Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 7 (23.3.1922)
- Date
- 1922-03-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 7 keit, die man in der „reinrassigen" deutschen Provinz nicht eben allzuhaufig aubrifft, cmr der Errichtung, der Erhaltung und MlAgeftaltung deutscher Kulturstätten in Prag ausschlaggebend mit am Werke gewesen waren: diese deutschen Juden Prags, die schon vor dem Umsturz für ihr Deutschtum recht oft eiNgeischlagene Feilster und Mutige Kopse eiacheimsten, sind auch heute noch die hervorragendsten, um nicht zu sogen, ausschließlichen Vorposten des Deutschtums in Prag geblieben. Ohne diese deutschen Juden ist 'das, was mau heute noch deutsches Prag oder Prager Deutschtum nennt, überhaupt nicht denkbar. Diese deutschen Juden halten auch heute, unter unendlich schwierigen Verhältnissen, an der deutschen Sprache, an der deutschen Schule, Zurz an der deutschen Kultur feft; haben ihre deutsche Mlttevsprache — inr Gegensatz zu den „Oktobertschechen" — nicht gewissermaßen über Nacht verlernt, sie bedienen sich der deutschen Sprache im Verkehr und in der Oesfentlichkeit, sie 'besuchen nach wie vor das Deutsche Dheaber, bestimmen den deutschen Charakter getvisser öffentlicher Lokale, und siM in diesem Sinne gewiß im höchsten Maße „mitschuldig" daran, daß die Prag besuchenden Allslander an der Seriosität gewisser Propagandaschriften stutzig werden, die Prag für eine reinrassige tschecho-slowakische Metropole ansgaben. In den Augen der Sudetendeutschen — Von noch viel weniger weltburgerlichen Ausnahmen als 'bei den Tschechen abgesehen — gilt der Jude hinwiederum als national lEes, der tschechischen Ideologie gefügigeres und zugänglicheres Element. Das SudetendMtschtum, feit jäher schr stark -beeinflußt durch den „Waidhofner Geist" gewisser Hypevvadikaler, hat schon in idem letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts einen fchavftn Trennungsstrich zwischen „reinrassigen Germanen" und ,heutschliberalen Jujden" gezogen. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in unaufhörlicher, verlustreicher Defsensive vor dem nMster- .haft organisierten Ulld rücksichtslos Verdrängenden nationalen Tschechenbum begriffen, >hat es sich doch denn Luxus der , ,Agvarierp aragraphen " nicht versagen zu können geglaubt und den deutschen Juden sozusagen als quantite negiigeable lläben sich herlausen lasseil. Dieser Art vor Deutschtum, die dem Geist der Hochschulen ebenso anhaftet wie der Terminologie der disntschniationalen BierbankpolitiBer, gält der deutsche Jude weder national noch gefellschalftlich als vollamt) gleichwertig, dieses Deutschtu,m verschloß sich politisch 'und gesellschaftlich den: deutschen Judell, ja es gab in Prag deutsche Studen-teliverbindktnlgen, dereil Mitglieder 'sich verpflichtell mußten, mit Jüdinnen nicht zu verkehren, zu, tanzen nfw.! Man glanibe nicht, daß nach deni Uiinftirrz in dieser Denkungsart irgend ein einschneidender Wandel erugetreten ist. Trotz der. liefen Not trotz der verzweifelt ernsten dlbioehrstellunig, irr die die SudeteUdeutschen durch eine brutal rücksichtslose ,,Nationalstaats"-Doktrur hineinlgedrmrgt wordeir sind, trotz des treuen, in diesen Zeiten doppelt opsevoollen Festhaltens der deutschen Juden, insbesondere der dentscheir Juden Prags, anr Dentschtnnr, haben von den deutschen bürgerlichen Parteien, deren es in der Tschecho-Slowakei sechs gibt, ft'ins — teils offiziell, teils inoffiziell — den Arierparagraph en beibchalten! Würde der delltsche Jude in der Dfchecho-Slowakei das Verhalten seiner deutschen Landsleute fo generalisieren, wie diese immer das Verhaften einzelner Inden oder gewisser jüdischer Elemente $u generalisieren lieben, so hätte er aDo'I»! längst den scharfen Trennungsstrich nachgezogen, den ibiefe Kreise zwischen Deutschtum und Judentum gezogen haben. Aber der deutsche Jude in der Tschecho-Slowakei beurteilt das Deutschtum sbensowenig nach den: Arierparagraphen idenüschnationaler Couleurstudenten wie sein Brüder im Reich das deutsche Vdlk mit dem „Miesbacher Anzeiger" identifiziert. Er weiß, was er der deutschen Kultur, irr der er „dichten und denken" gelernt hat, schuldig ist; er Würde schon allein -aus diesem Dankbarkeits gesühl mit der deutschen Kultur ftchen nnld fallen, wenn ihn nicht ein tieferer psychischer Anlaß antriebe, sich an das deutsche Volkstum in der Tscheche ^Slow akei anzuschließen. Ist es das äußere Schicksal des Juden, stets in der Minderheit z'n sein, fo ist sein inneres Schicksal, stets zur Minderheit zu halten." D!e Fortsetzung „Bilder aus dem Israel. Blindeninstitut" entfällt diesmal. Feuilleton Jüdisch-Amerika. (War Kolumbus ein Jude?) Diese Frage beschäftigt schon seit Jahren die Forscher. Wie Mglische Zeitungen Mitteilen, hat nun ’bitc spanische Regierung eine spezielle Kommission bestimmt, um die neu entdeckten Dokumente, die bestätigen sollen, daß Kolumbus ein Jude gewesen ist, zu untersuchen. Wie die genannten Zeitungen behaupten, lassen erwähMe Dokumente keinen Zweifel mehr daran, daß Kolumbus nicht nur van Inden absta-mmte, sondern selbst noch Jnde war und sein Judentum bewahrte. Laut diesen Dokumenten hieß der Vater Kolninbus Jakob und seine Mutter Schos ch a n a. Ans klügst vor der Inquisition übte Kolumbus, wie die Marannen-, sein Judentum nur im Geheimen aus. Obige Notiz lief durch mehrere jüdische Blätter und verirrte sich auch in die Redaktion der „Wahrheit". Wir übergaben das allerliebste' zarte Gvllberchnndchen dem deutschvMffchen Professor der Gefchichtsforfchnng Dago» bert Chilpenreich zur Pflege und Aufzucht. Der - Mann hat unser Bertranen gerechtfertigt, unsere Erwartungen übertroffen, wie sein'nachstehender Brief beweist: Meine Herren Kollegen in Spanien haben sich mit ihrem lakonischen Bericht die Sache sehr leicht gemacht, anstatt Iden leichtzugänglichen Quellen nachzuspüren. Es wirb nicht einmal gemeldet, daß Schoschana und Jakob mit dein Familiennamen nicht Kolumbus, sondern Kohn hießen. Vater Jakob führte irr Genua einen Kramhandel mit nbertvalgenen Kleidern und Altmetall. Er befaß einerr Sohn, der ans den Namen Ch es kiek beschnitten wurde. Der Knabe war, wie die meisten lseiner Rasse, klug und sträbsam. Schon Ifrühzeitig erkannte er, daß für den Absatz der Trödelwaire rrerre Gebiete erschlossen werden müssen, und nahm sich vor, Amerika z-u. entdecken. Er ließ sich in die berühmte Genueser nautffche Schule aufnehmen, die er mit -glänzendem Erfolge absolvierte. Später suchte er die Regierung für ferne Absichten zn gewinnen, wurde aber -mit leeren Versprechungen und Vertröstungen hingehMen, so daß ejr die Geduld verlierend, in Spanien fein Glück zn suchen beschloß. In Spanien regierte damals — 1492 —■ Königin Jsabella, Gemahlin Ferdinand des Katholischen, und die heilige Inquisition, die mit Feuer und Schwert gegen Juden wütete. Es wäre -sohin Heller Wahnsinn 'gewesen, als CheN-iel Kohn in den Rachen der Inquisition zn laufen. Der schlaue Bursche verschaffte sich durch Bestechung einen falschen Reisepaß auf den Namen Christo- 4823533253233148 538887