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Die Wahrheit · 1922-04-28 · Heft 9 (28.4.1922) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 9 (28.4.1922)
Date
1922-04-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 9 D i e Wahrheit Seite 7 der sogenannte Mische Haß eigentlich darstellt, eine au» gemessene Erklärung -erfährt. Betruchten -wir daher derr Haß «der krischen Völker Europas untereinander und den anderer Völker -außerhalb -Europas Mvas näher! Der Haß und Zwist der 'arischen Völker Europas ist ist mannigfaltig, daß seine evfchöpisende Darstellung schwer fallen Würde. Es -genügen einige Beispiele hiesur. Denken wir vor allem an das alte Oesterreich, Äcrs an der gegenseitigen Abneigrmlg seiner arischen Völker vor unseren Augen zugrunde gegan» gen ist. Jedes seiner sieben Völker stand in unaufhörlicher Fehde mit deim angrenzendem Volke oder dem das gemeinsame Gebiet bewohnenden. Welcher unbegrenzte Hatz bestand zwischen dom deutschen und dem -tschechischen Volke, trotzdem beide 'derselben Rasse, der arischen, und derselben Religion, der katholischen, angehören -nn.d trotzdem beide auf der gleichen kultusrÄlen Höhe stehen. Niemals hörte, der Zwist zwischen 'den - stamm- und sprachverwandten Polen und Ruchenen, zwischen den die -gleiche Sprache sprechenden Serben und Kroaten, zwischen den Deutschen der südlichen KroNländer und den Slowenen auf. Die Feindschaft der letzteren wurde uur durch die zwischen den Italienern und den Südskaiven übertrofsen. In anderen Ländern Europas -finden wir dasselbe Schauspiel. Der Haß zwischen Deutschen- und Franzosen, der -zum Weltkrieg führte, ist!bereits in dem angöfi'chrten Austatze genannt. Durch den Krieg ist er nicht etwa gemildert worden, sondern hat durch den unbarmherzigen 'Fried ensschluß neue Nahrung und Dauer bekommen. Bekannt ist die -noch immer bestehende Abneigung der Dänen und Deutschen 'gegeneinander. Aber auch unter den deutschen Stämmen selbst besteht ein unüberbrückbarer Gegensatz, zum Beispiel zwischen Preußen -und Bayern. Der Haß der Irländer -gegen England hat dieses Reich ununterbrochen geschwächt. Zwischen den stamm- und sprachverwandten Schweden uNd Norwegern Herrschte ein 'derartiger Gegensatz, daß er im Jahre 1905 zur stacitlichen Trennung siihrte. Wer erinnert sich nicht ctu den unbegrenzten Haß der Bvudervölker, der Serben und Bulgaren, gegeneinander, der mehrmals zu ‘bleut mit entsetzlichen Greueln erfüllten Kriegen zwischen^ ihnen führte. Hat doch die Feindschaft sämtlicher, den Balkan bewohnenden Völker von jeher die Ruhe Europas bedroht. Wersen wir rurseren Blick -auf andere Weltteile. Von dem uuüberbvi'lckbaren Gegensatz von Völkern, die auf verschiedener Kulturstrrfe stehen, wie zwischen Weißen und Schwarzen in Amerika, wollen wir abschen. Erwähnt ser nur der uu Haß grenzende politische Gegensatz zwischen Japan uud den Bereinigten Staaten, zwischen China und Japan, zwischen Engländern -nnd Indiern. Halten wir uns -all dies vor Augen, so -kann uns der Haß einzelner Völker oder einzelner Teile eines Volkes gegen die Juden rricht mehr überraschen. Es ist eine Teilerscheinunig eiu-er großen -anderen Erscheinung. In der heutigen Entwicklung der Menschheit sehen die Völker bald in der -Sprache (Deutsche und Franzosen), -bald in der Kultur (Weiße -und Schwarze), bald in der Religion (Serben und Kroaten), bald in der verschiedenen Abstammung (Preußen und Bayern) eine trennende Kluft, die zu Abneigung, Haß, Verfolgung und Kampf führt. Nun läßt es sich nicht leugnen, daß die Über die -ganze -Welt zerstreuten Juden durch ihre Religion -und Abstammung trennende Merikmale von der sie umgebenden Bevölkerung aufweisen. Ist es nun eine besondere Erscheinung, daß sich. der Haß -auch geigen >die Juden, namentlich, in Ländern, wo sie iu großen Massen wohnen, -wendet? Es wäre eine schwer zu erklärende Ausnahme, Wenn wir hier etwas -anderes wahrnehmen würden, Nls was sich im Völkerleben abspielt. Unter diesem Gesichtspunkt 'betrachtet, ist der Haß gegen die Juden in einzelnen Ländern nichts Auffallendes. Darin liegt -etwas Tröstliches, so widersinnig dies auch scheinen mag. Aus diesen geschilderten Tatsachen kann man folgende Schlüße ziehen: Es ist ein Unrecht/wenn die Gegner der Juden, diese, wie dies mitunter geschieht, dafür verantwortlich machen, daß sie in manchen Ländern von Haß umgeben sind. Der Vorwurf wäre nur dann berechtigt, wenn der Haß der übrigen Völker untereinander, besonders der arischen, erloschen wäre. Es ist Uber auch nicht anzuneh-men, daß der Haß gegen die Juden, wie die Jüdischnationalen anuehmen, erlöschen wird, wenn sie einen eigenen Staat bilden werden. Dies zeigt schon jetzt das bekanntlich feindliche Verhalten der stammverwandten Araber gegen die Juden in Palästina. Der Haß gegen die Juden, eine-allgemeine inenschliche Erscheinung, wird aller Voraussicht nach dann schwinden, bis der Haß im Völkerleben überhaupt geschwunden sein wird. Ob und -wann dies der Fall sein wird, entzieht sich jeder Beantwortung. Handelt es sich doch hier um Grundfehler der menschlichen Eigenschaften oder der menschlichen Erziehung!, Dr. Emil Weinberg. Aus der Geschichte einiger israel. Wohlfahrtsanstalten Wiens. Von Dr. Max G r n n w a l d. (Schluß.) Arr das Krankenhaus der Gemeinde reiht sich -das Altersversorgungsiwib Siechenhaus. Den Grundstock dafür lieferten 1844 Siegmuird und Nanette von Wertheimstem, indem sie anläßlich ihrer silbernen Hochzeit für eirr Siechenhans für 4—7 Personen 7000 Gulden widmeten. Die Anstalt wurde 1888 bei einem patriotischen Anlaß in dem einstigen Spital in der Seegaste eröffnet, zehn Jahre später um das Siechenheim erweitert. Das Versorgnngshnns war aus..Mangel an Geldmitteln in den letzten Jahren bis 20. März 1920 für Neuaufnahmen gesperrt worden. Ter Berpslegsftand betrug damals 219; dank den Bemühungen des Sanierungskomitees wurde die Anstalt wieder den Angemeldeten geöffnet. Sie beherbergt jetzt 319 Insassen. Die'Verbesserung der Kost und Pflege die gleichfalls zürn Teil dem Sanierungskomitee zu danken ist, hat ein erhebliches Sinken der Serbeziffer bewirkt; 1918 starben 137 Pfleglinge, 1021 nur 86. Alle Umstände einberechrret, kamr man diese Besserung mit 50 Prozent bentesterl.' Ans bestimmten Gründen erwähne ich: Den Jnsasten ist es statutengemäß vorgeschrieben, die rituellen und religiösen Bräuche zu beobachten und auch außerhalb des Hauses in dieser Richtung keinen Anstoß zu err-egen. Für Greise, die nicht in der Anstalt Aufnahme finden konnten, sorgt der Altersfürsorgeoerbaud. Ersprießliches leisten auch der Verein zur Bekleidung armer alter Männer und der zur Bekleidung armer alter Frauen. Ueber 100 Mische Greise sind im städtischen Versorgungshaus in Lainz untergebracht. Zu erwähnen ist auch die Jeiteles-Stiftrmg, ein Haus mit Fröiwohuungen für arme Witwen. Nun vom Alter zur Jugend! Zunächst zur Waisenpflege. Die Daten hierüber, bis aus das historische Material, verdanke ich zum großen Teile Herrn Amtsleiter Rudolf Krauß. Der Verein zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen der israelitischen Kultusgememde Wien wurde nach verschiedenen sehlgeschlagenen Versuchen, die bis auf 1825 zurückgehen, im Jahre 1861 gegründet. Einer der edelsten Juden, die je in Wien gelebt haben, war es, der

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