Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 9 (28.4.1922)
- Date
- 1922-04-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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aufzu suchen und zur Verarbeit heranzuzi'ehen, das muß > jetzt doppelt und dreifach unser Ziel sein. Freilich wind j un« die Agitation, besonders im Ausland, durch allerhand andere Aktionen, die von Wien ausgehen, ungemein erschwert. Mail müßte dieser Zersplitterung ein Ende machen durch Einsetzung eines Kontrollorgans, wie ich es in jüdischen Zeitungen in der Form einer Gemeindekammer vorgeschlagen habe. Wie inimer aber auch der Erfolg aussällt, uns darf niemals der Vorwurf treffen, wi!r hätten nicht das Aeußerste versucht, um zu erhalten, was unsere Väter muh Mütter geschaffen haben. Das Wort des Propheten Ezechiel auf der Gedenktafel im Gemeindespital soll unsere Losung bleiben: „Atli lia-ehola achassek“. „Was krank ist, will ich heilen" wo ich helfen kann, will und muß ich meine Pflicht tun. Zeigen wir, daß die.edlen Gründer unserer Wohlsahrtsiustitute, die vor uns waren, llicht auch uns voran s -waren im jüdischen Empfinden, ht Der Opferfreud igkeit und werktätiger Menschenliebe. _ Sozialismus und Judentum. Uober dieses Thema hielt Dr. L. Lazarus, Rabbiner in Memitt, dem dortigen Verein für Jüdische Geschichte und Literatur einen Vortrag, den die „Memeker Volksstimme" rrach dem wesentlichen Gehalte wieder gibt und den wir hiemit übernehmen, iveil er nicht nur im allgemeinen, sondern auch durch den Umstand interessieren wind, daß Dr. Lazarns, der ans der Hildesheimer-Schirle hevvorgeg,angell ist, ein geborener Wiener,' hier seine Geistesbildung enlpfangeil Hut. Ausgehend von Charles Fourier, dem französischen Vorläufer des niofoerrien Sozialismus, der schon als fünfjähriger Knabe eine Ohrfeige bekam, weil er sich gegen einen offensichtlichen Betrug zur Wehre setzte, und der als Kommis "eines Marseiller Warenhauses den Befehl erhielt, heimlich eilre große Menge Reis ins Meer zu versenken, um so dell Hungerpreis künstlich aufrechtzuerhalten, wodurch in ihm die Erkenntnis reifte, daß man den Handel der privatkapitalistischen Initiative entziehen müßte und woraus er sich sein System ansibaute, daß man die gesamte Nationalarbeit bewußt und planmäßig organisieren lnüsse, ging Dr. Lazarus zur Sache über. Es habe Zeiten gegeben, in denen das Judentum dem Sozialismus wegen seiner atheistischen Anschauung absolut ablehnend gegenüber gestanden habe. Aber der Kamps des Sozialismus habe sich hauptsächlich gegen die Stiaatskirche und die Herrschaft ihrer Priester gerichtet. Denn sie haben den sozialreformatorischell Bestrebungen des Stifters des Christentums vollkommen zülvidergehandelt. Im Namen des Christentunls seien lvährend der Religionskriege zehn Millionen als Ketzer verfolgt, 300.000 Hexen verbrannt worden. Als Christus zu denl Jüngling, der Hn fragte, wie er. in das Himmelreich kommen könnte, sagte, gib alle deine Habe voll dir, leistete er lieber Verzicht auf das Himmelreich. Die Sozialdemokratie sei nur deshalb kirchenfeindlich, lveil sie in der Kirche eine Schützerin des Polizeistaates und des Kapitals erblickte. Gegen das Judentum konnte dieser Vorwurf nicht erhoben werden. Die Realitäten der Thora hielten von einer so ungerechten BenrteillUlg ab. Hatte doch ihr Urheber, der größte Ma.nn unserer Geschichte, Moses, ein hochentwickeltes soziales Verständnis. Verbot er doch die Leihzinsnahme und setzte fest, daß aller veräußerter Besitz an seilnell rechtmäßigen Besitzer oder dessen Erben zurücksallen müßte. Bibel und Talmud seien von sozialistischem Geiste! dnrchtränkt. Redner kam dann auf die vorkrieglichen Handelsbeziehungen zwischen England und Ddutschland zu sprechen und behauptete, daß der Austausch deutschen Getreides gegen englische Jndustrieprvvnkte schon «me gesunde Grundlage der Gemeimvirt'schaft vorbereitete. Di« gedeihliche Entlvicklung hänge von der seelischen Struktur der beteiligten Faktoren ab. Der Sozialismus erstrebe «ine Umwandlung der bestehenden Wi-rtschastsordmlng m die Gerneinwirtschaft. Konsnm,genoffenschaften, Uerbvrführung der Produktion, Vergesellschaftung aller Produktionsmittel, vollkommene ''Ausschaltung des persönlichen Vorteils, das seren -vre Grundlagen des Sozialisnins. Der erzielte Vorteil laugt nichts, wenn er sich nicht in das Ganze organisch einsiigt. Auch die Mosesche Steuergesetzgebung, wonach alle, gleich ob arm oder reich, zahlen mußtet!, bewöge sich durchaus m sozialistischem Sinne. Vor Gott und sich selbst seien nach Moses Lehre alle gleich. Der Gemeinsinn adelt den Menschen. Das Gegeneinander wivd in der Gemeinwirtschaft ersetzt durch Zusammenwirken. Nicht .Selbstsucht und Klassenegoismus, sondern freie, fröhliche Hingabe an die gerneinsame Sache, dieses schöne Ziel des Sozialismus hatte sich schon Moses gesteckt^ Der Auszug der Kinder Israels aus der ägyptischen Sklaverei sei die erste soziale Revolution gewesen. Das Prinzip, wer sich Gott unterordnet, erlangt dadurch Freiheit und Gleichheit, war die Richtschnur. Diese Tat vor 3000 Jahren richtete sich gegen fremden Privatvorteil. Der Dräng nach Unabhängigkeit, das Streben nach lvirtschastlicher Selbständigkeit, das heute noch ein Charakteristikum des Judentums sei, ließe sich wohl auf die sozi-alechischen Tendenzen jenes Vorganges zurückzusühren. Der Sozialismus stelle kein bestimmtes System dar, das sich in starre Formen pressen läßt, sondern sei eine ideale Weltanschauung. Der Bolschewismus mußte Schiffbrnch leiden, denn uni ihn durchzuführen, müßten die Menschen Engel sein. Da das nicht möglich war, kehrt nran auch in Rußland zur Vernunft zurück. Sozialismus ist W e l t g e st a l t u n g und setzt lange Erziehungsarbeit und Organisation voratts. Nach Ansicht der bedeutendsten Forscher ist er eine kindlich-naive Weltbejahung, ein Ruf nach Freiheit und Glück. Schon Robert Weitling habe den Grundsatz ausgestellt in feinen „Garantien der Harmonie und Freiheit": Das heiligste Recht des Menschen ist zu leben, frei und glücklich Niemals wird der Sozialist zugeben, daß dtzr Tod das Süßeste sei. Möge man Jan res oder Bebel, oder sonst einen Sozialistensührer nehmen: Alle sehnen einen Himmel herbei, der auf Erden liegt. In schöner Form habe das schon Heine ausgesührt, wenn er sagt: „Ein neues Lied, ein besseres Lied, o Freunde, will ich euch dichten, wir wollen hier aus Erden schon das Himmelreich errichten, wir wollen aus Erden glücklich sein, und wollen nicht mehr darben, verschlemmen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben. Es wächst hinieden Brot genug für alle Menschenkinder, auch Rosen und Myrrhen, Schönheit und Luft und Zuckerevbsen nicht mindert Ja, Zuckererbsen für jedermann, hei, wie die Schoten platzen." Nicht Lebensverneinung, wie sie die christliche Ethik auch in ihrem Künder Leo Tolstoi verkörpert, sondern freudige Lebensbejahung sei das Wesensmerkmal des Sozialismus. In Zukunft solle es heißen: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Der Kapitalismus aber schütze den Geldsack, der Sozialismus adle die Arbeit. Die tiefgründigen Ausführungen hinterließen -'inen tiefen Eindruck bei den Erschienenen und wurden der Menschheit bei aller Verschiedenheit der Grundanschauung nützlicher sein, als gegenseitige Zerfleffchung.