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Die Wahrheit · 1922-04-28 · Heft 9 (28.4.1922) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 9 (28.4.1922)
Date
1922-04-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Deutschland, Deutschland über Alles! Der leider zu früh von Thron und Leben geschiedene Edslmensch Kaiser Friedrich hat däs Wort geprägt: „Der Antisemitismus ist lein Schandfleck des 19. Jahrhunderts." Und doch war es nur «in gemäßigter, wohltemperierter AnöisemMsmus der Stöcker, Ahlwart, Treitschke, außerdem noch von -der Autorität des' Staates cm die Kette gelegt. Der fluchbeladene Weltkrieg hat in Deutschland nicht nur jegliche Autorität, sondern auch die Kette gebrochen, an welcher /der Hund Antrsemitismus lag, so daß er, der früheren Hemmungen ledig, sich austoben kann; ähnlichwie in Ungarn. Die preußische Dogge und der magyarische Schäferhund, Schnauze an Schnauze, auf der Judenhetze — welch ein Anblick. Zwar -die Magyaren, diese konfektionierten Nachkommen der Dataren, wurden in der Knltnrwelt Nie für ebenbürtig genommen, aber die Deutschen, dieses Volk der Dichter rurd Denier — wer konnte so tief sinken? Weil -es nie so hoch gestanden, als es sich irr seinem Dünkel eiNbildete. Weid es sich vom Banir des Atavismus nicht losmachen konnte. Krenzznge, Hexenprozesse, Jndenspiegel. All dies ruhte in seinem Unter- -bewußtfeiu und wrrrde gelegentlich manifest, wie der Gifttropfen, der unaustilgbar in der Blutbahn des Malariakranken kreist. Eine Natunrotwendigkeit, mit der man sich, wie mit jeder arrdererr abfinden muß. Grit. Machen wir! Gegen Zahnschmerz und Antisemitismus haberr die Ouackfalber hundert 'angepriesene MAel, die sämtlich nichts taugen. Marr muß noch froh fehr, wenn sie nicht schaden, wie das vor kurzem aus den Markt gebrachte Arkanum des Dr. Max Naumann. Es ist rührend einfach. Man setzt sich als jüdischer Deutscher nieder und steht als national-deutscher Jude auf. Man denke nicht an den müßigen Nachtwächterstre-it über das „Betvahrt und verwahrt das Licht", sondern differenziere mit jener Genauigkeit und Schärfe, die geboten ist. Der jüdische Deutsche, das ist der Jude, der sich vor allem als solcher bekennt, dem Glauben seiner Väter lebt, dem Staate gibt, was des Staates ist und niit allen Nebenmenschen in gutem Einvernehmen bleiben will. Der national-deutsche Jude Naumanns betont gleichfalls das Eigenschaftswort -auf Kosten des Hauptwortes. Auch hier vechlterhaitd, linkerhand alles vertauscht. Ein Deutscher mit dem kleinen Makel jüdischer Geburt, über die ein edelgesinnter Arier gnädig wegsehen wird. Er litt es aber nicht. Im -Gegenteil, er stößt ihn mit Abscheu zuriick. Der Naumann-Jude ist wie jener dreimal hinausgeworfene Hausierer, der unentwegt immer wieder kommt. „Soll ich denn wirklich fortgehen?" Wem dieses Gleichnis zu skurril ist, den: sagen wir: der Naumann-Jude ist das auls die Wotans-Eiche gepflanzte Reis aus dem Libanonwalde, das an Mser Okulation verdorrt, zugrunde geht. Am schärfsten, aber am richtigste wohl: Der Naumann-Jude ist der aufdringliche Liebeswerber, dessen abgelehnter Trieb in oiue Masturbation des Charakters mündet. Der jüdische Deutsche kann diese Erscheinung nur mit Grauen betrachten. Seine Seele -besinnt sich aus sich selbst, auf seine hohe Mission uNd gebotene Haltung mtgesichts der drohenden Entartung. Dr. Naumann mag nnjmer rin Fähnlein Moralkrüppel, um seine Werbetrommel versammeln, so lange die Blüte der Nation, die akademische Jugend, vereint miiit den Offizieren des Kaisers, unter dein erhebenden „Deutschland, Deutschland über Alles!" bei hellem Tage friedliche Juden überfallen, beschimpfen, mißhandeln, werden di>ese für das germanische Lied der Lieder die zweite Stimme verweigern. Bon Nah nnd Fern Die Not der Presse. Im deutschen Reichstag wurde kürzlich seftgestellt, datz unter dem Druck der wirtschaftlichen Rot 15V Zeitungen ihr Erscheinen einftellen mutzten. Wr haben in Oesterreich öiesbezügUch keine stanstischen Angaben, wie viele Zeitschristen bei uns den gleichen Verhältnissen zum Opfer gefallen. Ihre Zahl wird kaum viel geringer sein. In Deutschland gckb der Staatssekretär Hirsch dem Hause die Versicherung, die Regierung werde alles tun, um die Presse über die schwere Rot hinwegzuhelfen. Eine ähnliche Erklärung gab Bundeskanzler Schober dem Nationalrat gelegentlich der Debatte über das neue Pretzgesetz. Drüben und hüben wurde die kulturelle Notwendigkeit eines unbehinderten Fortbestandes der Zeitungen beteuert. Es ist für uns nur die Frage, wie und ob sich die schönen Worte in Taten umsetzen werden. Jedenfalls ist es bezeichnend, datz nunmehr auch von verantwortlicher Seite offiziell die Schwierigkeiten erkannt wurden, in denen sich das gesamte österreichische Zeitungswesen befindet. Von dieser Kalamität wird besonders schwer die jüdische Presse betroffen, denn sie hat naturgemätz einen beschränkteren Leserkreis, sie dient den Interessen eines Teilpublikums und hat die Pflicht, unter den grötzten materiellen Opfern ihrer Ausgabe gerecht zu werden. Soweit unser Blatt in Betracht kommt, dürfen wir ruhig erklären, diese Pflicht stets erfüllt '-u haben unter gleichzeitiger Versicherung, sie auch fernerhin bestens erfüllen zu wollen. Voraussetzung aber ist, datz wir der Gegenleistung unserer Freude gewitz sein können, datz mich sie dem Gebot der Stunde sich nicht entziehen. Deshalb ergeht in der kritischen Lage, wie sie durch die verhängnisvollen Preis- und Lohnverhältnisse entstanden, der eindringliche Mahnruf an unsere Freunde, unserem Blatte das werktätige Entgegenkommen nicht zu versagen, der anerkannt verdienstlich und erfolgreich wirkenden »Mahrheit" den Fortbestand zu sichern. Es gilt Treu um Treue, und wir hoffen, datz dieser Grundsatz seine Bestätigung finden wird. Brot und Freiheit. Unter diesem Titel brachte die „Jüdische Rundschau" einen Pessachartikck, der dem richtigen Gedanken Ausdruck gibt, daß politische und soziale Freiheit unlösbar mit der Brvtfrage verknüpft ist. Die Wahrheit dieser Behauptung mußte bereits Moses bei seinem Besr-einngswerk oft genug erfahren. Oft genug war es durch Nahrungsmangel der wandernden Israeliten gefährdet. Das stürmische Sehnen nach den „Fleischtöpfen Aegyptens" ist ans der Bibel hinlänglich bekannt. Es war die einfachste Bekenntnisform, daß man von der Freiheit allein nicht leben kann. Der Jdeengang der „Jüdischen Rundschau" ist soweit einwandfrei, nicht aber die Folgerungen, die hieraus für die Palästina-Bewegung gezogen werden, es mögen die breiten Massen des Brotes wegen nach Pc.lästina gehen, wenn sie dort sind, wird man chnen die Freiheit erringen. Wie doch, es heißt ja im-zwnistischen Werbebetrieb immer, die gesetzlich verbürgte Heimstätte sichere den Juden seine Freiheit, die sie in den Golnständern entbehren müsien. Ums liebe Brot hingegen müsien sie sich durch Arbeit selbst kiimmern. Hier liegt der springende Punkt, der sich zum Problem gestaltet. Es ist ja dre meist vernommene Klage, daß die Einwanderer mit dem besten Willen ms Heilige Land kommen, Avbeit zu leisten, aber keine finden, oder eine, deren sie nicht fähig sind. In diesem Umstande liegt wohl auch der Grund der Emigratwuseinschränkung, die Englaad vorgeschrieben. Die Organisation hat also in erster Linie für ausreichende Arbeitsgelegenheiten zu sorgen, damit nicht ein mißvergnügtes und zu destruktiven Plänen neigendes Proletariat geschaffen werde, dessen Forderung, „daß Brot und Arbeit uns gerüstet stehe", vor allem berücksichtigt werden muß. Papst Pius XI. und die Juden. Der neue Papst soll ein Judenfreund sein. Dies dürfte auch Weitzmann, der den Vorteil seiner Partei stets zu wahren weiß, bewogen haben, ihn anszufuchen. Er hat ihn zwar nicht gesprochen, dafür erteilte ihm der Kardinal-Staatssekretär Gaspari eine Audienz, bei der Weitzmann gerade nicht

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