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Die Wahrheit · 1922-03-09 · Heft 6 (9.3.1922) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 6 (9.3.1922)
Date
1922-03-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Bo« Nah und Fern =m Der Jauuskopf des Grafen Bechlen. Ein rechter Mann hat zwei Gesichter, iöriie er hält: das sine für sein Haus, das andere für die Welt. Das heitere Gesicht, das halt er für sein Hans, das «vn-ste aber kehrt er in die Welt hinaus. Seine Exzellenz, ^der ungarische Ministerpräsident Graf Bethlen hält sich an diese Spruchweisheit Rückerts. Mit dein einstesten Gesicht versichert er aller Welt, daß unter fieiner Regierung Gesetz und Recht über jeden Staatsbürger, wes Glaubens, Standes und Rasse immer, schützend walten werden. Man möge versichM sein, daß es in seinem geliebten Vaterlanide fortan kein Schreckensregiment gebe, daß jederm-cmm sich der bedingungslosen Freiheit, der Sicherheit seiner Person und des Eigentums. erfreuen könne. Zu Hause aber, im Verkehr mit seinen lieben Erwachenden Ungarn, setzt der Herr Ministerpräsident seine heitere Mene auf, versichert mit vertraulichem Augenblinzeln: „Keime Angst! Ich bin gar kein llrüllender Löwe. Ich bin Zettel, der Weber-, und wenn es euch nach einem fröhlichen Pogromchen gelüstet, wenn ihr Juden- und Sozialistenblut trinken wollt, immer nonsvisch drauf -los!" Und so hört man auch wieder, wie einst im Mai-, die empörendsten Meldungen aus der Hauptstadt und manchen Gegenden des Reiches der heiligen Stephanskrone. Eine schöne Kostprobe bietet die seit dem Jahre 1919 zu toanriger Berühmtheit gelangteGömeinde I s z a k, m der es ungehenimte Plünderimgen und Morde an Juden gab.. Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß der Oberstuhlrichter, Dr.Ludwig Förster, der Veranstalter dieser Schandtaten war. Seine Hochwohlgeboren der Herr Oberftuhlrichter Dr. Förster empfindet aber trotz des angeblichen neuen Ordnungsregimes weder Reue noch Furcht. Er scheint vielmehr recht stolz -auf seine Verbrechen, wie ans seiner nachstehenden Erklärnng ln einem Budapester AntisemAenblatte hervorgeht: „Ich leugne nicht, ich habe kaltblütig die schwache R e v a it ch e angesehen, die einige aufs Blut -erbitterte Ungarn an jener Rasse nahmen, die Bvla Knns »und Szamnelys produziert hat ... . Vor mir schwebt auch heute noch die traurige Ermordung meiner eigenen christlichen ungarischen Brüder, schweben die Dunapatajer, dile Satter und Tassier Opfer — um so mehr war dies 1919 der Fall. Die Opfer der frenrden Rasse interessieren mich nur so viel, wie die Toten des Boxerauifftandos. Ich w-eride n'ieMals die blutige Schmach meiner Nation vergessen und, werrn Szechenyi das Recht hatte zu sagen, wir seien unser so wenige, daß wir auch joden Vatermörder begnadigen müßten, so sage ich: während der Kommune hat der Ghettoanswnrf so viele Schandtaten begangen, daß wir ihnen gegenüber jeden Morde, r beg n ad i g e n m ü ss e. n." Und was geschah auf diese Schund- und Brandwarte, des Herrn Oberstuhlrichters? Gras Bethlen mit dem Januskopfe fand sich, und das erst über eine geharnischte Interpellation, bewogen, den Dr. Förster seines Amtes zu entheben und nichts weiter-. Ueber die Persönlichkeit Js. Noah Mannheimers (1793—1865)* Ueber dieses Therna sprach in der am Donnerstag, den 29. Dezember 1921, abgehaltenen P lenarversammung des „Verbandes der i s r a e l. Religionstehrer an den österr. Mittelschule n", in welcher der frühere Vorstand nahezu wiedergewählt wurde, Rabb. Dr. R o s e n m a n n>, das Ehrenmitglied des Verbandes. Ausgehend von einer Einteilung jener Männer, die aus ihre Zeit und ihre Zeitgenossen eiitwirken, schilderte der Referent ans Grund archivarischer Studien Mannheimer als einen Mann, der im Dienste einer Idee selbstlos das eigene. Interesse hi!utansetzte. Mannheimer, der sein Lebensziel in der Veredlung der damaligen Wiener Juden, deren. Prediger er war, durch Kultus und Kultur erblickte, ging an der Hingaibe an diesem inneren Berns geradezu ans, jeden äußeren Vorteil seiner Stellung weit bon sich weisend, trotzdem er rnit seiner zahlreichen Familie an der Seite einer kränklichen Frau kärglich uNd nicht immer knmmerlos leibte. Dafür sprechen viele Vorsäll-e, wie beispielsweise der kluge uiiib schöne Zug, daß er anläßlich der Feier seines 70. Geburtstags den ihm überreichten EhrenPokUl — derselbe befindet sich im Wiener jüdiischen Museum — urnkehte, weil ihm die beabsichtigte Füllung desselben mit Geldstücken zu Ohren gekommen war. Zn dieser Selbstlosigkeit Mellten sich bei Mannheimer reale Vovzüge: eine tiÄsbegründete klassische und hebräische Bildung und eine Eloquenz, die bis zuletzt zündend wirkte, so daß die'hoihe Geistlichkeit, unter anderen der Mt Karl von Melk und Professor Füster von der UnioersitäMirche, öfters seine Zuhörer waren. In dieser -Weise -konnte der Prediger- Mannheimer der geistige Vater der Wiener Inden sein und als solcher sortleben. Der interessante Vortrag fand lebhaften Beifall. Br. Widersprüche. Vor uns liegen zwei zionistische Blätter aus der Tschecho-Slowakei, die Brünner „Jüdische Volksstimme" und die Preßbürger „Jr'idische Voilkszeitung". Beide sind ebenso wie die „Wr. M.-Z." empört über das Kesseltreiben der Agndisten anläßlich dier Norchclifse- Reise. Damit es -aber nicht den Anschein hat, ails ob nur die Zionisten sich über diese Ruchlosigkeiten aufregen, .wird den Lesern von einem Prote!sttelegram>m Kenntnis gegeben, das der Londoner Chi-efrabbi als Präsident der britischen Misrachi-Organisation -an Lord Northcliisse gerichtet hat. Nun möchte man meinen, der Text dieses Telegramms wind >von beiden Blättern übereinstimmend zitiert. Weit gefehlt! Während die „Jüdische Bolksftimme" nur bescheiden schreibt, daß „die Misrach^Organisation aus 250.000 orthodoxen Inden besteht", berichtet die „Jüdische -Volkszeitnng" natürlich in fetten Lettern von einer „eine Million orthodoxer JUden repräsentierenden Misrachi-Organisation". Wer hat nun recht, die „Volksstimme" oder „Volkszeitlmg"? Z-n ihrer Entschuldigung 'kann die Letztere .anisühren, daß sie das Protesttelegramm dlvrch das I. C. B. erhielt, dessen U-ebertreibimgen in zionistischen DiNgen h'inlänglich bekannt sind. Es ist nicht der erste Widerspruch, den sich die Zionisten in ihrer 'Kampagne gegen die Orthodoxen leisten, wir verweisen im Leitartikel aus mehrere andere, cr beweist nur, wie alle übrigen, wieder einmal, ans welch schwachen Füßen ihre „Argumentation" steht. Walter Rathenau, deutscher Außenminister. Wir Hallen in unserer vorletzten Nu-mmer berichtet, daß die Berufung des Inden Rathenau ans seinen neuen verantwortungsvollen Posten, wie j>a zu erwarten, große Empörung in den Reihen der Hakenkreuzlet hervorgeriusen. Es liegen nun ans dem Deutschen Reiche die einzelnen dentschuaOonalen Pressestimmen vor. In der Absicht, nuferen Lesern die Borniertheit dieser „Nationalbewnßten" vorznführen, seien hier einige dieser dummdreisten Stilblüten wiedergegeben. Die „Kvenz-ZeWnng" leugnet, daß Rathenau, irgendwelche bemerkenswerte Verdienste hat, und erklärt, ihm kein Vertrauen zu schenken. Rathenan wird sich darüber wohl sehr kränken! Die in Berlin erscheinende „Deutsche Tageszeitung" vet steigt sich

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