Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 8 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 r \ , _ Dir Bahr hei!' - Nr. 8 dige Serben und Rumänen für Juden hisBen und demgemäß behandelten. Wir bringen den obigen Exzeß nur als Jllustvätionsfaktum, empfehlen ihn Herrn Dr. Evgert zum Studium, er wird kaum nach diesem Studium noch der Ansicht sein, daß . „in Deutschland der politische Antisemitismus nie Eingang gefunden hat". Wir wiederholen es nochmals: diese Behauptung hat für keine Periode ihre Richtigkeit, am wenigsten für unsere Zeit nach dem grauenhaften Völkerringen. J Und daß es nach diesem Kriege, in dem Juden wie ihre christlichen Mtbürger rn treuer Erfüllung ihrer patriotischen Pflicht noch zu solchen antisemitischen^ Exzessen kommen konnte, ist für uns Juden besonders traurig. Denn wir hofften, und man hat es uns wiederholt versprochen, daß nach diesem Völkervingen der Antisemitismus in Anerkennung unsever Haltung abslauen wird und nun sind wir sowohl am Kriege als auch an dessen schlechtem Ausgang und dem Frieden, der Mitteleuropa von den hohen Mächten aufgezwungen wurde, an allem sind nur wir Juden schuld! Die alte Melodie! Wilhelm II., Ludendorff, die Kriegshetzer in Wien, selbst der Franzose Poincar6 haben weniger Verbrechen begangen als wir Juden. Und trotz aller dieser Anfechtungen/ halten wir treu zu unserem deutschen Vaterland — daran werden keine „Oktobertschechen" uNd „Oktoberzivniften" etwas ändern—, ob es nun Oesterreich, Deutschland oder die Sudetenlander sind. Den „Oktoberzionisten" wird es an: allerwenigsten gelingen, unsere Stellungnahme zu beeinislussen, sie mögen agitieren und Versammlungen abhalten, so viel, sie wollen. In der Tschecho-Slowakei glauben sie ein besonders glänzendes Arbeitsfeld gesunden zu haben. Am 19. v. M. fand in Prag der dritte jüdischnationale Kongreß statt, der sehr spärlich beschickt war. Die „Morgenzevtung" widmet ihm drei' Spalten und in diesen drei Spalten wird mehrmals daraus hingewiesen, daß „die Jüdischnationalsn 80.000 Wähler aus ihre Liste vereinigten und trotzdem keinen Sitz in der Nationalversammlung erhielten. Wegen dieser „Gemeinheit" wird das Wahlgesetz nndemokratisch genannt und der den Zivnasten wohlgesinnte Präsident M a s a r y k aufgefovdevt, Abhilfe zu schaffen. Der Angerufene hat Mer den Jüdischnationalen schon einmal erklärt, in Anbetracht des Umstandes, daß das Wahlgesetz ein Teil der Verfassung ist, nichts machen zu können. Auf seinen Appell hat Masaryk dem jüdischen Nationalrüt in Prag folgende bezeichnende Antwort gegeben: „Der Präsident der Republik dankt für den ihm vom dritten jüdischen NationEongreß entsandten Gruß und wünscht Ihren Bestrebungen volles Gelingen." May bedankt sich cilso nur und nichts weiter, die' Herren mögen sich die Suppe selbst auslöffeln. Unentwegt fordern sie eine Abänderung in dem Sinne, daß die Stimmen einer Partei schon, gezählt werden, wenn sie nMrdeftens 50.00,0 Stimmen aus ihre Kandidatenliste vereinigt hat. Warum mir. 50.000, wenn ihr so stolz darauf seid, 80.000 Stimmep bekommen zu haben. Ja, Vorsicht ist die Mutter der Weisheit und man kann nie wissen, wie sich die Verhältnisse gestalten. Man kann wohl sagen: Das Ergebnis der Volkszählung in Groß-Pvag (von dem wir unseren Lesern in der letzten Nummer Kenntnis gaben), ist für uns günstig, wenn man die direkten uitlb indirekten Einflüsse in Betracht zieht, die bei der Volkszählung gegen die Anmeldung zur jüdischen Nationalität geltend gemacht wüvden. Ueber einen solchen Satz lieft der unaufmerksame. Leser hinweg (die „Morgenzeitung" druckt ihn ja nicht fett!), in Wirklichkeit ist hier der Grund der obigen Vorsicht gelegen. Das Ergebnis war kein glänzendes und so muß man, da sich das Bild noch weiter ändern wird, gleich um 30.000 Stimmen hmunternnmerieren, um eventuell ein Mandat zu erhalten. Die direkten und indirekten Einflüsse -erweisen sich als die Bestrebungen der bösen Asfimilanten, die treu zu ihrem Deutschtum standen und stehen werden, ganz so wie es Doktor Mannheimer rief ich feierlich aus; „es muß ja nicht gerade Datein und Griechisch, es kann ja auch Französisch und Englisch sein!" „Ist das nröglich?" schluchzte der Knabe unter erlösenden Freudentränen auf. „Ist das möglich?" — „Ich verspreche es dir, vertraust du mir, Jofeif? — Da stürzte der Knabe' auf mich zu, faßte meine Hände, bedeckte sie mit Küssen und heißen Zähren und rief erschütternd: „Ich danke Ihnen, ich danke Gott! Mutter, ich bleibe, hier! Kchre zurück zum Vater und zu. den Geschwistern und sage ihnen: I ch b i n wieder g l ü ck l i ch g ew o r d e n!" Ein neuer Segen War in die Anstalt mit Josef gekommen. Ueber sein ganzes Wesen breitete sich eine stille Heiterkeit aus, bter Wied erschein des Sieges, den der Me, tapfere Knabe über die feindlichen Gewalten in seinem Innern errungen hatte. Wer ihn beobachtete, wie er sich die tastbare Schrift und «andere dem Zustand der Blindheit angepaßten Bchelse aneignete, wie er seinem Studium ganz dahingegeben war, der konnte wähnen, einen ernsten Forscher vor sich zu haben, dem jedes Vergnügen fremd und gleichgültig ist. Und doch schloß sich Josef seinen Kameraden freudig an, wenn es galt, .einen lustigen Streich auszuführen. Bald war er -bei solchen Unternehmungen, war er überhaupt der anerkannte Anführer und er benutzte seinen Einfluß Entzweite zu versöhnen, Irrende ans den rechten Weg zurückzusHhren. Unser Kleinster faM an seinem Geburtstage, sich zur höchsten Lust, -allen anderen im Hause' zu arger Qual, unter der Serviette, die längst gewünschte Tramway-Pfeife; von nun an erwartete jedes Geburtstagskind ein sinniges Geschenk von einem .guten Geist, bis als solcher unser Josef „e r t a p p t" und mit Liebkosungen und Danksagungen überschüttet wurde. Den religiösen Vorträgen Nach' dem Gottesdienste an Sabbaten und Festtagen lauschte Josef mit' gespannter Aufmerksamkeit, und eines Tages kann er nach beendetem Unterrichte zu mir, um einige Ausschlüsse bescheiden' zu erbitten. Schon das nächste Mal brachte' er zwei Freunde mit und bald hatte Joses -eine Gemeinde begrübet, bald ' War solches Anssprechen Zwischen mir und meinen Schülern zu einer feststehenden, regelmäßigen Einrichtung geworden. Erft jetzt wurde mir ein tiefer Einblick in das Seelenleben dar Blinden, offenbarten sich mir ihre Zweifel, lagen ihre tief verborgenen Herzenswunden offen vor mir da! Wie reichlich bot sich mir nun die Gelegenheit, 'Segen zu stiften: zu trösten, zu erheben, aufzurichten; den Herzensfrieden wiederzugeben, den Blinden den festen Mab des Glaubens darzureichen, ari dem sie erhobenen Hauptes ohne Wanken durchs Leben gehen! ' Mein teurer Josef, wie rufe ich dir dafür meinen Dank in die Ewigkeit nach; „wie t ü t mi r mein H erz w eh", wenn ich an dich denke! *• (Fortsetzung folgt.)