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Die Wahrheit · 1922-04-28 · Heft 9 (28.4.1922) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 9 (28.4.1922)
Date
1922-04-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Die W ah r h ei t Nr. 9 ihn ins Leben ries. Josef Ritter von Wertheimer, ein \ schlichter Kaufmann, ein Mann von Itxirflid) ritterlichem Charakter, der jahrelang unentgeltlich das Amt dies Gemeindesekretärs verwaltet, unermüdlich für die Emauzipatiiou sei^ner Brüder gekämpft und damit gesiegt hat und dann ruhmvoll an der Spitze unserer Gemeinde stand. Der Verein entwickelte sich nur schwächlich, bis im Jahve 3872 durch die Erbauung des neuen Spitals das Hans in «der Seegasse frei wurde und dieser Bari aus Kosten der Brüder Wilhelm und David von Gutmann für ein Mädchenwaisenh-aus adaptiert werden konnte. 1886 wurde durch den unvergeßlichen Dr. Maximilian Steiner die Ferienkolonie südischer Waisen ins Leben gerufen, Ne bisher alljährlich 35—30 Waisenkinder auf dem Laude unter brachte. Ein Gebiet, ans dem sich seit Jahren hervorragend Frau Doz. Sophie Grünseld und in den letzten Jahren Frau Anitta Cohen betätigt. Als 1888 das Gelbände in der Seegasse für die Altersversorgung in Anspruch genommen wurde, bauten die Brüder Gntmann das Mädchenwaisenhans in der Ruthgasse. Die Dotierung von H/£ Millionen, die hauptsächlich der Familie Gutmann zu veämnken ist, reicht heute bei weitem nicht hin. Für Waisenlnaben wurde aus einer Stiftung Leopold Epsteins und anderer 19il das Waisenhaus in der Probusgasse errichtet, dessen Erweiterung um ein Stockwerk Herrn Bernhard Goldstein zu verdanken ist. In beifben Anstalten sind derzeit 102 Kinder untergebracht, auch hier steht man vor einer Katastrophe. Besser bestellt ist das Sp ringer - sche Waisenhaus in der Goldschlaggasse, eine Privatstistnng der Familie Springer, sowie das Merores- Waisenhaius, das jetzt durch amerikanische Hilfe, sowt'e dmch die Tätigkeit des Fräulein Kreisler lebensfähig erhalten wird. Außer diesen Waisen werden von der Gemeinde noch Waisenkinder extern verpflegt, indem inan den Pflegeparteien pro Quartal und Kind einen unzulänglichen Beitrag ausbezahlt. Außer den verivaisten Kindern werden in Wien auch mit Unterstützung der Knltnsgemeinde verlassene jüdische Kinder durch Vereine betreut, so in der Herklotzgasse, in der Auhofstraße und im der Zirnerschen Gedächtnis stiftung in Purkersdorf. In Laa wird für verkrüppelte Kinder gesorgt. Von Erziehungs- und gleichzeitig Unterstützungsanstalten zu nennen sind ferner der Handwerkervereiin, der Mädchenunte-rstütziMgsverein, das Kömgsbergersche Institut, das E lisabeth h eim, der Theresienkreutzerverein, die Baraken -in Baumgarten, vor allem aber die Kinderbemahranftalt in der Schiffamtsgasse mit der Filiale in der Othmargasse. Der erwähnte Joses v. Werrheimer hat sie 1843 geschaffen, 1857 erhielt sie eiim eigenes Heim in der Schiffamtsgaffe. An der Spitze des Kuratoriums der Anstalt steht Frau Baronin Charlotte KöNigswarter, ihr Leiter ist Herr Direktor Fischer, besten Vater sich bereits um das Institut hohe Verdienste erworben hat. Wie traurig die Vermögensverhlätnisse der Anstalt beschaffen sind, illustriert die Tatsache, daß der Direktor ein Monatsgehalt von 7000 K, seine Gattin als Wirtschaftsleiterin ein solches von 4000 K bezieht. Ganz besonders kommen für uns noch in Betracht das T a n b st u m m e n i n st i t ir t und die Blinde nanstalt. Beide haben ihren Ursprung demsÄben Umstand zu verdanken, _ daß nämlich Männer in der Gefahr, zu erblinden, in diesem Kummer den Entschluß faßten, für das Wohl der Blinden zu wirken. Nur wurde aus dem einen Plan für Blinde ein Institut für Taubstumme. Und -das kam so: Ein hochherziger Nikolsburger Jude, Hirsch Kollisch, der an Schwäche der Augen litt, später auch wirklich erblindete, wollte sich im Dienst der Blindeuheilnng betätigen. 1844 traf er aber in Baden, wo er zur Kur weilte, mit dem katholischen Priester Doktor Ezech zusamnien, der aus Begeisterung für die Taubftnmmenfürsvrge eine Lehrerstelle am Wiener allgemeinen Taubstumimeninstitut übernommen hatte. Durch ihn wurde Kollisch für die gleiche Sache gewonnen. In dem Lehrer Ivel Deutsch, der gleichfalls aus Idealismus eine bessere Stellung ausgegeben hatte, nur sich der Ausbildung für Taubstumme zu widmen, fand Kollisch den geeignetsten Mitarbeiter. 1847 eröffnete er in Nikvlsburg mit 12 Zöglingen die Anstalt. Die Regierung unterstützte ihn bet Heu mährischen Gemeinden.' Trotzdem hatte er die Kosten zum größten Teil aus eigenem zu decken. 1852 nbersiedelte die Anstalt, die sich durch ihre Erfolge ein großes Ansehen erworben hatte, nach Meidling. Der selige Mannheimer, der sich des Instituts mit großem Eifer annahm, erwirkte es im Verein mit opferwilligen Gemeinde- Mitgliedern, daß im Jahre 1857 das stattliche Heim in der Juchgasse eröffnet wurde. Das Blindeninstitut aus der Hohen Warte verdank! seinen Ursprung dem Dichter und Sekretär unserer Gemeinde, Dr. Ludwig August Frankl, der später in Würdigung dieses Verdienstes das Adelsprädikat Ritter von Hochwart erhielt. Frankl mußte 1863 in Gastein infolge eines nervösen Kopsleidens befürchten, das Augenlicht zu verlieren. Da kam er auf den Gedanken, in Wien ein Erziehungsheim für Blinde zu errichten. Nach Wien zurückgekehrt, las er eines Morgens in der Zeitung, daß Baron Friedrich Lchey in den Freiherrn srand erhoben sei. Sofort suchte er ihn aus und bewog ihn, für das geplante Unternehmen 10.000 Gulden zu -widmen. Bald darauf fand sich Baron Jonas von Königswarter bereit, ein eigenes Heim für Blinde zu errichteil. Auch nichtjüdische Gönner.fand die Anstalt, zwei Erzherzoge spendeten Beiträge. Am 1. Dezember 1872 wurde sie feierlich eröffnet. Auch sie kämpft heute unter der Leitung des greisen Direktors H e l l e r um ihr Dasein. So sehen wir uns einet Situation gegenüber, die selbst starke Herzen entmutigen kann. Wie von einem Erdbeben erschüttert, geraten Institute ins Wanken, die, wie unser Spital, jahrhundertelang segensreich gewirkt haben und nicht nur einen Ehrenttiel unserer Gemeinde, bilden, sondern einen Zweig chrer Tätigkeit darstellen, den sie nicht verdorren lassen darf, insofern sie überhaupt auf den Titel einer j üld i s ch e n- Gemeinde Anspruch erhebt. Aber, und das setzt dem Elend die Krone aus, die Gemeinde selbst ist ja in ernstester Gefahr zusammenzubrechen. Gewiß heißt es da in erster .Reihe der Gemeinde als solcher zur Hilfe zu eilen und dadurch wenigstens die ausschließlich von ihr erhaltenen Anstalten zu retten. Aber zwei (Gesichtspunkte müssen uns bestimmen, unsere Tätigkeit, die nur den Wohlsahrtsanstalten .gewidmet ist, nicht nur sortzusetzen, sondern zu vervielfachen. Erstens wird selbst bei noch so günstigen Ergebnissen der eingeleiteiten Notstandsaktion die Gemeinde kaum imstande sein, Spital und Versorgnngshaus alleill aus eigenen Mitteln in vollem Betrieb zu erhalten. Zweitens liegt es in unserem Programm, noch anderen Anstalten zu Helsen, bife nicht in einem unmittelbaren Verhältnis zur Gemeinde stehen, und drittens gibt es so manchen, der für die Nächstliegenden Aufgaben der Gemeinde, für Kultus- und Unterricht, aus diesem und jenem Grunde in seinem Herzen nicht viel übrig hat, der aber der Not der Kranken und Alten, der Taubstummen und Blinden, der Waisen und verlassenen Kinder sich nicht verschließen kann. Diese Kräfte

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