Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 8 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8 D i e Wahrheit Seite & standpmckt. Das.durch nichts berechtigte Vorurteil von der Minderwertigkeit des derrtschjüdischen 'Volksteiles liegt als zweites mächtiges HiinlderstG mütten auf dem dornigen -WGe, der lmfer sudetendeütsches Volk zu seiner Selbstbestimmung zu sichren vermöchte. Was den Antisemitismus noch immer als politisches Argument gelten läßt, ist ein leider tiestiimgewurzeltes Vorurteil, und weil es ein Vorurteil ist, läßt es sich sehr zum Schaden nuferes Volkes nicht leicht besiegen. In keinem Kultuvftaate der Evtze, auch nicht in Deutfchlanid, hat der politische Antisemitismus je eine HenNstätte gesunden. Er blieb als ein Mittel der . Selbstzerslerfchung idenfenigen deutschen Bo'lkskörpern vorbehalten, die -die schwersten nationalen Kämpfe gegen srenrdsprachige nationale Gegner .auszu fechten hatten. Hätten die Deutschen Oesterreichs weniger antisemitifche rrnd dafür mehr gemeindeutsche Sorgen gehabt, es wäre mit dem Schicksale des Deutschtums in Zentraleuropa wahrkich nicht so weit gekommen. Das Vorurteil mußte aber fein, e's mußte genährt und gepäppelt werden damit ideenarme politische Parteien leiben 'konnten. Sie haben ihr Leben.nicht nur gefristet, sondern sind im Gegenteil groß und stark geworden, weil ein Schlagwort der- Drrmmheit > mehr Anhänger gewinnt, als rechtschaffene Denkarbeit, die allerdings Selbständigkeit des Denkens voraussetzt. Der Antisemitisnlus hierzulande ist, abgesehen von jedem sozialen Unrecht, welches er verschuldet, ein nationales Uebel, das ehrliches politisches Wollen unbedingt ausrotten müßte. Das Vorurteil aber wuchert weiter." Hier begegnen wir einer Verkennung der Tatsachen, wenn Dr. E r g e r t sagt, daß der politische AntisemNsmus in Dentichlaitd nicht Eingang gefunden hat. Das,ist — die traurigen Ereignisse der lehren Zeit lehren es — unrichtig Es ist wohl urmötiq, Bttve-Ge für den rüden Antisemitismus in Deutschland zu liefern. Genährt wird diese! Judenfeindschaft durch'Hetzschriften, die sich aus allen Ge-! Eistleitn ngsgespräch. Da wurde die Türe ausgerissen und ins Zivrnrer stürzte, mit allen Zeichen hoher Erregung, mein jüngstes Döchterchen, „Hummeilchen" genannt; ihre dunklen Haare -rrmflakterten ihre Stirne, ihre braunen Llugen blitzten. „Die Spatzen, Treiber Vater! Die Spatzerr!" rief sie immer wieder. — Möhr 'konnte das Kind 'nicht hervorbringen, erschöpft 'ließ es sich, die Hände inr Schoß gefalten, aus einem Schemel nieder. O, das war ein 'böses Zeichen!' Das kündigte einen Bericht ohne Ende an, da galt es, der Kleinen entgegengnEoinmen. „Hummelchen", sprach ich, „gewiß hast du dem Butterbrot aus dem Gartienitösch liegen lasten und die Spatzen haben hineingepickt!" — „O, nach viel schlimmeres tun sie, Vater!" sie sprang in Entrüstung auf nnd stellte sich mit geballten Fäusten vor mich hin, „sie frosten uns alle Kirschen vom Baume weg!" — „Nun, nun", begütigte ich, „sie werden schon noch etwas für dich übrig lasten!" — „Und was soll morgen fein, morgen?" fragte das Kind mit dem Triumph der Uvberleaenheit und stenrmte seine Händchen in die Seiten.'— „Du hast recht," gab ich kleinlaut zu. „Weißt Du was, Hummelchen gehe in den Garten und sage' den Spatzen, wenn sie sich unterstehen, auch nur eine Kirsche noch zu berühren, fo verweise ich sie für immer aus dem Garten!" Meine Kleine warf mir einen huldvollen Blick zu und verließ, ein Bild' strafender Gerechtigkeit, hochaufgevichtiet das Zimmer.»Mein lautes Lachen folgte ihr nach und auch * meine Gäste konnten sich eines Lächelns nicht erwehren. Der Bann der Verlegenheit war gebrochen and ich erklärte: „Die größten und . süßesten Kirschen unseres biteten, namentlich aus „wistei rschastl ich en", aus toben. Religiöser, Rasten-, wirtschaftlicher Antisemitismus, alles wird aufgeboten, um uns Juden in den Kot zu zerren. Das Neueste in dieser Beziehung hat sich General Ludendorff geleistet, dessen Buch „Kriegführung und Politik" Herrn Dr. Ergert kaum unbekanick sein dürfte. Wie dieser traurige Held die Sache anpackt, wisteu unsere Leser zur Genüge, die im Solde einer rätselhaften „Oberleitung" arbeitenden Inden haben ihr deutsches Vaterland verraten, indem sie sich dem Frontdienst entzogen und in allen möglichen nnd unmöglichen, Natürlich von Juden geschaffenen Aemtern ihr Unwesen trieben. Gestützt auf diese authentischen Aeußern-ngen eines Mannes, der es doch sch ließ lick wissen muß, tun nun bezahlte Soldschreiber ihr Möglichstes, um in „Ansklärnngsschriften" die indifferenten Masten für ihre ruchlosen Zwecke zu gewinnen. Und sie haben - nnd das ist besonders verwunderlich, denn diese Hetzer sprechen zu einem geistig hochsteih enden Volke — mit ihren Wühlereien Gluck. Dies belveist ein Vorfall, der sich um Sonntag, den 12. b. M., in Berlin abspielte. Eine Schar halbwüchsiger Burschen marschierte unter Vorantragung der schwarz weiß-rvteu Fahne singerrd und johlend durch die Straßen. Das wäre an sich nichts Besonderes, geschieht auch manchmal bei iut§ von Leuten, die sich in starrsinniger Verzopft heit noch immer nicht an die neuen Verhälmiste gewöhn: haben. Für solche Elemente genügen einige blinde Schüße, vaß sie das Hasenpanier ergreifen, wie es auch in Berlin der Fall war. Bea chten sw e rter ist folgernd es: So wie einst diese Hölden unter der fchwarz-weiß-rotien Fahne von Sieg zu Sieg eilten — bis der Krieg verloren wurde -—, To marschierte man auch jetzt in hoc sign o gegen den Reichsfeind — die Juden! Leute, irr denen man Juden vermutete, wurden au'gchNlten rrnd verprügelt, doch passierte den famosen Rastenkundiigeu das Malheur, daß sie nnschul- Gartens sind reif geworden, und morgen ist das Lesefen. Die bestell Turner steigen auf den Baum und pflücken in vorgebundene Körbe die köstlichen Früchte; diese werden daun aus die Gartentische geschüttet und unter die Kinder verteilt. Hei, was 'gibt os da für ein lustiges Treiben unter Lachen unid Schergen! Ich lade dich datzn ein, mein lieber Josef! Freilich, die Hände der Kinder scheu vom Kirfchensast aus, wie «die der Metzgevgefellen, aber was tu: das? Seife und Master rrnd die Arbeit in der Werkstätte machen alles wisder gut." „Das Bürstenbinden?" stieß der Knabe, geradezu arrgstvoll die Antwort errvarter.d, hervor. ,Das BürsteNbiiidtzn ist eine harte, aber eine sehr ehrenwerte Arbeit," sprach ich unbefangen, „und mancher unserer Zöglinge hat durch dieselbe einen reichlichen Erwer b und einen EhreustaNd im Leben erlangt . . . Weiter kam ich nicht, denn deutlich vernahm ich. wie der Knabe'feister Mutter zuflüsterte: „Mutterl, mein Herz tut m i r w eh!" Deutlich sah ich, wie die bleichen Züge des blinden Knaben sich geradezu endstellterr. Bliüschnell -kam mir eine Erkenntnis, und einer höheren Ein gebung folgend, sprach ich, ohne die erschrockenen Blicke der Mutter zu beachten, zu dem Knaben: „Du hast das Gwn niasium besucht, und «Warst ein braver Schüler: w as wollte st du, denn 'werden?" — - „Lehrer der alten Sprachen!" erwiderte Josef mit einem Klagetvn mit welchem ein Mensch seine letzte Hoffnung begräbt. „Also Lehrer fremder Sprachen! Das kannst und wirst diu noch setzt werden!" r-süi w? xv-v -