Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 11 (30.5.1922)
- Date
- 1922-05-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 11 Nr. 11 Haupt Zu spät fein dürfte, einen Kantor zu finden, den man auf Len ihm gebührenden Platz stellen könnte. Ich kann die heutigen Betrachtungen nicht schließen, ohne mich neuerlich mit einem eindringlichen Appell an jene rührigen Herren/zu wenden, die in bedauerlicher und einer besseren Sache würdigen Konsequenz, trotz aufliogender Fruchtlosigkeit, ihre Kritik über die Kultusfunktionäre sortsetzen, inZbösonders über ihre total verfehlten Ansichten über das Wesen der freiwilligen Honorare breittreten. Ware es für diese Herren nicht ersprießlicher, ihre überschüssigen Energien näherliegenden Dingen zuzuwenden, statt sie in NihMät ergebnislos zu verpuffen? Ueber die Wahrheit kann niemand hinaus und „Nihil probat, qui nimium probat". —- Wie in jedem guten Menschen, angesichts des Unglückes und des Elends seines Nebenmenschen, der Impuls auftritt, Hilfe zu bringen und die Not zu lindern und zu mindern — ist es in gleicher Weise, anläßlich freudiger oder trauriger Familienereignrsse für die Beteiligten ein Seelenbedürfnis, die geleistete Kunstarbeit der Funktionäre entsprechend zu honorieren. Wer aber kalt bleibt beim Leiden der anderen, der verdient -den Edelnamen Mensch nicht mchr, der ist ein Unmensch. Wozu also.-die Kraft aus Lappalien verschwenden, wo so viel ernste und fundamentale Arbeit geleistet werden könnte! Wäre es beispielsweise nicht vorteilhafter, der Idee zur Schaffung einer Kantoren-Bildungsanftalt näherzutreten, in der nach den Vorschriften «des Schulchan Aruch, aber auch den Anford>erungen des Zeitgeistes entsprechend, Kantoren herangebildet werden könnten, die allen - Ansprüchen der Gegenwart nach jeder Richtung vollauf genügten? Damit würde dann auch das Gefühl für AestheK im Kantor geweckt und großgezogen werden und „virtu8 nobilitat"- Der Einwendung, die ich schon zu hören vermeine, es könne heutzutage an -die Schaffung einer derartigen Anstalt schon wegen des Kostenpunktes nicht gedacht werden, wäre damit zu begegnen, daß man vorläufig unter den Kandidaten, die das schon bestehende Lehrer-Pädagogium frequentieren, eine Musterung vornimmt, die für das Kantorat geeigneten unter ihnen, so ferne sie sich demselben widmen wollen, auswählt und' sie zu rnodernen Kantoren heranbildet. Den Unterricht in der hebräischen Sprache, wie in den prosamen Wissenschaften genießen sie dort ohnehin und diesen Gegenständen wären dann noch leicht Musikunterricht und Stimmbildung als obligate Fächer anzuschließen. Solcherart hätte man nach einigen Jahren — und dieses Ziel stvtbt nach dem neuen Statut auch der Oesterreichische Kantorenverein an — eine Anzahl von wissenschaftlich geschulten Kantoren, die gleichzeitig auch allen Vorschriften des Schulchan Aruch, Orach Chajim entsprächen, wo es im Kapitel 53, Art. 4 heißt:-„Zum Scheliach Zibbur kann nur gewählt werden ein makelloser Mann, -dem die ganze Gemeinde wohl will, der über eine schöne und angenehme Stimme verfügt und im heiligen Schrifttume versiert ist". - Die Freitag, den 26. d. M., fällig gewesene Nummer unseres Blattes erscheint infolge des Schewuaussestes erst heute, dafür in verstärktem Umfange, die nächste Nummer in regelmäßiger Folge Freitag, den 9. Juni. UW Wahrheiten vom Tage WZ Die Lage der Juden in Rußland. Es ist unverantwortlich, auch aus poltischen Gründen unverständlich, daß die trostlose Lage der Juden in Rußland sich noch immer nicht gebessert, ja in letzter Zei f-ogar erheblich verschlechtert hat. Vor allem ist ihre materielle Situation eine furchtbare, haben sie doch in weit größerem Maße als ihre nichtjüdischeu Elendsgesährten unter der Hungerkatastrophe zu leiden. Nansen, der große Menschen freund, hat -darüber Erschreckendes in die Ohren 'derer, die noch immer nicht hören wollen, geschrien und unter dem Eindruck dieser und ähnlicher Schreckensnachrichten hat die AgNdah eine Sammelaktion für unsere im -größten Elend befindlichen russischen Glanbensbrüder euigeleitet, deren Unterstützung nur jedem menschlich und religiös fühlenden Juden aus wärmste empfohlen werden kann. (Spenden nimmt die Redaltion dieses Blattes mit besonderem Danke enrgegen und weift sie gerne aus.) Aber auch chrer in hoher Achtung bei ihnen stehenden geistigen Güter sind sie in grausamster Weise in letzter Zeck beraubt worden. In erschreckender Anzahl mehren, sich die Nachrichten von großen Konfiszierungen der Synagogenschätze. An solchen Terrorakten beteiligen sich aber auch — und das ist das Beschämendste an der garrzeu Angelegenheit — jüdische Kommunisten, sogar in ganz „hervorragender" . Weise. Diese entsetzlichen Zustände beleuchten die beiden folgenden Nachrichten, die I. E- B. verbreitet: Zufolge einer in Riga eingetrosseneu Nachricht kam es in Ode s s a während der Konfiszierung der Synagogenschätze zu Kämpfen zwischen der jüdischen Bevölkerung und den Sowjetbeamten. Im Verlause der Unrichen wurde der angesehene Rabbiner Weinberg getötet. Nähere Einzekhecken über die Vorfälle sind noch nicht eingetrofsen. Die Misrachi-Organisattonen von Paläftian, Polen, Deutschland, Tschechv-Slowakei, England, Belgien, Oesterreich, Holland, Schweiz und Atumänien haben der Genua-Konferenz Proteste gegen die Verfolgung der jüdischen Religion seitens der jüdischen Sektion der kommunistischen Partei in Sowjetrußland unterbreitet. — Die Proteste werden wohl wenig nützen, doch der Ort, wo sie vvrgebracht wurden, gibt zu Erwägungen Anlaß. In Genua versuchen es die Russen, das Vertrauen der zivilisierten Welt, das sie -durch ihre PolW verloren haben, wieder zu gewinnen. Wie wird dies dem Herrn Tschitschoriu gelingen, wenn man von solchen Greueckaten der jüdischen Kommunisten gegen die eigenen Brüder hört? Mit welchem Terror muffen erst die christlichen „Genoffen" gegen die armen Juden Vorgehen! Kultur. Der Weltkrieg hat die leidende Menschheit uni jeden Tropfen kulturellen Empfindens gebracht. Diese etwas gewagt klingende Behauptung gilt nicht uneingeschränkt; Erscheinungen der letzteren Zeit legen aber ihre Aufstellung in. einer so schonungslosen Form nahe. Kein Tag vergeht, der nicht neue Nachrichten über den kulturellen Tiefstand der heutigen Weck brächte. Eine reiche Quelle über derartige Meldungen ist Ungarn, welches Land wohl zu keiner Zeit ans -besonderer kultureller Höhe gestanden. Die neueste Art antisemitischer Betätigung haben die im Lande des „numerus clausus" uneingeschränkt herrschenden „Erwachenden" erfunden, sie feiern täglich Mehr „Bombenerfolge". So fand unlängst im Rvmbach-Tempel, als Rabbiner Dr. Adler gerade eine Predigt hielt, eine Explosion, verursacht durch Füllung der