Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 11 (30.5.1922)
- Date
- 1922-05-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Angestellten der Kultus gemeinde nach Zulässigkeit der hiesür verfügbaren Mittel den Bezügen der Angestellten der Gemeinde Wien gleichzustellen. Die zu wählende paritätische Kommission wird ermächtigt, die hiesür zweckdienlichen Vorschläge sowie Anträge wegen Regelung der Pensionsbezüge unter Zuziehung eines Mitgliedes der Leitu.ng des Bundes osfentlicher Angestellten — des letzteren mit beratender Stimme — zu erstatten." Vielleicht hätte der einsichtige Teil der Angestellten sich mit dieser ernstgenreinten, wohlbeachten Versicherung begnügt und ruhig deren Erfüllung Äbgew artet. Mer die Mehrheit lag 'bereits im Netz von leichtfertigen Hetzern, die, anderweitig saturiert, rücksichtslos die Methodik der Lohnbewegung durchgeführt sehen trollten. In dieser beklagenswerten Zwangslage machte sich die Angestelltenschaft einer Illoyalität schuldig ldie schärferen, richtigen Bezeichnungen des Verhaltens werden im Laufe dieser Betrachtungen noch gebraucht werden), daß sie einen Tag vor Beginn der für den 15. anberaumten Einigungsversuche durch das Staatsamt für soziale Verwaltung, für welche sie bereits Vertreter nominiert hätte, den folgenden Bombeuaufruf in die erregten Gemüter schleuderte: Verband der Angestellten der isr. Kultusgemeinde Wien. Werte Kollegen und Kolleginnen! In Ausführung des Beschlusses der Vollversaunuluug vom 12. Mai 1922 wird Ihnen zur Kenntnis gebracht, daß wegen Nichterfüllung nuferer Forderungen betreffend die Fortdauer der Automatik und die endliche Regulierung der Pensionsbezüge am Montag, den 15. Mai 1922, um 6 Uhr morgens ein allgemeine r S t r e i k der Angestellten der Kultusgemeinde beginnt und bis zur Dnrchseung dieser Forderungen fortgesetzt wird. ' Nur Begräbnisse ohne Mitwirkung von Rabbiner, Kantor und Chor s o w i e d e r Betrieb der Mi? wa h werden noch für Montag, den 15. Mai, freigegeben. Dienstag, den 1b. Mai, beginnt der lückenlose Streik. Bei den täglichen Gottesdiensten fungiert ei« Tempeldiener. Der Streik wird erst dann abgebrochen, bis Sie von uns eine diesbezügliche Mitteilung erhalten. Wir erwarten unbedingt, daß Sie im Interesse der Sicherung Ihrer EMenz gewerkschaftliche Disziplin halten werden. Wien, 11. Mai 1922. , Die Verbandsleitung. Der Streik wurde also gerade aus den Lag B'omer festgesetzt, auf den Freudentag, an dem 'sich die rückgestauten jüdischen Trauungen in breitem Strom ergießen. Es sollte nach den Absichten der Streikenden Mißmut und Erbitterung in die Reihen der Traunugsverhindcrten und so indirekt in die breite jüdische Oeffentlichkeit getragen werden und diese Empfindungen, das lag wohl auch im Plane der Rädelsführer, der Borstand der Kultusgemeinde zu kosten bekonunen. Wer gerade das Gegenteil geschah: Im gesunden Beurteilen der unmittelbar Bedrohten stand cs fest, auf welcher Seite Recht und Unrecht war, gab cs keinen Zweifel, daß der Vorgang der jüdischen Angestellten äußerst un jüdisch war, daß er aller umb jeder Pietät und Rücksicht gegen Lebende un>d Tote entbehrte und deshalb standen die jüdischen K r e i s e aller P ar t e i r i ch tnn g e n einer solchen Streikaktion oernrteilenld gegenüber. Man erblickte :darin ganz richtig eine Pression und konnte dafür nicht genug harte Worte des Tadels finden. Die Angestellten mochten sich über die herrschende Stimmung iin klaren gewesen sein, swoie auch darüber, daß der überspannte Bogen unter den Hälrden der Streitlustigen zerbrechen würde. Hatten doch die geistigen Führer der Angestelltenschaft iviederholt und inachdrücklich ans das Verwerfliche den Geist ihrer Kirche, die den Lehrer der höchsten Sanftmut und Geduld ihren, Stifter nennt, geradezu verhöhnen. Diese Priester süid mrwürdig ' des priefterlichvn Wirtes, unwürdig des priesterlichen Ehrenkleides. Zir allen Zeiterr standen die Juden auf Seite der Auftlär^rug, der EvkemMis, ides freien Denkens, des Forschens und Wissens, der geistreichen Bildung und iherer ersten Bedingung, der staatlichen Fvecheit. Dies aber ist es 'eiben, was ihnen diese 'kleinlichen und gemeinen Schmähungen von Leuten . zuzieht, die das mittelalterliche DuNkel als das Heil der Welt ansposaunen." Leider spielt diese Lieblosigkeit in der heutigen Zeitgeschichte eine sehr traurige Rolle für unsere Konfession. Verdient denn das Judentum dafür ften Haß des Christentums, weil dieses aus ihm entstaniden ist? Mögen diese beiden Religionsformen endlich, wozu sie ohne Zweifel von der Vorsehung 'berufen ititb, in Frieden, in Liebe, und Frerrndschaft nebeneinander waNdeln und jede im Kreise Hrer Bekenner die Göttlichkeit der Religion durch deren Früchte 'betveisen. Jrn Geiste des Judentums an sich liegt nicht der geringste Keim znur Haß oder zur Geringschätzung des Christentums. Vertrauen wir auf den Allgütigen, welcher das Volk Israel würdig befu'llden, anr Sinai die Fundamental gesetze zu empfangen und diese allen Nationen des Erdballs nritznteilerr, die Einheit und Allmacht Gottes zu verkünden. Er, der Allmächtige, wivd es ermöglichen, daß wir die herben Prüfungen üiberstehen und daß wir geläutert durch den Ernst der Erfahrungen, durch tvahres berechtigtes Selbstbewußtsein, das sich von selbst in das Geitvand der Bescheidenheit 'hüllt, ans denselben hervor gehen werden. Urrd wo man zu ihm gesagt: „Ihr seid nickst mein Volk", wird ntait zu Israel sagen: „Ihr seid Kinder des leibeNdigen Gottes". „Bete für das Wohl des Staates." „Staatsgeisetze sind Gottesgesetze." „Sorget für das Wohl der Stadt, wohin ich euch habe wegsühren lassen, und betet für sie zum Herrn, denn ihr Bestes wird auch euer Bestes sein." Ein Volk, welches solche Lehren und Grundsätze übt, kann unmöglich vergehen, eine solche Nation steht fest und unerschütterlich wie die tausendjährige Ceder am Libanon. Albert L ö w.