Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 11 (30.5.1922)
- Date
- 1922-05-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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der Festsetzung des Streiks gerade für 'den in vielen jüdischen Familien mit Sehnsucht erwarteten Freudentag hingewiesen. Doch sie wurden in einer Plenarversammlung ) Ser Angestellten durch die „Führer", die bloß die materielle Seite der Angelegenheit ins Auge gefaßt hattet:, niedergestimmt, bemühten sich aber unablässig, ihre An-- sichten durchzusetzen. Und wenn in zwölfter Stünde die Einigung erfolgte, so ist sie nicht in letzter Linie Hnen zu verdanken. Nach bangen Stunden der Aufregung — der Kultusvorstand hatte sich von Sonntag, den 14. d. M., früh bte spat - abends in Permanenz «erklärt — wurde eine Vereinbarung getroffen, die die Angestellten ohne den ausgebotenen " verwerflichen Apparat, ahne den Verlust der Sympathiender Oeffentlichkeit bereits vor «zehn Tagen hätten erreichen können. Wir hoffen, daß die Kultusangestelltöir nach diesen Erfahrungen von ihrem Irrwahn, mit dem Kopf durch die Wand rennen zu können, der ihnen von den gewissenlosen Hetzern eingeimpst wurde, a^ekommen sind uNd in Zukunft zwischen Utopien und Wirklichkeiten, zwischen falschen und wahren Freunden unterscheiden werden können und nach dieser Erkenntnis ihr künftiges Verhalten einstellen werden. * * * Montag, Len 15. d. M., abends hat der Kultnsvorftand den Bezirkskommissionsmitgliedevn in einer Vollversammlung Bericht über die Verhandlungen mit den Angestellten und die trostlose Lage der Gemeinde erstattet. Hierauf wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: „Unter dem Eindrücke der Schilderungen, welche die heute versammelten Mitglieder sämtlicher Bezirkskommissionen der israelitischen Kultusgemeindie über die finanzielle Situation der Gemeinde, aber auch über die nicht genug zu verurteilende Haltung der Angestelltenschaft in den letzten Tagen, empfangen haben, erklären die Bezirkskommissionsmitglieder, mit allen Kräften im Interesse der finanziellen Sanierung der Kultusgemeinde wirken zu wollen, damit die Kultusgemeinde berechtigte Forderungen ihrer Angestelltenschaft erfüllen könne, sich aber auch voll und ganz der Kultusgemeinde als freiwillige Helfer zur Verfügung zu stellen, wenn sich wieder der Fall ereignen sollte, daß durch mutwillige und frivole Streikversuche die Kultusgemeinde in der Erfüllung ihrer hohen und heiligen Aufgaben und damit in ihrem Bestände gefährdet "werden sollte.' Die Bezirkskommissionen sprechen dem Präsidium, dem Kultusvorftande und dem Sekretariat für die in schwerster Zeit geleistete hingebungsvolle Tätigkeit, die sie voll und ganz billigen, den wärmsten Dank und die Anerkennung aus." » * * Von der Rabbrnevsekktion wurde uns «auf unser Ansuchen die folgende Aufklärung zuteil: Für die Aufnahme, in MittelstaNds-HilfsMionen, Krankenkassen und andere Wohlfahrtseinrichtungen ist bekanntlich die Mitgliedschaft einer größeren Vereinigung Bedingung. Nach dem Vorbilde anderer geistiger Arbeiter, darunter hoher Staats- und Kommunälbeamter,. suchten daher, der Not der Zeit gehorchend, sowie «aus sozialem Empfinden für noch schlechter Gestellte, die Gemeinderabbiner Anschluß an eine Organisation, die zugleich mit den Interessen nachstbeteiligter Kategorien auch die ihrigen vertreten konnte. In dem Verbände der Angestellten ' der Kultusgemeinde war eine solche gegeben. Die wirtschaftliche -Lage «der Gemeinderabbmer war damals eine klägliche. Zur Illustrierung genügt der Hinweis, daß manchem von ihnen zur Bestreitung des bescheidensten Haushaltes Frau und Kinder verdienen/ helfen und daß Rabbinerswitwen und -Waisen unter uns das Brot des Elends essen mußten. Eine Eingabe «der Rabbiner an den Kultusvorstand üido. 26. Dezember 1919 enthält folgende Sätze: „Einem Beschlüsse des löbl. Kultusvorstandes zufolge sind die Bezüge der Gemeindeangestellten um 50 Prozent erhöht worden. Die Rabbiner wurden ausgeschaltet... Der wirkliche Wiener GemeiNderabbiner bezieht nach 20jähriiger Tätigkeit, da ihm jede automatische Gehaltssteigerung versagt ist, einen Grundgehalt von K 7500.— jährlich..." lieber die vergeblichen Bemühungen einiger Kultus- Vorsteher, den Rabbinern gleichmäßige Behandlung mit den anderen Angestellten zu erwirken, liegen authentische Zeugnisse vor. Seit dem Bestehen «des Verbandes der Angestellten hat aber eine Besterung der Lage der Rabbiner eingesetzt und, dank der Kohäsionskraft «des Verbandes, bis heute angehalten. Das wiederholte Ansinnen, die Rabbiner fallen zu lassen,, um hiedurch für ^andere Angestelltengruppen die Erfüllung ihrer Forderungen leichter zu erreichen, hat die Berbandsleitung auch diesmal zurückgewiesen. - . , ■ , IV i Als der Verband nun, um ohne diesen Amweg zum Ziele zu gelangen, sich 'zu einem äußersten Mittel entschloß, entschied sich die Rabbinersektion im Gefühl gebotener Solidarität, sowie aus taktischen Gründen einhellig dahin, sich in diesem kritischen Stadium nicht ausznschalten. Vielmehr sollte alles aufgeboten werden, um zwischen Kultusvorstand und Verband den Weg friedlicher Verständigung offen zu halten, was naturgemäß nur barnt möglich war, wenn die Rabbiner im Verbände und somit im Besitze feines Vertrauens verblieben. Demgemäß hat «die Rabbinersektron sowohl im Verbände als in stundenlanger Vorsprache beim Kultusvorftande am 11., 12., 13. und 14. d.M. in dieser Richtung ihren ganzen Einfluß und ihre ganze Kraft aufgewandt, bis der Erfolg, die Vermeidung des Streiks, errungen war. Die für den 16. d. M. angemeldeten Trauungen waren nicht gefährdet, da der Rabbinersektion von der Verbandsleitnng rechtzeitig zugesagt worden war, daß die Vornahme dieser Trauungen, keinen Schwierigkeiten« 'begegnen würde. Keiner einzigen Tvauuugspartei war abgesagt worden, urtb solange dies nicht geschehen, blieb, wie die Anmeldung, auch die Zusage voll und ganz auftecht. Nachdem die Rabbiner im Anschluß an die Besprechung mit dem Vertreterkollegium am Abend des 13. d.M. nochmals, und wie sie hoffen durften, nicht vergeblich, mit der Berbandsleitung zu verhandeln - übernommen hatten, wurde einzelne des Nachts von einem Mitgliede des Kultusvorstandes telephonisch mitgeteilt, daß die Vornahme der Trauungen eventuell auch ohne ihre Mitwirkung gesichert sei, und hieran die Frage geknüpft, ob sie am 16. d. M. trauen würden. Die Antwort konnte nach dem, was vorangegangen, korrekterweise nur lauten: „Sobald wir morgen mit der Verband sleffnng verhandelt haben, «werben wir in den ersten NachMittagsstunden konform mit den Kollegen die Antwort erteilen." In diesem Sinnegeantwortet zu hüben, erklären sämtliche; derart befragte Rabbiner. .