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Die Wahrheit · 1922-04-28 · Heft 9 (28.4.1922) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 9 (28.4.1922)
Date
1922-04-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 Die Aahrheil Seite 5 lauschten Jung eil und Mädchen verstohlen seinen klugen, klangvollen Worten, Vteifter und Schüler Uber labten ihn, wenn er von der Kanzel tiefe Gedanken in schlichte Worte kleiden konnte. Und wirklich errang er sich hier bald ebenso die Gattin, wie das Rabbinerdiplom, um dann — des Herzens und des Kopfes voll — im eine ungarische PrvvinzstM zu gehen, als Kaufmann. Zwischen Büchern und Büchergestellen verbrachte er "hier seine Jahre in größter Beschränkung und Bescheidenheit, bildere mit und aus seinen wenigen Gesinnungsgenossen eine kleine Religionsgemeinde, trachtete im übrigen aber jener ersten Gewissensfvage Genüge zu leisten, die — der Tradition nach * — den Menschen beim himmlischen Gericht empfängt: „Hast du gehandelt, gewandelt in Ehrlichkeit?" Jedoch der naive, gutimJ> leichtgläubige nicht zum Geschäftsmanne geschaffene Idealist war bald seiner paar Groschen ledig und eines Tages'sah sich der bereits 4öjährige Mann vor die Ausgabe gestellt, seine Laufbahn 511 verändern. Da kam der Zufall ihni zu Hilfe. Einige Wiener Herren hatten in Preßbnrg gelegentlich den Steinamangerer Buchhändler rüden gehört, and in einigen Wochen war letzterer pm Tempelrabbitrer umlö Talumd- Thoraleiter der Wiener Kultusgemeinde gewählt. Und siehe, in kürzester Zeit hatte Rabbiner Kramer sich in die ungeübten Agenden seines Berufes ebenso hineingelebt, wie in das wirre Treiben der ihut fremden Großstadt. Wieso gelang diese große Metamorphose, so daß er auch in seiner neuen Umgebung ganz der Alte blieb? In der Stadt der Streber, Politiker und Lärmmacher blieb er bescheiden, ehrlich und stille und, obwohl er bald als Mitglied des dreigliedrigen Rabbinats in die Gemeindestube in der Seitenstättengasse einzog, legte er auch im Amte nie die Toga der Unnahbarkeit an. Seine Ambition war: Diener Gottes, nicht Befehlshaber der Menschen zu fein; ihnen wollte er nicht Prediger, Geistlicher, Seelsorger wer- Dtsäiner Weise aber schien Sofie ihren Zustand mit vollen Gleichmut hinzunehmen. Den: Seelenleben des Mädchens nachznforschen, ist mir Pflicht und Herzensbedürfnis geworden, und so erfuhr ich vieles, was dem Psychologen hochinteressant, dem Menschenfreunde tiesbetrübend sein mußte. Sofie war eib liebevolles, sorgloses Kind gewesen und hatte mit fortschreitender Abnahme ihres Sehvermögens alle Kindlichkeit eingelbüßt; sie hatte sich offenbar einen Plan vorgesetzt, den sie mit unnatürlicher Beharrlichkeit, -aber auch lieblos gegen alle ihre Verwandten und Freuirde verfolgte. Unaufhörlich und bis zur Erschöpfung derer, die ihr Rede standen, fragte sie und verschonte niemanden, auch die alte Köchin L e a nicht, welche Sofiens Mittler einst ans ihrem Elternhanse übernommen hatte. Eines Tages trat Sofie vor die treue Dienerin mit einein ausgeschlagenen deutschen Buche hin. Erschrocken abwehrend, glaubte Lea nichts anders, als daß sie eine Probe ihrer Lesefertigkeit abletzen sollte. Ach, sie konnte ja doch nur in einem Buche, in dem alten, messingbeschlagenen Sidur (Gebetbuch) ihrer Babe (Großmutter) lesen! Und in diesem Buche war es ein Blatt, das ihre zitternden Hände lgrg verknittert hatten, das, von ihren Tränen durchnäßt, niemals trocken wurde. Es war das Blatt, auf dem geschriieben steht: „R ef0 en u Adn iin oj, w en er o so" (Heile uns, 0 Gott, und wir siild geheilt"). Dieses Gebet sandte Lea in ihrem Kämmerlein jeden Morgen und Abevid 'für ihren Liebling, empor zum Wundertäter im den, sondern Freund und Berater, Lehrer, mit Lessing wollte er weniger geehrt, gelobt und mehr geliebt, verstanden werden. Deshalb lies, nach dem Worte unserer Waisen, die Ehre ihm nach, und so kannte und anerkannte halb Wien den „Rabbiner Kramer". Bhelleichr hielten vor seinem Hause weniger herrschaftliche Wagen und Autos, auch bei öffentlichen Funktionen war er selten zu sehen, aber die große Menge, die körperlich und geistig Hungernden, die Rat- und Tatbodürstigen wußten ihn zu finden, und von seiner Schwelle, von seiner warme Freundlichkeit und Menschlichkeit strahlenden Nähe ging niemand ungetröstet, ohne Hilfe hinweg. Welche Wirkung dieser, trotz mannigfacher Sorgen, stets heitere, durch und durch gerade Mann während fünfundzwanzig Jahren auf die Jugend nn-d das Alter der Leopoldstadt und ihrer Peripherien ausgeübt, ist mit dürren Daten schwer uachzuweisen und kaum wird ein Chronist die übermenschliche Leistung je würdigen, die dieser einzelne Mensch, manche Organisationen beschämend, während der östlichen Invasionen der Kriegsjahre, inr Interesse der Heim- und Heimatlosen, der Siechen und Arnren, der Gelehrten und Palästinenser vollbracht hat. Sein Garn-su-Glauben sah sogar in dieser schrecklichen Heimsuchung eine Fügung Gottes, die dar Thorawistenschaft im Westen neue Lehrstücken erblühen lassen, den Massen des Ostens aber hier die Segnungen der Kultur kennen und lieben lernen sollte. „Lehre" und Kultur, die Ideale seiner Jugend, verließen ihn niemals und bloß in deren Einheit konnte er das volle, wahre Juden tunt erblicken. Er, der stets „innerhalb der vier Ellen der Halacha", nach den strengsten, rituellen Observanzen gelebt hatte, verstand und würdigte nach seinem Zwecke auch die im anderen Lager Stehenden. Uno wie aus seuem Schreibtische die Folianten der Kodisikatoren friedlich lieben einer modernen, theolo- Himmel, im festen Vertrauen, daß er, dessen heiliger Name gepriesen sei, dem geliebten Kinde „R e s u 0 s ch e I e m 0" (vollständige Heilung) herniedersenden werde; die „P r 0 f e s s 0 r e s" dursten sagen, was sie wollten. Und mochte das alte Weiblein von des Tages Arbeit noch so ermüdet fein, sie unterließ es nie, an das Bett ihres ,/g 0 l d e n en S o s e r l", das neben ihrer Kammer schlief, zu treten und ihm mit segnender Hand „i m N am e n d e s Gottes Israel s" die Engelwacht zu bestellen : „z ttr Rechten Ni ichae l, zur Linken Gabriel, vorder R n h e n d e n A u r i e l, hinter d e r s >e l b e n R a f a e l u u d über ihrem Haupte die Herrlichkeit Gottes" . . . Verschämt lächelnd sprach Lea: „Narrele, du weißt doch, daß ich nicht deutsch lesen kann und aus meine alten Tage werde ich es nicht mehr lernen. Was willst du also von mir?" — „Das wirft du gleich erfahren," erwiderte Sofie. „Meine Mutter sagt, du bist die beste Wirtschafterin und rechnen kannst du wie ein Buchhalter, und nun sage mir die Zahlen, welche aus jeder Seite oben geschrieben sind." Das tat Lea, ohne darüber nachzudenken, wozu dies dienen sollte. Soserl wollte es und so war es recht. Ms aber nach einiger Uebnng das Mädchen die Blätter aufschlug und ohne darauf zu sehen und je zu fehlen, die Seitenzahl selbst bestimmte, -da schlug das unwissende Weib fassungslos die Hände zusammen und ries: „Es geschehen noch Zeichen und Wunder!"

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