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Die Wahrheit · 1922-05-30 · Heft 11 (30.5.1922) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 11 (30.5.1922)
Date
1922-05-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Nr. 11 4 Di« Wahrheit Von Nah und Fern mm Leopold Kompert. -Seit jeher erwecktem Geschichten auK der alten Judengasse «oder aus «dem „Ghetto", wo eint Haus «an -das andeve grenzte und in der Mitte die massiv gebaute Synagoge -sichtbar war, besonderes Interesse. Nächst «der dem Gottesdienst geweihten heiligen Statte, der „Schule", war es das jüdische Schulhaus, das zur Zeit, wo der gemeinsame öffentliche SchnlarntervichL noch nicht Staatsgefetz war, eines regelmäßigen Besuches fei^ns der jüdischen Jugend sich «ersreute. Leiden und Freuden «barg die alte „Juldengasse" «oder das „Judenvieüel", die »darin dicht nebeneinander wohnenden Famrilien standen in steter Beziehung zu einander, Freude und Trauer -gingen allen gleich nahe und wenn zum Beispiel des Schulllopfers zwei Hammerschläge — statt der gewöhnlichen drei — einen Todesfall in der Gemeinde meldeten, da herrschte allgemeine Trauer, wie auch anderseits an einem Fr-euidenfeste in e i n e r jüdischen Familie die ganze Gemeinde sich beteiligte. So herrschte ein ganz eigentümliches Lüben und Wöben im Ghetto und die Berichte darüber haben einen gar merkwürdigen Reiz, sie muten uns -an wie die schönsten Märchen aus alter Zeit, nur mit dom Unterschüße, daß diese erfunden, jene Erzählungen aus dem Lüben in der JNdengafse abß der Wirklichkeit entnommen sind. Und ein solcher Meister in der Schilderung des Mischen Familienlebens vergangener Tage und Jahre war Dr. Leopold Kompert. Gr wurde am 15. Mai 1822 zu Münchengrätz in Böhmen geboren und erhielt im Elternhause «brs zum 10. Jahre eine sorgfältige Erziehung und von seinem Großvater einen gründlichen Unterricht, 'bei welchen die Bibel im Urtexte den ersten und wichtigsten Lehrgegenstand bildete. Ms zehnjähriger Knabe kam er ans Gymnasium in Jungbunzlau und von da nach mehrjährigem Studium nach Prag, wo er, da seine -Eltern ihr ganzes Vermögen mittlerweile vwloren hatten, sich durch Privatunterricht erhielt und dabei weiter studierte. Eines Tages, es war im Jahre 1838, verließ der 16jährige Student Prag -und wunderte zu Fuß nach der ReichshauptstM, dem schönen Wien, dem Ziele seiner Sch-nsucht. Hier übernahm er bei einem Eausmann die Erzieherstäle bei dessen sünfKnaben und studierte mit Eifer bis zum Jahre 1840. Meder «erwachte «der Wandertrieb in dem Jüngling, er zog nach Ungarn, um das Land der Romantik «kennen zu lernen, verweilte in der Hauptstadt und .anderen größeren ungarischen Städten, kam 1846 wieder nach Wien zurück und begann mit der Veröffentlichung seiner geist- und gemütvollen „Geschichten «aus dem Ghetto", die «dem jungen «Schriftsieller zu einem klangvollen Namen vechaffen und ihn in die literarische Well einführten. Im Jahre 1848 wollte Kompert Medizin studieren, die politisch bewegte Zeit hinderte ihn jedoch an der Ausführung seines Planes, er gchb sich ganz literarischen Arbeiten hin, insbesondere der Schilderung des Mischen Familienlßens, welches Gebiet keiner vor ihm, aber'üuch keiner nach ihm in einer solch formvollendeten Weise und dabei echt poetisch durchweht, so 'beherrschte, wie der «viÄbewunderte und bald darauf von der Universität Jena mit dem Doktorbitel ausgezeichnete Dichter Leopold Kompert. Im Jahre 1857, bis ' dahin als Erzieher in einer der ersten Wiener Familien mit bestem Erfolge tätig, trat Kompert als Beamter in die Kreditanstalt ein und gründete sich an der Seite einer guten Gattin ein trautes Heim. 1858 wurden dem Dichter bei seinem Aufenthalte in Paris große Ehren zuteil und 1859'begründete er den österreichischen Zweigverein der großen SchUer-Stistung. Von 1863 an widmete sich Dr. Kompert ganz der Schriftftellerei, wurde in die Gemeindevertretung von Wien, «aber auch-in den israelitischen Kultn^oovjt-amd gewäh'lt mrd entfaltete in beiden Körperschaften eine «ersprießliche, allgemein anerkannte Tätigkeit, besonders «auf dem Gebiete des Unterrichts- Wesens und der Waisenfürsorge, lauf dem letzteren Gebiete von seiner treuen Gattin unterstützt. Am 23. November 1886 — am 25. Marcheschwan 5647 — wenige Wochen vor Einzug des Channukka, an dem in Israels Familien alljährlich die hellglänzenden Lichtlein bei arm und reich erstrahlen, entschlief in Wien, feiner zweiten. Vaterstadt, der große Dichter und Menschenfreund Dr. Leopold Kompert, der fein Vaterland und feinen angestammten Vätevglanben und -der sich durch seine Schriften und sein Wirken ein unvergängliches Denkmal «gesetzt hat. Er wurde -auf dem Zentralfriedhofe in einem Ehrengrabe bestattet, das die dankbare Wiener israelitische Gemeinde .ihrem langjährigen, verdienstvollen Vertreter gewidmet hat. " Moritz Antscherl. Hugo Stmnes, Nährvater der Antisemitenpresse. Da^ „Berliner Tageblatt" meldet, daß ein Vertrauensmann der dvutfchvölkischen Vereinigung „Heilo" bei dem Kriegsmilliardär Hugo Stinnes Unterstützung der radauaintesinfttischen Wochenschrift des berüchtigten Knüppel- Kunze angä'ucht habe und zustimmenden Bescheid erhielt. Stinnes ist als eifriger Zeitungskänfer in deutschen Landen wohl bekannt und hat seine Fangarme auch nach Wien gestreckt, wo er eine Anzahl „Judenblätter" zu erwerben, ^ucht. Nach dem Beispiel Kunze ist es unschwer zu erraten, mit welchem Geiste diese Blätter erfüllt werden sollen. Stmnes ist keiner, der sein Geld zwecklosMinauswirft. Seiner Pläne letzte Absicht ist, das Kapital,-" das Mische nämlich, von der Konkurrenz auszuschallen. Diesem Zwecke macht er die Kunze-Presse wie den Elbemühl - Konzern gerne dienstbar. Der Mann versteht sich darauf, die Wurst nach der Speckseite zu werfen. Die C. V.--Zeitung. Ein neues jüdisches Blatt ist M die Oefsentlichkeit getreten. . Eigentlich ist es die Transformation eines 'altbekannten und berühmten, der von Philippsohn begründeten „Allgemeinen Zeitung für das Judentum" in die vorliegende „C. V.-ZeÄung", die aus den früheren monatlichen Mitteilungen des „ZeNtralvereines deutscher Staatsangehöriger jüdischen Glaubens" zur Wochenschrift gediehen ist. Nicht nur die Menscher^ auch Blätter wachsen mit ihren höheren Zwecken und diese mit der Größe und Schwierigkeit Hrer Aufgaben. Nun aber ist es außer Frage, daß die Verhältnisse der Juden in 'keinem Kulturstaate so schlimm und bedrohlich geworden sind wie im deutschen Reiche, wo der „praktische" Antisemrtismus mit dem theoretischen sich verbündet, nöben der zweckbewußten Wühlarbeit brutale Ausschreitungen an der Tagesordnung sind. Der Wu«cht der maß losen Angriffe muß eben die Kraft der Abwehr «entsprechen und dies leistet «der C. V. -unmittelbar als solcher, mittelbar durch sein Organ. Es wird auch 'für -unsere Juden nützlich und belehrs-am fein, 'aus dem in der ersten Nummer des Blattes erschienenen Programm zu «erfahren, „Was tut der Zentral-Verein?" Me «er sich zum Keren Hajesfod-, zur Oftjudenfrage, zum jugendlichen Antisemitismus, zum Rechtsschutz der Juden stellt, verdient die rückhaltlose Anerkennung- und Nacheiferung. Sein Wirken «greift «aber selbst über den ursprünglichen Rahmen hinaus 'und zicht Erscheinungen außerhalb des Deutscher Reiches, wie die

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