Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 10 (12.5.1922)
- Date
- 1922-05-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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m. iti D i c W a f) v h e i i Seite 0 Das Schicksal des Jnidentnms der Gegewoart ist, nach j K autsky, die vollständige Asstini'liernng, die Auflösiutg, seine einzige Lebensgnelle: der Antisemitismus. Und nun setzt sich Knut sk y mit dem Zionismus auseinander.' Er ist im besten Falle Znknnstsmnsik. Aber die Schtvierigkeit, seine Zielte zn erreickien, wäre kein Grund, an setnen Erfolgen zn verzweifeln, wenn nicht die Zeit so drängen, sich nicht durch die Verzögerung die politischen Bedingungen seiner Dilrchsnhrung rapid verschlechtern würden. Von seinem Standpunkt arrs bestreitet Kautsky den Inden jedes Anrecht aus Palästina, da es iveder ein demokratisches noch ein sozialistisches, sondern nur ein historisches ist. Das erstarkende Arabertum bedroht jede jüdische Siedilnng in Palästina mit deni Untergange. Nicht in Palästina, sondern im europäischen Osten erblickt Kautsky das Feld, auf dem die Geschicke des leidenden Teiles der Judenschast entschieden werden, nicht durch Auswanderung in die Fremde, sondern durch Revolution in der Heimat. Im.Gegensatz zu Zo lisch an der für Inzucht im Judentum eintritt, befürwortet Kautsky sodann die Beimischung nichtjüdischen, besonders bäuerlichen Blutes. Der einzige Rettungsweg, der den Juden offen steht, ist die energische Anteilnahme am Klassenkamps der Prole tarier und mit der Erringung der Freiheit ' vollständige Selbstauslösung. Dieses Verschrvinden -bedeutet keineswegs einetl tragischen Prozeß. „Ahasver wird dvbei endlich zur Ruhe kommen. Er wird sortleben in der Erinnerung als der größte Dulder der Menschheit, der am meisten von ihr gelitten-, der ihr am meisten 'geschenkt." (Fortsetzung folgt.) - Die Stellung der Kantoren. Vom Ersten Kantor Mathias M a t y a s. Viel mnd vieles ist seit dem Znsammenbrnche über die auffällige Diskrepanz zlvischen der Entlohnung geistiger und manueller Arbeit geschrieben und gesprochen worden und es wird hiebei besonders schwer beklagt, daß die erftcre der letzteren gegenüber, wenn ich so sagen darf, an materieller Wertschätzung so sehr verloren hat, was sich drastisch genug in dem immer tiefer sinkenden Leben ssnße der geistigen Arbeiter ausdrücke. Diese Tatsache föstgelMten, erscheint es meMvürdig, daß die Bibel gewisse manuelle Arbeiten den geistigen gleichgestellt. So heißt es im zweiten Buche Moses, Kapnt Z5, Vers lll: „Meister Bezalel war erfüllt mit göttlichem Geiste, mit Weisheit, Vernunft und Wissenschaft lind mit allerlei Knnstgeschicklichkeit, bei der Bearbeitung von Gold, Silber und Kupfer, gewisse Gedanken zum Ausdrucke! zn bringen." Trotz dieser Bibelstelle wäre es verfehlt, wenn wir zwischen geistiger und manueller Arbeit schlechthin keinen Unterschied nmchen und sie in allen Fällen gleichstellen wollten. Denn wenn die Bibel auch die Arbeit des Bezalel.eine geistige nennt, so geschieht dies eben mlr ans dem Grunde, weil seine Arbeit eine künstlerische war und' in jeder K'nnstübnng liegt immer auch eine geistige Arbeitsleistung. Jede geistige Avbeik ist, so wie sie in den mannigfaltigsten Formen in die Erscheinung tritt, auch ihrem Wesen nach verschieden. Der Mailer wirkt -bei Wiedergabe der Natur zuvörderst durch Farben, der Bildhauer durch die Kunst der Plastik bei Bearbeitung des oft spröden Rohstoffes, der Rhetoriker durch kunstvolle BöharÄung der Sprache und eindrucksvolle Vortragsweise, der Dichter durch die künstlerische Verbindung von Phantasie mit dem in der Sprache liegenden, schönheitssatten Zander, der Komponist durch melodisH Verbindung der Töne zur Harmonie, der Jnstrumeutalist durch die künstlerische Wiedergabe einer Komposition ans seinem Instrumente, der Sänger endlich durch den Ton der künstlerisch behandelten menschlichen Stimme. — Bei Ausübung ihrer Kunst ist allen diesen Künstlern gemeinsam, daß sie mit sichtbaren, greifbaren, möglichst oollkonnnenen Mitteln arbeiten — bis ans den Sänger. Denn die l^escmgsknnst ninlmt im Rahmen der allgenreinen Künste gewissermaßen dieselbe Stellung ein, wie die Metaphysik irr der Philosophie. Bei der Hervorbringung des Cyesangslones sind vor zugsweise drei Elemente tätig: Der Atem, die Stimmbänder und die Resonanz in Brust und Kopf. In dem Buche „Tonbildnng" von Bcüller-Brunow heißt es: Es ist schon lätigst das Streben der musikalischen Gelehrten ans dein Gebiete des Gesanges, Licht in das Dunkel dieser Wissenschaft zn bringen. 'Aber selbst Aerzte und Physiologen haberi kein befriedigendes. Resultat liefern können — der Apparat unserer größten Sänger war bei näherer Untersuchung nicht anders beschaffen als der von nnbedeutenden und selbst von Nichtsängern. Dieses negative Ergebnis bringt rum Müller-Brnnow, auf die Idee, das Geheimnis der schönen Stimme liege im Suchen nach dem primären Ton. Wahre Kunst ist höchste Nnchnhmnng der Natur; die Natur läßt sich aber nicht belauschen, sie läßt sich mir ahnen; wir sehen und hören das „Wie", aber das „Warum" bleibt uns verschlossen. Nach langjährigem Studium kam ich nun zur Ueberzeugung, daß die wahre Gesangskunst uur durch Suggestion zur Apperzeption zu erreichen ist, und zwar bei jedem nur nach seiner Individualität. Darum hat die alte italienische Gesangsschule beit Schüler nicht schematisch, svnderrn stets individuell behandelt und ihn sechs, acht, ja oft bis zu zehn Jahren in der Schule festgehalten. Denn ein sehr weiter und dornenvoller Weg führt über die Respiration itnd Expiration zur ''Apperzeption durch Suggestion. Gesang ist Seele. Mit dieser Darstellung glaube ich auch meine Behauptung über die Stellung der Gesangskunst im Rahmen der übrigen Künste ausreichend begründet zu haben. Die Lage des Sängers ist aber auch sonst noch rm Vergleiche mit den anderen Künsten eine schwierigere; er hat näinlich mit einer stetig wiederkehrenden Indisposition zu kämpfen. Indisposition nicht in dem gewöhnlichen Sinne einer zufälligen tlnd vorübergehenden Unpäßlichkeit genommen. Damit ist vielmehr eine gewisse, durch die ''Arbeitsleistung beim Singen hervorgerufene, Rötung des Apparates gemeint, die nach jeder größeren Gesangsleistung regelmäßig eintritt. Wollte der Sänger, ehe diese Rötung wieder znvückgegangen ist, fortgesetzt weitersingen, dann träte eine Verdickung der Stimmbänder ein, deren Beseitigung schon ärztliche Hilfe erforderte, wenn der Sänger nicht Gefahr laufen will, mit fchtveren Komplikationen kämpfen zu müssen. Nach einer größeren Gesangsleistung, an der sich das Publikum vergnügt hat und an der es noch lange nachher zehrt, geht der vernünftige Sänger zumeist nn'ide nach Hause und gar oft mpig er dann im Stillen ein elegisches Lied angestimmt oder gar in melancholischem Tiefsinne sich selbst einen „Bajazzo" genannt haben. (Schkiß folgt.) IE 7