Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 6 (9.3.1922)
- Date
- 1922-03-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 6 Seite 7 D i e W a Aufzählung der twn erid)leueuen Bücher -beschränkt, diese! aber, auch wenn sie noch so nbgeschmacktes, nüf das Gruseln nn-iiver Leser berechnetes Zeug und Unwahres bringen, irr «den Himmel -erhebt, können wir ans eine weitere Beschäftigung Mtfererseits mit chm verzichten. Er möge sich samt seinesgleichen in die „schaurigen" Geheimnisse der „Weisen von Zion" sowie in „Indas Schtckdbnch" n. a. oertieifen, soweit sein Bedürsnis nach Schauern ihn dazu treibt. Für (ein überschätlnwndes Moralbedürsnis und -gesühl geben wir.chm sowie dem sricher behandelten teutschösten Uttiversitätsprosessor den Rat, -sich eilt wenig mehr um die Moral der eigenen Stamntesgenossen ztt beNmntertt! Dasselbe gilt für einen gelwissen Herrn Haist-Scheibbs, der sich im Feuilleton der „Folge" 5 vorn 29. „Hartung" (Jänner) anläßlich der Besprechung voir W. Bartsch' neneftent Roman „Seine Jüdin" nicht geintg tun -kann an gehässigen Ausfällen — aus die einzttgehen wir uns versagen müssen. Man steigt nicht gern in die Niederungen gewöhnlichster Deitkungsweise . . . Betrachtungen über den Purim des Ostens. Bott Armin W i l k o w i t s ch, Eger. Die Maskierten, oder wie rnan sie überall hieß: die Verstellten, führten ein Sprüchlein: „Höinte is Puoi-nl, inorgen is uns — gebt mir a-Groschen .und werft mich hinaus!" — Es klingt etwa wie der Kehrreim eines deutschen! Liedes: „Morgen ist -auch ein Tag, heute ist heut'!" — ein Gedanke, der nicht die schwere Ewigkeit, sondern das leichtgeschürzte Heut sich lobt. — Trotzdem verheißt die jüdische Sage dent Purim ewige Dauer: „Würden alle Festtage auch ausgehoben, der Pnrint bleibt ewig bestehen! . . . ." Matt darf nicht annehmen, daß er so tief ob seines hohen Wsvtes int Volke wurzelt, sondern er wird aus folgenden Umftändett hochgeschätzt: Die nnerträglichen Fröste haben sich in die Glieder gefressen. Der rauhe itttö rohe Winter jedoch hält die Zügel noch straff. Manchem Fahrlässigen sind die Ohrmuscheln oder die Zehen abgefrorett und «immer wiedeshört man über Kopfschmerzen klagen, wckl im Haus „a Zad" gibt! Die Ethymologie dieses emsilbigen Wortes ist bis heute keinem Sterblichen klar geworden. Verstanden ist aber damit: ein brenzlicher Geruch. lieberläNst die Milch, brennt der Zwiebel au, schießt die Suppe unter dem Dreifuß u. dgl., hatte man den tors- . geheizten Ofen zu früh geschlossen, immer entstand a Zad, der stets quälende Kopfschmerzen im Gefolge hat .... Wenn der Marschelok — der Volksnarr — bei Hochzeitsmahlen die Geschenke cmsznrusen pflegte: Von Chossens Zad — von den Angehörigen des Bräutigams — hat Red Schmaje gegeben, hundert JahrFoll er leben, a goldenen Seger (Uhr), wie bei Inden is L-leg er (guter Brauch), da pflegten die Höchzeitsgäfte zu witzeln: der Seger is taki vun Mesch, aber a Zad is da! — dt Chossens Zad, a Kalles Zad. Das ist natürlich mir ein Wortgeklingel . . . Das sind, kurz geschildert, die Miseren des östlichen Winters; mtb nun kommt ans einem Wunderlande der srvhbeschellle Purim! Da jauchzt ihin alles entgegen: Purim, froher Pnrint!, wie einst dieKumpane desAmevikaentdeckers ans dem weiten Meere das geschichtliche „Land! Land!" hinausschmetterten. „Alles' ist Glücksache!" rufen unsere frommen Gelehrten aus, „selbst die Gesetzesrolle in der Bnndesladie bedarf des^Glückes." Seht das herrliche Ehanukkafest, -es ist viel sinniger, viel seriöser: der siegreiche Kampf der Makkabäer, die Wiodererobernug des h rh e ir Heiligen Landes, die Eimveihnng des salomonischen Tempels mit dem Wunder des Vorgefundenen Krüglein Oels. — Dennoch ist die Fretlde über den Neß — Wunder geschehen — ohne Ueberschwang: man schmorrt Blinzes — Pfannkuchen —, die Kinder spielen Trenderl, die Erwachsenen „Sechsundsechzig", die Ltchtleiu werden entzündet und sonst gibt es nichts Besonderes! Warum? — Weil der tyrannische Winter hoch ans dem Schimmel sitzt — eine Herrschaft, vor der jeder Spaß vergeht! Hingegen zieht mit detn Pu.vi.nt ein Früyliugscvhuen durch die gemarterte Welt: der Despot Winter mit seinem Szepter. Eiszapfen wird bald abgesetzt nnd der jugendliche Herrscher Frühling mit seinen zarten Gliedern und mildem Sinn wird den blumengeschinückten Thron besteigen! . . . Alle Bosheit wird ans der Erde schwinden und frei wird jedes Geschöpf aus dem Plano sich bewegen dürfen, von Gotteshand seitt Samentörnletn empfangen . . . Und so werden nur auch die Symbolik des Purint besser verstehen können: Human, der herrschsüchbige, herzlose, der wie der Winter kein Er'barntett kennt, welcher das Tröpstetin Wasser int Krüglein des Armen zu Eise erstarren läßt; jener Tyrann mit seiner ganzen Sipppe wird zum Galgen geschlickt; Mordechai jedoch, der sich gegen Eigendünkel nnd Unterdrückung mir Lebensgefahr auslehnt, wird Minister. Die schöne, frühlingsjunge Esther mit ihren vielen Jungfrauen, die mit ihr sich tasteten und fasten, daß Gott die Bedrückten befreie, sie umgebt endgültig königliche Pracht. Gleich dem Frühling entwickeln nnd entfalten sie sich in Schönheit. Der Gedanke wwd ttvch weiter ausgesponuen. daß ntan sich tticht mir untereinander beschenkt, sondern auch durch Gaben die Not und Armut zu tiaibern bestrebt ist. Die Hantantasche — der Mohn im Dreispitz — gemahnt, daß der Winterschlaf vieler Geschöpfe bald beendet ist, daß es bald ein W'iedererwachen gibt! — Aber man vertieft sich nicht in Grübeleien, sondern befeuchtet die Kehle, daß der Kopf wackelt! .... Bußetag. Die Prager’ „Selbstwehr" vom 10. v. M. schreibt: Unter den im Jahre 1573 durch den „hohen Rabbi Löw" sestgestellten Normen, die in dent Buche „Teranoth" — Verbesserungen uiedergelegt sind, ist die durch den alljährlichen Gebrauch eingelegter Abhaltung eines Bußetages der altehrwürdigen Prager Ehewra Kadischa am Erew-Rosch Ehodesch Schewat die populärste. In Attbetracht ihrer heiligen Ausgaben feiert die Beerdigungsbrüderschast diesen Tag gewissermaßen als Sühne für alle int Laufedes Jahres bei Ausübung der letzten Liebesdienste an Dah ingeschiedenen begangenen Berseh längen und Verstöße, gleichzeitig aber auch um seine werktätigen Mitglieder zu erbauen, sie zu -einem gottgefälligen Lebert, zur Dentut und Bescheidenheit anzueisern. Der diesjährige Bußetag fiel aus den 29. Jänner nnd wurde im Feftfaale der Ehewra Kadischa in althergebrachter Weise würdig begangen. Die Feier selbst gliederte sich in drei Teile. Präzise 2 Uhr begann, bei vollbesetzt ent Saale, Seine Ehrwürden H. Pros. Dr. I. R e a ch die Büßpredigt, die seit dem Umstürze stets in tschechischer Sprache gehalten tvird. Die Einleitung, in der er -die Bußfertigen nach altjüdischer Lütte begrüßte nnd die Tendenz seiner Rede ausemandersetzte, sprach 'er in einent klassischen Hebräisch. Tie Rode selbst war eine geistvolle Auslegung des glücklich gewählten Textes uni) übte einen mächtigen Eindruck cvtts. Wehtnntsvvll gedachte er auch, wie es die Ehewratradidivn verlangt, aller im abgelanfeuen Fahre verstorbenen Mit-