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Die Wahrheit · 1922-04-07 · Heft 8 (7.4.1922) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 8 (7.4.1922)
Date
1922-04-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 8 Die «aßrheik Seite 7 im Schlußabsatz seines ausgezeichneten Artikels ansdrückt: „Der deutsche Jude begreift wie kein Mderer das höhnische und grausame „Hehh-Hepp" gewisser tschechischer Chauvinisten gegen die deutsche Sprache. Ist es doch die Weiche Melodie, nur in einem anderen Text, die ihm seit Jahrhunderten in die Ohren geschrien wird! Das ist der tiefere seelische Grund dafür, daß der deutsche Jude in der Tschecho ^Slowakei die Sache der Sudetendeudschen zu der seinen genvacht hat. Obwohl er mitten drin stcht in dem erbitterten Kreuzfeuer der beiden Nationen ..." Zwei Generationen. Eine wahre Geschichte aus der Zeit der rusichen Freiheitsbewegung. Von' Markus Silberschatz. Als M.endl, der Schochet, am Sedevabend vom Bethause heimkehrte, vermißte er, zu seinem Erstaunen und Befremden, seine beiden jüngsten Söhne. Voll Behagen die feierlich hierausgeputzte, mit Silber beladene Tafel musternd, blieb sein Blick ärgerlich an den beiden leeren Sitzen zu seiner Rechten haften. Während der Vorbereitungen zum Seder ließ er sich nvch von seiner treuen Reisel durch allerlei Ausreden beschwichtigen, als er aber int Feftgewande, Ich ein echter König düukend, in peinlicher Verlegenheit mit dem Beginn zögern mußte, - da zog sich sein Herz in wehem Schmerze zusammen ob solcher Störung des Festes und fürchterlich entlud sich sein Groll auf die ungeratenen Söhne. In erbittertem Kampfe hatten sie es ihm abgetrotzt, nicht mehr in das Gotteshaus beten gehen zu müssen, aber sonst sich, in allem gefügt; lernten fleißig, beachteten alle Gebrauche;'waren im Vergleiche zu den andern, von der Aufklärungsströmung erfaßten jungen Leute doch wahre Engel und nun spielten' sie ihm so furchtbar mit. Doppelt hart traf es ihn, denn er hatte sich auf diesen Abend besonders vorbereitet und gefreut; er erhoffte von chm die Erfüllung feines sehnlichsten Wunsches: Elias, den Propheten, leibhaftig zu sehen.. Sich von gewissen menschlichen Schwächen bereits frei fühlend, ganz im Talmud ftudium, Beten und seinem - für ihn hehren Berufe ausgehend, glaubte er, dieser Gnade würdig zu sein. Speziell /seine Rigorosität als Bodek hatte in ihm die VMunng gefestigt, eine Säule dies Judentums zu sein: War doch, seiner Ansicht Nach, «die Versorgung der Stadt mit einwandfreiem K'oschorfleifch hauptsächlich Mn Verdienst, da auch die Auswahl uNd Heranbildung des Schochet-Nachwuchsos seiner Kontrolle unterstellt war; auch das hohe Ansehen, dessen er sich in vielen Kreisen erfreute,, trug viel zur Hebung seines 'Selbstbewußtseins bei. Und nun fühlte er sich auch aus allen Himmeln gestürzt. Er glaubte, vielleicht als Unwürdiger von der von ihm erreichten hohen Stufe hinabgeschleudert zu werden und fürchtete, um 'seine größte Hoffnung gebracht zu werden. „Verflucht, der solches erzogen, verflucht, der solches geboren!" ging es ihm durch den Kops und er verfluchte und verdammte seine Kinder samt ihrer Nachkommenschaft, von der unausbleiblichen Wirkung seiner Worte fest überzeugt, und das trotz des verzweifelten Gejammers seiner Reisei, die sich tapfer bemühte, das Unheil von den Häuptern ihrer Lieblinge abzuwenden, ungeachtet der Vorwürfe, welche sie sich zuzog, daß nur ihre Milde die Söhne 'entartet. Streng wollte er jetzt werden, trotz ihres Alters von 18 und 19 Jahreü, und mit der Zuchtrute auf sie losveheu. Von Wut gepackt, stritt er sich miit seiner Reifel und der Seder wurde zu einem Tischa b'ow. . Die Söhne feierten inzwischen gemeinsam mit vielen Freunden und Freundinnen den Sederabend in einer ganz anderen Art. Nicht ein prächtiger, säuberlich herausgeputzter Raum gab der Feier den Rahmen, sondern eine ärmliche Tischlerwerkftätte, mit Lehmboden, deren Besitzer das Handwerk mit dem Talmud vertauscht hatte. Ans spanische Reiter gelegte lange Bretter dienten als Tisch, an dessen beiden Seiten improvisierte Bänke sich besairden. Anstatt der Hagada kam eine Ansprache von Welwi'l, Mendts jüngsten Sohn. Er fi'chrte aus: „Wir leben in einer Zeit der Gärung, des äußeren und inneren Ringens nach Freiheit und Wahrheit. Wissen wir, wo die Wahrheit zu finden ist? Jedenfalls neicht bei den Alten; vielleicht auch nicht bei den Jungen; vielleicht in der Mitte zwischen beit beiden Weltanschauungen. „Bei uns'ist die Wahrheit!" dröhnte es ihm entgegen. „Im Alten ist doch ein Funken von Schönheit und verborgener Poesie zu sehen; im Neuen manches Häßliche und Uebertriebene —" „Weniger Philosophie, mehr Witz!" schallte es durch den Raum. „Ruf' doch bald den Ochsenschlächter M e n d l, er soll uns den Seder machen!" lachte ein anderer. „Unser Radikalismus ist jedoch die einzige ge-' bührende Antwort aus den Konservatismus . . setzte Welwil fort. „Bravo!" riesen alle. „In mancher Beziehung aber' müssen wir das Alte gelten lassen. . . ." „Der macht noch ein Kompagniegeschäft mit einem Wunderrabbi'" kicherte einer. „Gewiß! . . .. Und zwar im Glauben au Wnnver ..." Ein schallendes allgemeines Gelächter folgte. „Wir sollen ja heute von Wundern erzählern. Groß sollen die Wunder gewesen sein beim Auszuge unserer Vorfahren aus Aegypten. Seit heute glaube ich daran. Ich bin beim Verlaßen eines christlichen Selcherladens, wo ich etwas für unseren Seder bestellt hatte, von dem von unserem Rabbiner zum Schutze gegen Entweihung des Pe stach festes ausgestellten Kosaken verfolgt worden und wie durch ein Wunder vor der Ausspießung mit der Pike entgangen. Und ist es anderseits kein Wunder,' daß, während Moses, der Wundertäter, für seine Ideale gegen die Heere der Pharaonen ankämpfen mußte, der Wink, eines orthodoxen Rabbiners genügt, um die Kosaken Nikolaus des Letzten i n den Dien st des Talmuds und sogar auch in den des Schulchan Aruch zu stellen? Ein drittes Wunder ist es, daß von zartesten Händen in gröbster Art zubereitete frugale Mahlzeiten auch dem verwöhntesten Magen eine Delikateste sein'können, wenn, wie es jetzt der Fall ist, mit dem Genuß derselben eine höhere Weihe verbunden ist. Und nun erblicket das wirklich' größte Wunder: Ich werde vor Euch das Saisbild entschleiern, heute, da wir einen hebräisch-ägyptischen Abend feiern." Mit der.Geschicklichkeit eines Jorrgleurs entfernte er ein Tischtuch von einer voluminösen Maste und ein gewaltiger Laib Brot, um den sich wie eine Schlange eine riesige Blutwurst wicktelte, kam zum'Gaudium aller zum j Vorschein.

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