-düngsrveise derrtscher Ghetto juden. Um hierüber irraßgebend urteilen zu können, mrrß man, wie Samuel Meisels mit bcm Origirraltert uud beit Uebersetziurgerr der genannten Autoren vollkommen vertrwrrt sein. Es ist rrun vonaußerordentlichem Interesse, ans derrAbhandlurrgen Meisels zrr erfahren, rvolche kulturhistorische rrrrid literarhistorische Bedeutung diese Klassiker für die Ghettobewohuer hatterr. Air erster Stelle bleibt natürlich Lessiüg mit seinem „Nathan", daun folgt Schiller, der FreihMMchter. Goethe hat nie das allgemeine Verständnis der östlichen Leserkveise gesurrden. Er war ihrren eberr zu viel Heide. Gleichwohl hätte er nicht verdient, daß sein Faust durch die Letteris-Uebersetzurrg verstümnrelt wurde. Als Probe trefflichsten Einseherrs des Interpreten irr die Seele des Dichters kann die liebevolle Studie über Heine gelten. Bei Nietzsche dagegen greift Meisels über das nein Kritische hinaus nnd erhebt sich zu einer scharfen Auseinandersetzung mit dem Nenchassidismns, der ans dem Osten stammenden Gottsucher, die an