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Die Wahrheit · 1922-05-30 · Heft 11 (30.5.1922) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 11 (30.5.1922)
Date
1922-05-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11 Die Wahrheit Seite 7 In einer schwierigen Laige haben die Rabbiner getan, was sie im Bewußtsein ihrer alliseitigen Psilchten tun zu müssen glaubten. In tagelanger, nervenaufreibender Arbeit haben sie den drohenden Brand hinter den Kulisien § bändigen gcholsM, wie eine gewissenhafte Feuerwehr, der es lediglich um das Löschen, «aber nicht um das Trompeten zu tun ist. $ * Zu der Streikantzelegenheit erhielten wir auch vom Verband der Angestellten der Kultusgemeinde ein Schreiben, auf das wir in der nächsten Nummer unseres Blattes ausführlich zurückkommen. Sabbatfrieden. Von allen Leiden, die uns das Galuth auferlegt, ist wohl das das schlimmste, daß es den meisten unter uns den Sabbat nahm. Ich sehe im Geiste manchen von euch, meine lieben Leser, ausbegehren, daß -dem nicht so sei, daß man ihn.sich nicht nehmen lassen brauche, wenn man es nicht wolle, aber wenn wir mit offenen Augen unsere Umwelt betrachten, so müssen wir doch feftfteüen, daß eine erhebliche Anzahl, und nicht gerade die Schlechtesten, von den harten Notwendigkeiten des Löbens gezwungen wird, die Heiligkeit des Sabbats zu verletzen. Das ist aber traurig, tieftraurig! Ich will heute nicht davon sprechen, wie man Abhilfe für diese Dinge schassen könnte; es müßte in vielen Dingen Stückwerk 'bleiben. Reden will ich von dem Frieden, der in unser Herz zieht, wenn wir uns bemühen, den Sabbatgedanken ganz in uns auszunehmen, und wenn wir den Sabbat wirklich zu erleben suchen. Armselig die, die glaubett, für unseren Ruhetag am Sonntag einen Ersatz finden zu können. Dies wäre ein Ersatz, wie wir ihn im Kriege für so viele Tinge kennen gelernt und rasch nachher wieder über Bord geworfen Haben. Nie kann der laute, geräuschvolle Sonntag den Sabbat ersetzen. Nicht suchen wir am Sabbat Unterhaltung, das lärmende Vergnügen, idie Zerstreuung, wie das schöne Wort lautet, wir suchen den Frieden, die innere Sammlung, die Ruhe. Was aber täte uns mehr not in unserer rasenden, jagenden Gegenwart als dies? Wir fliehen an unserem Ruhetage nicht vor uns selbst in die Umwelt; an diesem Tage wollen wir -uns sammeln, um den Kamps der folgenden Woche mit um so größerer Kraft anfnehmen zu können. Wohl dem, dem am Freitagabend bei den Klängen des L'cho dodi auch der Frieden ins Herz zieht, der wie ein König in den Kreis seiner Familie zurückkehrt und mit dem Segen über Wein und Brot alles Häßliche von sich abftreifen kann, was ihn die ganze Woche bedrängt hat. Wir wollen den Sabbat hüten und an ihn denken. Hüten sollen wir ihn vor allem Unreinen, vor, allem, das seine Heiligkeit verletzen kann. Gerade darin, daß man all diesem Tage keinerlei Werktagsarbeit verrichten soll, liegt sein seelischer Gewinn. Man tut an ihm nicht das, w.as man alle Tage tut. Ich möchte Werktagsarbeit aber auch nennen, wenn man sich an diesem Tage auch nur in Gedanken mit dem beschäftigt, was den meisten Menschen das Löben ausmacht, bis zu einem gewissen Grade auch -ausmachen muß, der Sorge um das tägliche Brot, das Geld. Der würde in meinen Augen den Frieden des Sabbats viel mehr verletzt haben, der solchen Gedanken Raum gibt, als der, der äußere Arbeit verrichtet, verrichten muß. Und doch mag gegen dieses seelische Reinhalten des Sabbats am meisten gesündigt werden. Den ruhenden Pol. in der Erscheinung Flucht soll der Sabbat darstellen. An ihm sich in die Thora zu versenken, ist freudiger Genuß. Ich bekenne es offen: erst als gereistem Menschen haben sich mir ihre Schönheiten erschlossen; doch dies ist eine Vermessenheit, drum will ich lieber sagen, begrünen sich mir ihre Schönheiten zu erschließen. Es gibt wohl keinen Augenblick des täglichen Lebens, für den man nicht aus ihr Trost und Erhebung finden könnte, und oft glaubt man, wenn man gerade so ganz und gar erfüllt ist von den Ereignissen der Gegenwart, -in ihr das erlösende Wort zu finden. Feierstunden des Göistes sind es, wenn man am Sabbat zu der Bibel greift, wenn man über die Jahrtausende hin- ~ weg seine Gedanken hinlenkt zu dem, von dem unser Wissen ausgegangen ist. Wir werden uns dann erst so ganz und gar klar, daß das Abendland sich immer mehr und mehr von jenen reinen Bcchnen entfernt hat. Wie schön aber ist es, am verdämmernden Sabbatabend nur einmal ruhig dazusitzen und die ganze Köstlichkeit dieser Stunde auszukosten, auf die Stimme seines Sintern zu hören, aus die Glocken, 'die da vielleicht wieder zu klingen beginnen und die unter dem Druck der werktätigen Arbeit verstummten. Ihr Aengftlichen, die ihr da glaubt,, solch Sabbat habe -euch im Kamps um das Dasein hinter tue anderen, die da arbeitöten, zurückgeworfen, euch möchte ich zurusen: Was ihr verloren habt und verloren zu haben meint, das holt ihr ein durch die Frische des Göistes, die ihr heute gewonnen habt, durch die seelische Spannkraft, die euch zuteil geworden ist. An einem Herzen, das an solch einem Sabbat zu sich selbst, zur Gotteslehre znrückgekehrt ist, an einem solchen Herzen prallen alle Ausbrüche des Hasses, die in diesen Tagen ans uns niederprasselu, ohnmächtig ab, sie vermögen nicht einmal die Schale zu verletzen. Im alten, dielgeschmähten Getto konnte der Jude den Sabbat voll auskoften. Ob wir um dieses Gutes willen nicht alle sogenannten Errungenschaften der abendländischen Kultur hingeben sollten? Wir wollen retten, was sich noch retten läßt. Wir wollen unsere Kinder zur Heilighaltung des Sabbat erziehen, versuchen, in ihre Herzen von diesem Frieden hineinzugießen. Wir wollen hoffen, daß im Lande der Väter die Sabbatheiligung nicht nur ein äußeres Gobot, sondern eine innere Notwendigkeit sein wird. Wir wollen jene Stunden der Selbsteinkehr heilig halten, weil wir uns erst am Sabbattage bewußt werden, was es heißt, ein Mensch zu sein. Dr. Willy Cohn (Breslau). Der jüdische Kaß. Bon einem Arier. Von einem «der überzeugtesten Antisemiten der Geschichte, Martin Luther, erschien einst eine giftge> schwollene Schmähschrift: „Von den Juden und ihren Lügen". Das war im Jahre 1543. Heute, nach 380 Jahren, wäre viel gerechtfertigter ein Werk zu schreiben: „Von »den Antisemiten und ihren Lügen". Dasselbe nähme -einen riesenhaften Umfang an. Während aber der mittlalterliche Schriftsteller so gerecht war, darin zu erklären: „Sophisten und Mönche, grobe Eselsköpfe, haben bisher so mit den Juden verfahren, daß kein guter Christ hätte ein Jude werden mögen; wäre ich ein Jude gewesen und hätte solche Tölpel Christentum regieren und lehren sehen, wäre ich eher eine Sau als Christ geworden" — welch« Sentenz zweifellos manches zum Verständnis der jüdischen Mentalität 'beiträgt — vermißen wir auf der anderen, der antisemitischen Seite jede, auch die geringste Gerechtigkeit oder Billigkeit und treffen überall nur auf

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