Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 6 (9.3.1922)
- Date
- 1922-03-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Mieder. Den Schluß des ersten Teiles bildetle der übliche talnuldisch-halachi-sche Vortrag, in welchem «der Redner eine Stelle ans dein >ethisch-kabbalisüschen Werke des hohen Rabbi Löw „Deroch Hachaim": „Ueber Reinigung s v o r s ch r 'i f t e n", in knnswoller Verbindung heranzog. Nun begann der gottesdienstliche Teilt des Bußetages. Unter Führung des Synagogenfunktionärs H. Jakob Schwarz begaben sich die diensttuenden Vorsteher der Ehewra Kadifcha mit den Zehn durch das Los bestimmten „Fastenden" auf den Friedhof hinunter, wo alljährlich ein eigens für diesen Tag verfaßtes hebräisches Bußgebet im Umzüge ans drei der vornehmsten Gräber verdichtet wird; das Gebet wird demnach dreimal wiederholt. Zuerst a m Grabe des R abbi A b i g d o r Karo, der als Augenzeuge der im Jahre 1389 i!n der Prager Judenstadt stattgefundenen Metzelei in der Altnen-Synagoge eins Selicha für die hohen Feiertage verfaßte, dann an der Grabstätte des berühmten, hochgelehrten und einflußreichen R a b b i Simon Spira und schließlich an der vielbesuchten Ruhestätte des Rabbi Jehnda Leb ben Bezale l. Hieraus wird die Feier im Festsaale fortgesetzt. Es ist am Tage vor Beginn des Neumondes und es werden wie an jedem „Crew rosch chodesch" nach herkömmmlichmn Bmuche während des Minchagebeibes besondere Bußgebete, znm großen Teilte den vorgeschriebenen Bußgebeten des Versöhnungstages entnommen, verrichtet; auch aus der Thora wird gelesen, nachdem ein Minj-an-Fastender zugegen ist. Diese Gebetsordnung wird „Jom kippur koton" der kleine Versöhnungstag genannt. Für kurze Zeit scheint der große, stimmungsvolle, prächtig erleuchtete Saal, durch dessen hohe Fenster die vielen, znsammengedrängten altersgrauen Grabsteine des chrwürdigen Friedhofes in der Abenddämmerung wie aushorch ende Zeugen hineinlugen, in einen Tempel verwandelt zu sein. Inzwischen ist der Saal miit Andächtigen vollgesinllt. Es herrscht Andachtsstimmung und nun tritt in vollem Ornate, mit offenem Tallis airgetan und die Defsilin des hohen Rabbi Löw, die als Religuie ausbewahrt werden, auf dem Kopfe, ernsten und gemessenen Schrittes vor das iurprovisierte Betpult neben den „oraun Hälandesch" — der Oberkantor D. Czernovsky. Seit acht Jahren wurde er an dieser Stätte nicht mehr gehört, heute aber ließ er seine schöne Stimme in warmem Glanze erstrahlen. Er zeigte sich auch als vorzüglicher Chasan, der sich, wie wenige große Kantoren, auf das Rezitieren des sogenannten „Sagen" weihevoller Stellen, vortrefflich versteht. Er brachte däs „ribonv schel orom" . das Kollektivs ü n d enbek enntn i s", mit schöner Weichheit der Melodie und mit vom Herzen kommenden Worten zu Gehör. Es wäre ein Verlust für uns, wenn er fe/ititer Berufung nach Budapest Folge leisten wollte.*) Den Abschluß der Feier bildete sodann die Erbauungspvedigt, die bestimmungsgemäß der Oberrabbiner zu halten hat. Heuer wurde ganz besonders die angetündigte Stellungnahme des Oberrabüiners zur Feuerbestattung vorn jüdisch-religiösen Standpunkte, vom Emporium der Beerdigungsbrüderschaft aus, erwartet, doch mußte wegen dessen plötzlicher Erkrankung im letzten Augenblicke Se. Ehrlvürben Herr Prof. Dr. Aladar Deutsch einspvingen. Nach einer kurzen hebräischen An- *) Man hofft jedoch in Prager jüdischen Kreisen, daß die dortige Kuiltusgemeritde diesen so sehr belreibten Obertantor bervegen wird, von seinem VorhoLen ob,;ustehen, nachdem nicht so leicht sin vollwertiger Ersatz zu finden wäre. spräche hielt er eilte formvollendete Erbauungspredigt, in wSicher er, vom Propheten Micha ausgehend, die Pflichten des Menschen von drei Gesichtspunkten aus, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe und ^der Bsscheidenhe.it, entwickelte. _ ' M. M. Mordechai Kajehudi. .„Krümnw deinen Rückens, Mordechäi, du bist zum Au frechtfteh en nicht geschaffen. Senke deinen Blick zu Boden, Movdechai, denn deine Angen dürfen nicht in das Gesicht der freiten Menschen schonen. Bonge tief zur Erde, Vtord-echai, dein Haupt, so tief, daß es zum StcAbe reichlo, zum -Staube, der auf meinem Fuße Webt. Du sollst im Kote 'wühlen und -auf der Erde sollst du kriechen. Du darfst dich iiber das . Gewürm nicht erheben, daß die Füße freier Menschen leicht auf deinen Nacken treten 'können!" „Warum, o Haman, sprechen deine Lippen solche Worte aus? Weshalb, o Haman, lforberst du die tiefste Demütigung?!" „Ich hasse und verachte dich Nur deshalb, weil du Jude bist. Weilt du ein Sohn des Volkes bist, das ich fürchte und das aus Furcht ich hassten mnß." „Da du, Haman, nur den Juden in mir hassest, iift's mir leicht das sündhafte Verlangen, das aus deiner rohen Seele spricht, und der Begierde, die infamer Neid- und eibe feige Furcht gezeugt, mit stolzem Gelbstbewußtfein zu bekämpfen. Höre Haman, wie ich dein Verlangen werte und deine Schmähung, die nicht mich, auch mein geliebtes Volk nicht treffen -können. Ich neige meinen Rücken Wohl vor Tilgend, Adel Güte, Recht, doch irre vor Bosheit, Schaub' und Tücke. Zur -Selbsterniedrigung bin ich nicht da und auch mein Volk ist nicht dazu geschaffen. Nicht Sklaverei, nicht Haß utnd nicht Verfolgung könnt' uns beugen. Stets hielt das Recht uns gvad empor, die Last des Unrechts beugte unsere Feinde. Sv war -es in der Sklaverei, so war's in unsevenl Lande. So wird's auch in der Zukunft sein, da wir des Rechtes Wege gehen. Ich schlage nicht die -Angen nieder, denn frei und hell war unser Blick. -Wir schauten immer aus das Schöne, das oben über uns gedecht. Hinauf 4var unser Mick gerichtet, hinauf, woher d!as Edle k-a!m. Wir tk-önNen in -der Menschen Augen schauen, denn Böses spiegelt unser Au,ge nicht. Unser Haupt, das soviel Geist getragen hat, das soviel Gutes für die Welt -erdachte, das der Lehren größte hat geschaffen-, aus dem das große Heil -der Menschen kam — es soll sich bücken vor des -Bösen Macht, vor des Teufels haßerfülltem Zischen?! ... Nie wird dieser Wicken vor Niedertracht sich neigen. Nie das Aug,' auf Frevlers Wort den Blick zUr Erde wenden. Und unser stolzes Haupt wird sich 'auch nie vor -dem Tyrannen bücken. -Wir stehen gvad und aufrecht da-, gestützt aus unserem Rechte. Wir schlagen frei die Augen aus, sie spiegeln reine Seelen. Und hoch erhebt sich .unser Haupt in stolzem Selbstbewußtsein!" „So tvisse denn, du Mordechaii, was du heraufbeschworen. Es trifft dem Volk die mächtige Hand, den Tod bringt euch mein Zorn!"... „Wir fürchten, Haman, deinen Zorn nicht, wir fürchten «auch nicht deine Macht. Vergänglich ist der Menschen Macht und Recht ist mächtiger «als Unrecht." Ahasve-rvs, in -stiller Nacht, lag wach in seinem -Bette, i Er las die M-e Chronik nach, und las in seinem Herzen.