Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 7 (23.3.1922)
- Date
- 1922-03-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 1 Die Wahrheit Seite 7 ständen ein schlvieriges, forlgenbringendes Problem, dessen Lösung der Privaten jüdischen Wohltätigkeit überlassen bleiben dürste. Aber mich dort, wo es keine „Polnische Wirtschaft" gibt, in dem geistig nn!d sittlich hochstehenden Deutschland, tritt uns das Elend der jüdischen Lehrerschaft wahrhaft erschreckend entgegen. „Der JsraM" nanntt es kürzlich ei!ne „Schmach Dentschlands" imd berichtete aus eirrem abgehalienen Lehrerkongresse erschütternde Einzelheiten. Die jridischen Religionslehrer, die in den meisten Fällen mich die Obliegenheiten des Predigers, Vorbeters nitd Schächters versehen und zur Ausübung solcher Funktionen kilometerweit nach den Filialg-eirreinderr wandorrr müssen, beziehen Gehälter von 4000 bis 5000 Mark, von denen sie mit Weib und Kindern leben. Wahrhaft ergreifend sind die Notrufe, die in jener Lehrerversammlung karrt wurden. Da gibt es in ihrem heiligen Berufe ergraute Männer, die nach zwanzigjähriger und längerer Dienstzeit außerstande sirrd, etwas ftir ihre Gesundheit zu tun; manche, die bekennen, daß sie an Unterernährung zngrnndegöhen. Einer ruft die Mildtätigkeit der- Glaubensgenossen an, darrrit er seiner verstorbenen Frau einen Grabsterrr setzen könne, rrnd was sonst noch der wahrhaft schrecklichen Elendsbrlder mehr sind. Daß mach bei uns in Oesterreich und speziell in Wien die Religion sichrer eher ans Dornen, als' ans Rosen gebettet sind, ist eine in der Oeffentlichkeit bekannte Tatsache. Wahrlich, der Grieche hatte Grund zu sagen: Werr die Götter hassen, den lassen sie Schulmeister werden." Aus der Geschichte einiger israel. Wohlfahrtsanstalken Wiens. Von Dr. Max G r n n w a l d.*) dlls ich vor zehn Jahren Danraskus besuchte, bot sich mir eirr Anblick dar, der nicht ohne Bezichrmg zrr unserer gegenwärtiZen Situatiorr ist. Irr einem Hofe, der zrl einem p-alastähnlichen Gebäude gehörte, saß ein armer Mann bet einer nrehr als srngalerr Mahlzeit. Es war, wie man rnir erzählte, ein Nachkomnie reicher Leute, die einst dieses Haus erbaut hatten, ein Haus, das innen von Silber und Kristall erstrahlte. Der jetzige Besitzer hätte durch den Verkauf des Hauses reich werden können. Allein er wollte sich um keinen Preis vorr dem Erbe der Väter trennen. Es war ein Gefühl der Pietät, das ihn daran sesthie!kt, eirr Gebot der Pflicht, selbst mit den schwersten. Opfern zu erhalten, was seine Väter.geschaffen hatten. Aehnlich ergeht es uns Wierrer Inden mit den prächtigen Wohlfahrtsanftalterr, die edle Männer rrnd Frauen, die vor uns waren, errichtet haben. Nur daß es nicht alleiin die Pietät ist, die uns gebietet, zur Erhaltung dieser Anstalten trotz der bitteren Not der Zeit unser Möglichstes zu leisten. Es sind ja nicht tote Denkmäler, die es zu erhalten gilt. Es sirrd Znfluchtstätten hilfesuchender Menschen, denen beiznstehen, die Menschlichkeit sondert. ' Nrrr sind wir iusoserne schlimmer daran als jener arnre Jude in Damaskus, als die Opfer, die wir zur Erhaltung unseres. Besitzes zrl bringen haben, von Tag zu Tag bis ins Unendliche sich steigere. Nicht nur!durch die Entwertung des Geldes und der dadurch verursachten Mehrkosten für die Erhaltung der Insassen und des Verwaltungsapparates, sondern, dadurch, daß Wien in immer *) Vortrag, gehalten am 6. März b, I. in der I. ordentlichen Generalversammlung des Vereines,,Wohlkahr i". steigenden Graden die Zufluchtsstätte des jüdischen Elends des gesamten europäischen Ostens geworden ist. Wir halten es deshalb für ein Gebot der wirtschaftlichen und moralischen Selbsterhaltuing, daß wir das Ausland so rasch und so gründlich und eindringlich als möglich darüber aufklären, daß, wenn man Wien Hilst, man nicht einer Stadt und einer Gemeinde ztt Hilfe kommt, daß hier vielmehr eilte Zentrale des Hilsswerkes für das gesamte Goluselend in Betrieb zu erhalten ist, wenn nicht diese Massen vollständig zugrundegehen und Wien selbst mit in den Abgrund reißen sollen. Täglich tritt an uns die Forderung heran, Alte oder Kranke, die erst vor knrzern aus Galizien hiehergekommen sirrd, ins Siecherr- oder Altenhaus auszunehmen. Wir dürserr rticht sagen: Die Leute soll man nach Polen zurückschicken, das doch jetzt nicht nrehr, lvie einst Galizien, zu uns gehört, wir dürfen nicht sagen: unser armes Oesterreich kann nichl die Lasten für reichere Länder tragen, wir müssen als Juden, sollen die Armen nicht zngrundegehen, Mittel und Wege suchen, ihnen zu Helsen, tind zu diesen Mitteln muß die Alarmierung der ganzen jüdilschen Welt gehören. Es muß eine Weltorganisation zur Sanierung des Goltts in>it der Zentrale Wien geschaffen werden, zur Bekämpsmig des Elends, das sich in Wien ang-ejtant hat. Uns ist die Pflicht, es zu lindern, auferlegt, wir haben somit auch das Recht, alle verfügbarell Kräfte zumobilisieren, rrm unserer Ausgabe Herr zu werden. Wie dieses Elend im Laufe der Zeit gewachsen ist, wie aber auch in gleichem Maße die Heilmittel dafür sich vermehrt und verstärkt haben, lehrt ein Blick in die Geschichte unserer Wohlsahrtsanstalten. Hiebei bemerke ich, daß ich mich für heute aus die Anstalten beschränke, die -bereits vor dem Weltkriege -bestanden haben. Allen voran steht das G e m e i n d e s p i t a l. Ein solches bestand hier bereits irn Mittelalter. Die Juden bewohnten damals die Gegend um den heutigen Judenplatz bis zum Jahre 1421, in dem bekanntlich dieser ersten jüdischen Gemeinde -kr Wien mit der Ausweisung, zum Teil der Verbrenrmng ihrer Mitglieder ein grausames Ende bereitet wurde. Diese erste Wiener jüdische Gemeinde besaß ein Spital, d. h. ihr Hekdesch, eine Bereinigung von Krankennnfb Versorgungshaus, wie man sie rroch heilte irr Köln, in Hannover und anderen Städten findet. Be- ^onoere jüdische Aldersversorgungshäuser kennt man erst seit wenigerr Jahrzehnten Das Wiener Hekdesch war ekt Durchhaus und stand dort, wo heute die Häuser Jndenplatz 9 mrlb Wipplingerstraße 13 stehen. Nach 1421 siedelten sich die Juden wieder vereinzelt in Wieir an und allmählich entstand eine neue jüdische Gemeinde, die auch diesen Titel trug, obgleich sie als solche keinerlei staatsrechtliche Anerkennung gefunden hatte. Sie kaufte zur Anlage eines Friedhofes das Terrain, aus beirt noch eure unser Versorgungshaus mit dem angrenzenden alten Friedhof in der Seegaste sich besirtdet, uird zrvar sicherlich vor 1540, denn aus diesem Jahre stammt der älteste bisher bekannte Grabstein ans diesen! Friedhof.' Im Jahre 1666 wurde die Gemeinde, die seit 1624 in die jetzige Leopoldftadt übersiedelt war, von der Regierung aufgesordert, ein Lazarett zu errichten. Ein solches wurde aus Holz ausgesührt. Daß es Hiezu einer Älussovderung durch die Behörde bedrlrste, kann -deshalb nicht auffallen, weil bei Erkrankungssällen in der jüdischen Familie die sorgfältigste Pflege irn Hanfe selbst stattfand und die Alten gleichfalls in häuslicher Fürsorge standen. Bezeichnend ist h-iefnr die Bestimmung des jüdischen Krankenhauses in Frankfurt: Für Fremde und Bedienstete. Aber auch für diese Kategorien