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Die Wahrheit · 1922-04-28 · Heft 9 (28.4.1922) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 9 (28.4.1922)
Date
1922-04-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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gischen Streitschrift Platz erhielten, so kannte und intern esste-rte er sich auch für sämtliche Strömungen des lebendigen Judentums. Gr war dlner -der ersten, üer den großen, nichtpolitischen Gedanken des Zion-isnDus in seiner ganzen Tragweite erkannte, daß das Judentum keine dogmatische Glaubenslehre, auch nicht bloß eine konfessionelle, durch Gesetze und Riten verbundene Religionsgemeinschaft sei, sondern eiice charakteristische Aeußeruugssorm der noch heute lebendeit und wirkenden Kultur eines uralten Gottesvolkes. Wegen dieser, dem Zionismus inhärenten, gesunden Entwicklungsidee, tvegen des frisch pulsierenden Löbens, das in seinem Gefolge einh erging, ward Rabbiner Kramer einer der ersten, begeisterten AnhaiMr dieser Bewegung und seiner aufrichtigen Thora- und Palastinaliebe entsprechend der Begründer des Wiener „Misrachi", von dem er die Renaissance des Judentums, des Volkes und ferner Lehre erhoffte. Denn dieser Siebzigjährige liebte über alle Maßen das Leben und besoirders die Jugend mtd im Kreise seiner sich stets erneuernden jungen freunde blieb er selbst auch ewig jiurg: eiu Jüngling .an Temperament und Gemüt, ein Verschwender in der sorglosen Bewertung seiner geistigen, auch materiellen Werte. Erft sein letztes Lebensjahr ließ ihn das Leben in seiner vollen Schwere und Sorgensülle fühlen. Sein älterer Sohn, der würdige Nachfolger ehrwürdiger Famtlientmdrtionen, ein hoffnungsvoller Lehrer und Mehrer in Israel, mit dem er 25 Jahre hindurch gewohnt war, Tag für Tag 'brieflichen Gruß und Gedanken zu tauschen, lag von einem tückischen, beim Begräbnis der Mutter geholten Leiden heimgösucht, «am frühen Siechenbette, während Rabbiner Kramer selbst wie ein Hell» gegen die Schmerzen und Entbehrungen des plötzlich hereingebrochenen Alters kämpfte. Statt der flinken Zeilen zogen jetzt bange Seufzer uud Gebete zwischen Davos and Wien. Aber auch da verließ den jüdischen Vater sein unverwüstlicher Optimismus iricht: ein gütiges Schicksal aber 'bewahrte ihn vor der Enttäuschung und ließ ihn fünf Wochen vor den: Sohne ins Grab sinken. Heute, ein Jahr nach seinem Heimgänge, fühlen wir noch die Lücke, die Rabbiner Kramer in Wien hinterlassen hat. Seine Gestalt aber blickt selig und verklärt auf uns hinab: ein Musterbild und Lehrbeispiel für alle, die im Judentum leben und im Jirdentum glücklich werden wollen. Er war der Rabbiner, der Priester war, weil er Jude war, er war Volljude, deshalb war er glücklich. Der jüdische Kaß. In Nr. 5 und 6 der vorliegenden Zeitschrift 'ist unter obiger Aiftchrift sin überaus lehrreicher Aussatz mit vielen geschichtlichen Beilegen enthalten, wonach der angebliche Rassenhaß 'der Juden richtiger als Haß der arischen Volker gegen die Inden bezeichnet weiden muß und wonach die arischen Völker der Vorwurf des geigenseitigen Hasses -trifft. Die arischen Rassen haben von jeher Rassenhaß^ eib Ueberbleibsek eines /tierischen Triebes, gekannt, dessen Opfer sind jedoch nicht nur Inden, sondern nach zahlreiche arische Völker geworden. Diese Tatsachen werden mit 'folgenden Worten angedeutek: „Man sehe sich nur den Jahrhundert alten Haß der Franzosen »gegen uns Deutsche, j-ene Minierarbeit der Slaven lgegen uns, «gegen die Magyaren, ja, der Deutschen, der Slaven (namentlich im Süden) nsw. gegeneinander -an!" Mit diesen Andeutungen ist ans Erscheinungen des Seelenlebens der Volker hingewiesen, die ich bisher nirgends erwähnt fand und die eine eingehendere Betrachtung verdienen. Dies ist ,schon deshalb notwendig, weil dadurch der Haß «gegen die Jaden, -als was sich An einem Freitag-Abend kchrte Lea vom Gottesdienste aus der „S ch ö n l a t e r n s ch u l" (aus der Synagoge in der Schönlaitermgasse) zurück und erzählte ihrem Soferl, daß vor dem „O r a ü n Hakaudesch" (der heiligen Lade) das Poruuches (der Vorhang) angebracht sei, das ihre selige Mutter, die sich vom Sticken ernährte, angefertitzt hatte. „Und du, meine liebe Lea," schmeichelte Sofie, „hast die Kunstfertigkeit deiner Mutter geerbt, das beweisen die Decken, die du siir unsere selige Großmutter gearbeitet hast. Und die herrlichen Farben, die du wählst! Jede Stickerei gleicht ja einem Blumengarten! Unterrichte mich, die Farben besser zu unterscheiden! Nicht wahr, Lea, das wirft du!" rief das Mädchen, aber internem Tone, als sagte es: „Das mußt du!" und Lea wagte keinen Widerspruch. Und nun brachte Sofie die mannigfaltigsten Dinge herbei, in der kürzesten Zeit vermochte sie an denselben die feinsten Farbennüancen mit voller Sicherheit anzugeben. Sofie zeigte frühzeitig eine bedeutende, musikalische Begabung, die sie pädagogisch wirkungsvoll zu verwerten wußte. Uud so wurde sie die Lehrerin der Tochter eines Dieners im Geschäfte ihres Vaters. Wenn sie ihrer Schülerin ein Musikstück vorspielte, das sie nach dem Gehör erlernt hatte, mußten die betreffenden Noten vorliegen, und sobald das Notenblatt umgewendet wurde, unterbrach Sofie ihren Bortrag für eine Minute. Sv erlangte sie die Fähigkeit, das Umschlagen während des Spieles ihrer Schülerin mit einer Präzision zu besorgen, ivelche der eine- Sehenden in keiner Weise nachstand. . Das Gleiche übte Sofie beim Vortrag von Gedichten ein, -bei welchen: sie das offene Buch in den Händen hielt. Die Tochter des armen Dimers fühlte sich hoch geehrt, als Sofie sie ausforderte, fortan ihre Begleiterin bei den verschiedenen Ausgängen zu sein. Unwillig lehnte Softe es ab, am Arm geführt zu werden, anfangs verlangte sie nur, daß ihre Schülerin fest anftrete. Wer die beiden Mädchen beobachtete, der hatte keine Ahnung, daß eines derselben blind sei, so sicher wandelte Sofie dahin,,so geschickt wich sie jedem Hindernis aus, führte sie jede Wendung durch. ' , Alle diese Vorkehrungen und iroch viele andere bereitete Sofie so vorsichtig und unauffällig, daß sie kaum Beachtung fcntden, daß selbst das scharfblickende Mutter-' äuge sie nicht erkannte. Nur das ahnui^svolle Mutterherz empfand es immer schmerzlicher, daß in der Seelenstimmung des Kindes sich etwas Unheimliches vorbereitete, daß mit feinem Augenlicht die Heiterkeit der Seele erlosch, aus der Finsternis feindliche Gewalten emporstiegen, welche die drohende Faust gegen den Herzenssrieden und die stille Beglückung erhoben, welche die wundertätige Mutterliebe dem Schmerzenskind e zu bereiten sich -als die höchste Aufgabe gestellt hatte. In tiefer, stiller Nacht hielt die Mutter Zwiesprache mit ihrem Gott, flehte sie zu ihm, ihr unglückliches K-iatd -an seiner Vaterhand zu führen, es doppelt innig an sein Vaterherz zu nehmen. (Fortsetzung folgt.)

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