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Die Wahrheit · 1922-05-30 · Heft 11 (30.5.1922) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 11 (30.5.1922)
Date
1922-05-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Heile S Die Wa ibcit vom rohesten Egoisinu-s gelenkten blinidwnt-igeu Haß, der nur dazu dienen kann, die eigenen Fehler und die eigene geistige Oede notdürftig zu übertünchen. Ganz anders als Luther ließ sich etwa drei Jahrhunderte später ein gefeierter Kanzelredner, Pater Lacordiaire (Dominikaner), in einer zum Schluß des Jahres 1846 in der Kirche'von Notre Dame zu Paris gehaltener! Predigt übr das Judentimn und seine Bedrückungen vernehmen: „Graibet ihm eine, Gruft, so Ihr es vermöget. verschließet sie nrit dem festesten Kitt, stellet Wachen. rings um —: lächelnd wird dieses lurftedbliche Volk anferstrhen!" — Natürlich ließe sich noch eine ganze Reihe Ausspruche 'bedeutender Männer anfügen, deren Geringer mchr Grütze im Kopfe hat, als sämtliche Antisemiten zusammen, indessen mag es 'damit sein Bewenden haben. Wenn wir aber, trotz der schr geringen Wertung nuferer Gegner, doch aus deren unermüdliche Minierarbett reagieren, so geschieht ,d!as lediglich im Interesse der Wahrheit und Friedensliebe,. nicht etwa um persönliche Vorteile zu erschnappen, wie dies bei der gegnerischen Seite der Fall ist, sondert als Abwehr und v o rbauende Maßnahme g egen den Ausbruch der allezeit in der M-ass e l an e r nd e n Beßre. - Und ein solcher Anlaß ist mm wieder einmal gegeben durch eine unter dem Titel „Die Inden in Friedrichsruh", Nr. 14—18 im „Michel" (früher „Michel wach' aus") erschienenen Artikelserie, senem Blättchen, dem wir «bereits in Nr. 5 und 6 der „Wahrheit" unter der'Aufschrift „Der jüdische Haß" heiMgeleuchtet haben. Offenbar hält es -der 'Verfasser für einen sehr geistreichen Einfall Bismarcks eine ihn im Jahre 189.) auffuchende Judenabovdimng maßlos abzukanzsln, übersieht 'aber dabei, 'daß gerade der große Kanzler eng befreundet mit dem 'bedeutendsten Finanzier, dem „Inden" Bleichröder, war, so daß sich letzterer rühmen konnte, „25 Jahre am Rade der Geschichte gestanden zu. haben". Es fällt uns nicht ein, das ganze Geschreibsel, ein Meer von ungerechten Klagen und Vorwürfen, der Besprechung zu würdigen, — denn man kennt ja das, immer ist's dieselbe Walze: die „Inden", der leibhaftige Abschaum der Menschheit, der Deutsche, dm engelsreme, alber lammfromme Michel, der vom bösen Inden stets ausgesogen, betrogen und vernichtet wird; — aber wir müssen doch 'Stellung gegen einen der Schlußsätze nehmen, der sich in Nummer 18 auf Seite 2 voefindet und nebst der Hohlheit die ganze Perfidie der Kampfesweise bloßlegt. Denn hier läßt mit augenverdrehender Falschheit der Artikelschroiber seinen Götzen Bismarck also sprechen: „Ich sagte schon zu dem mich besuchenden Grafen Westarp, daß wohl der ärgste Antisemit nicht daran denke, den Juden in Deutschland eine sizilianische Vesper oder eure Banholomäusnacht zu bereiten, aber, mrac Herren, wenn ich mich vor die verzweifelte Alternative gestellt sehe, Deutschland deutsch bleiben oder an Leib und Seele, an Geist nüd Besitz jüdisch werden zu lassen, so muß ich als vorausblickender Staatsmann Akt davon nehmen, daß es heute schon Leute gibt, denen es erträglicher «dünkt, zu sehen., wie em Jude verbrannt -wird, als wie ein Bauer aus seinem durch Betrug fubhastierten Erbe sitzt und weint.... Es ist -besser, über 'diese kaum verhüllte Aufforderung zum Pogrom mit schweigender Berachtnn-g hinwegzugehen und das Wort dem Staatsanwalt zu überlassen, dem es Mein gclbührt! Um aber doch mit einem praktischen Rat h r h eit . Nr. j 1 zu schließen, fei der schimpsfreuditz-e Artikelschreiber aus eine Reminiszenz aus den letzten Tagen «des unglücklichen Kaiser Friedrich verwiesen, welche «sich im Abendblatt der Neuen Freien Presse -vom 1l. April a. c. vorsindet, die seiner Schwärmerei fl'ir das „N u r - Deutsche" einen argen Dämpfer -aus,zu setzen geeignet wäre — falls er ein Atom Billigk^itsgefühl iwch besitzt. Selbst e r. wird zngeben müssen, «daß Der jüdische Sohn noch nicht ge-i boren ist und auch nicht geboren wird, der feiner Mutter gegeiÄber sich äußert, daß es besser gewesen wäre, wenn sein totkranker Vater schon vor 19 Jahren (in der Schlacht . von Wörth) gestorben wäre. Nebenher «bemerkt, war gerade dieser, der Sieger von Wörth, der eigentliche Begründer der deutschen Einheit! Auch darüber dürfte er sich klar sein, daß zwei jüdische Mordbuben nicht gedacht werden können, welche nach einem wohlvorberetteten Planeine arme 'arglose Sprachlchrerin (Loben - stein) kaltblütig erschlagen, «berauben, -und angesichts des Leichnams sich den Vorgefundenen Gugelhupf gut schmecken lassen, wie dies vor kurzem in Graz, der Wiegenstätte des „Michel", -geschehen! Wobei dann noch im Laufe der Vernehmungen hervorgskommen ist, daß seitens dieser Auswürflinge aus sogenannten guten Häusern noch eine ganze Reihe von Raubmorden an einzelstehenden Personen beabsichtigt w ar. Anderer Fälle, 'kaum weniger grauen - haster Art, die sich täglich ereignen, nicht zu denken. Aber der „jüdische Haß" — nicht jener, bloß in der Einbildung bestehende der Inden gegen -uns Arier — sondern der des „Michel" ist nicht nur ein allgemeiner abstrakter, sondern umfaßt -auch ganz bestimmte Gebiete, selbstverständlich in erster Linie die Politik. Ueber die glaubt doch jeder sein verrichtendes Urteil fällen zu dürfen! In der Tat, es bleibt ganz -unfaßbar, warum sich die beiden Reichskanzler Dr. W r r t h uüd Dr. S ch o b e x nicht vor jeder wichtigen Handlung Rats erholen beim „Milchet" sn Gvaz (Grillparzerstraße 17). Sie könnten sich dann so manche Belehrung., die ihnen später in überreichlichem Llusrnaße zuteil «wird, ersparen. So muß denn das neueste deutsch-russische Abkommen, das natürlich nur ,/ein Meisterstreich jüdischer Finanizkunst" ist, den Zorn aller unverfälschten Arier heraussordern. Als Wortführer derselben spielt sich in derselben Nummer 18 (vorn 30. „Ofter^) ein sicherer Herr Stolzing aus München aus. Er leitet denn auch sein Geschimpfe recht kräftig damit ein, daß er die Beratung in Genna als Konrödie «für.die „dvmmen Völker" hiinstellt. (Möglicherweise sind diese Völker' erst dumm gemacht durch eine gewissenlose antisemitische „Journaille".) Natürlich gipfeln seine Ausführungen, in denen «wir vergeblich eigen Gedanken suchen, nur in dem Gekläff „Jnd" und wieder „Jud". Für ihn ist Dr. Rathenan anscheinend nnr ein „vielfacher Milliardär", also Grund genug, ihn zu verung-limpfen, wobei «der Neid wohl die hauptsächlichste Triebfeder bildet. Gewiß/der Haß gegen Juden wird bestehen, so lange die Völker untereinander sich hassen, also Arier gegen Arier, wie Dr. E. Weinberg in Besprechung unserer Artikel' in Nummer 5 und 6 ganz richtig in Nninmer 9 bemerkt. Aber wird er nicht auch dann noch weiter lodern wenn sich die „Herren"-Vö'lker nntereinaäder verständigt haben werden? Es müßte eben jeder Hetzer (auch jener auf der Kanzel!) sofort mundtot gemacht, jedes verhetzende Wort -und Bild aus Schule und Kirche entfernt werden. Zu demselben «Schlüsse, «der Vereinigung aller Völker in brüderlicher Liebe, «kam auch seinerzeit Dr. Taglicht, Rabbiner in Wien, der in einem 1907 im Verein zur Abwehr des Antisemitismus gehaltenen- Vortrage in tief-

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