Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 9 (28.4.1922)
- Date
- 1922-04-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Bahrhirik Bethlen. Wenn sie daher nichts gegen die Nkordbuben unternehmen, so kcum man beruhigt annehmen, daß ein Ernverstaindnis Mischen den beiden PaWsien besteht. Hat doch Horthy sogar die VoirlDhrmtg einer Film aufnahme vom Leichenbegängnis der sechs Mieschen Opfer des Attentats der „Erwachenden", des weiteren den Journalisten den Antritt in die Oberstadthauptmannschaft verboten, damit nicht etwa Licht in die Sache komme. Das wird den Herren wenig m'itzen, die Angielegenheit -ist bereits aufgeklärt, jedermann kennt die Mörder bei Namen, weiß als ihre Anstifter Ivan H e s j a s, Ladislaus Bud-avary, Georg Hegedüs und Georg Hir zu nennen. Trotz alledem bringen die „Erwachenden" den Mut auf, die Kandidatur dieser Personen für die Nationalversammlung als einzige Bedingung für' einen Burgfrieden zu bezeichnen. Damit wird Horthy sicher auch einverstanden sein und die Mordbuben werden mit Triumph als „Vertreter der Nation" ins Parlament einziehen. Zu alledem schweigen die „Offiziellen", nur die eine Ausrede gebrauchen, sie immer, die Tater sind nicht in Ungarn, sondern in Wien oder Moskau zu suchen. Das glaubt ihnen kein — „Erwachender Ungar". In memoriam. Zum ersten Todestage Rabbiner Moritz Kramers. Von Dr. Alfred Fürst, Budapest. Ein abgeklärtes, harmonisch abgerundetes, beglücktes und beglückendes jüdisches Menschenleben liegt vor uns, wenn wir den vor Jahresfrist abgeschlossenen Lebenslauf nuferes unvergeßlichen Rabbiners Kramer an uns nochmals vorüberziehen lassen. Im Gegensatz zu fcer inneren Tragik so mancher moderner Rabbiner, zwischen deren Wissen, Wollen und Können, Lehren und Leben, Gekannt- und Anerkanntsein oft eine schmerzliche Kluft klappt, er¬ SNS9 Feuilleton Bilder aus dem israelitischen Dlinden- Institute, Kohe Warle in Wien. Von Direktor S. H e l l e r. (5. Fortsetzung.) Mehr als ein Jahr war dahingegangen, seitdem Josef in die Anstalt eingetreten; seine Wangen rundeten und röteten sich wie di!e der Aepfel, welche in reicher Fülle ans dem dunklen Laulbe winkten. Des Knaben Sprachentalent entwickelte sich immer höher, seine Fortschritte waren geradezu erstaunlich, insbesondere seitdem er in einer edlen Dame, Frau Ottilie Franzos, der Witwe des Dichters, eine Gönuerin gesunden, die ihm Vorbereitnngs- und Wiederholnngsunberricht erteilte und ihm eine kleine Bibliothek ftanzösischer Erzähler, feiner Altersstufe entsprechend, angelegt hatte. Es könnte kein ergreifenderes, aber auch kein lieblicheres Biild geben, als das, wie Joses anr Abend inmitten sieürer Kameraden mit wohlklingender, oft mit bewegter Stimme aus seinen französischen Büchern Geschichten vorlas, sie übersetzte und erklärte. Atemlose Spannung lag mm dem Angesichte der Kinder während der Vorlesung Nr. 9 blicken wir hier eine Persönlichkeit, deren einheitlicher, menschlicher Inhalt, deren ungebrochene gerade Linie und von seelischen Konflikten freie, ruhige Größe eher an epische Helden erinnert. Einer Rabbinerfamilie im seiu°rz!eitigen Oberungarn entstammt, sah er im Ellernhanse bloß Liebe, Frieden und Eintracht um sich: diie ersten Vorbedingungen einer glücklichen Entwicklung. Politische Konflikte hatten das Judentunr auch noch nicht entzweit, mau lebte das Judentum noch, ohne es erst theoretisch erlernen zu müssen, man wußte und kannte es, ohne bewußt erkannt zu haben. Für einen befähigten, religiös veranlagten, doch bildungssüchtigen jungen Mann waren die Lehrstücken damals ebenfalls . gegeben: Preßburg, zurzeit Kessow-Sbfers Jeschiwa, und die Hildesheimer-Schule in Eisenstadt. Besonders letztere hatte es dem jungen Kramer schon früh angetan. Hier trafen zu jener Zeit Oberland und Unterland, In- und Ausland zusammen, um von einem unübertrefflichen, unermüdlichen Meister — der zur Nachtruhe bloß drei Stunden benötigte — frühmorgens schon zu schwerer talmudischer Dialektik geweckt, spät abends aber in die Geheimnisse der Literatur uivb MathemaWk, der lateinischen und griechischen Grammatik eingeweiht zu werden. Und nicht bloß Wissen, Arbeitslust und Pflichtgefühl sahen und lernten hier die Jünger, das Hans des „Herrn Doktors", eine reichsdeutsche, reiche Familie, ward ihnen auch zur Schule des guten Tones und feiner Manieren, der jüdischen Gastfreundschaft und Wohltätigkeit, deren sie selbst in erster Reihe teilhaftig wurden. So wurde hier der ungarische Bachur zum jungen Weltmanne „ausgemenscht", der deutsche Student aber mit praktischem Judentum erfüllt, allen beiden blieb als Ideal ihres Lebens: ein kleiner Hildesheimer zu werden. In diesem kleinstädtischen Knltnrmilieu lebte also unser junger Freund: trenn. er in Gesellschaft erschien, und wenn diese beendet war, herrschte in ihrem Kreise noch immer feierliches Schweigen, bis es von „H u m m e lch en", die Men fehlte, stürmisch unterbrochen wurde durch begeisterten Beifall, der den Tugendhelden, oder durch Entrüstungsruse, die den Bösewichtern gatten. Sv flössen die Tage des edlen Knaben in ernster, freudiger Arbeit, jugendlichen Frohsinn und ungebundener Geselligkeit dahiin, verklärt von der Liebe., die ,,u n s e r e m Jose f" aus allen Herzen zuströmte. So wirrde an ihm das erhabene Werk der Versöhnung mit einem der schmerzlichsten Menschenschicksale vollbracht, das Paradies seiner Kindheit und Jugend behütet und ihm die Kräfte üer'Itdjen, ein stilles Glück durch die Erfüllung eines Berufes sich selbst zu begründen. Da trat ein Ereignis ein, welches geeignet gewesen wäre, jeden andern aus seiner Bahn zu werfen; „Josef der Held" aber widerstand der lockenden Abirrung mit unbeugsamer Ueb erzengungstreue, die auch einen: Manne zur Ehre gereicht haben würde. In eurer airgesehenen, jüdischen Wiener Familie war die 12jährige Tochter Sofie erblindet. Die tiefbetrübten Eltern brachten jedes Opfer, um ihrem geliebten Kitrde das kostbare Gut des Augenlichtes zu erhallen, aber alle Koryphäen der Augenheilkunde stimmten in dem traurigen Urteil überein, daß die eingetretenen Veränderungen jede Hoffnung ans Wiedererlangung des Sehvermögens ansschlössen. Die armen Ellern verzehrten sich in Graiin;