Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 6 (9.3.1922)
- Date
- 1922-03-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063949-3063955--11635-3079049- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 6 Die Wahrheit Seite 6 Inden gra-ufam vorn ich tot ivurden, 1321 in der Dauphins lFrankreich), wo etwa 6000 Juden 'erschlagen, dann, während der Geißel durch die Pest 1346 bis 1350, abermals in Mitteldeutschland und den angrenzenden Ländern bei 30.000 Juden erschlagen, zu Tod gemartert und lebendig verbrannt wurden, sodann Span -ie n (1369) mit 28.000 Opfern, 1389Prag und die Orte Böhmens mit 3000Opfern, 1412 bis 1414 abermals Spanien mit zirka 150.000 Ermordungen (infolge Aufteiznng durch den Priester Vicente Ferrer), was sich 1481 bis 1490 dort zum Teil wiederholte und über 34.600 Opfer an Inden und Marannen*) zufolge des Eingreifens der „'heiligen" Inquisition — nebst einigen Hund erttaus end en Einkerkerrmgen — forderte. Die Krone wurde dönr aufgesetzt durch die gänzliche Austreibung aus Spanien (1492), von etwa 1 Million (mit der unvermeidlichen Ausplünderung) (1493), aus Sizilien von 100.000 Inden unter Ferdinand dem Katholischen. Das Beispiel zog,. es folgten die österreichischen Erbländer 1496 bis 1498, 1532 bis 1545 Portugal mit mehreren Tausend Opfern durch Mord und Tortur. Dann hatte das Judentum int Westen und in Mitteleuropa verhältnismäßige Ruhe, dagegen brach 1618 bis 1661 eine furchtbare Woge dor Vermchtuu-g in Podolien, Polen, Ukraine und Wolhynien unter Bogdan Ehnyclnitzky hervor, welche einer Biertelmillion das Leben kostete! Diese grauenvollen Ereignisse bilden imut die M a r ksteine — nicht des jüdischen, sondern vielmehr uns eres, des arischen Hasses gegen das Judentum, welche ins Endlose vermehrt werden könnten, — wobei jedoch immer die Raubgier als treibendes Tatmotiv hervorkvmmt. Und was sind die Kriege »überhaupt -anders, als wieder der *) „Scheinchnsten", die angeblich oder tatsächlich dem Judemuin noch treu anhingen. Ausfluß der Machtgierder Regierenden, welche Unterstützung finden in der Raubunid Mordlust -des einzelnen. Ebenso steht,es mit unserer Unduldsainkeit gegen Andersdenkende (Andersgläubige), tvobei der Sucht »am Zugreifeil ebenfalls eine wichtige Rolle zukommt. Und, falls der Herr Universitätsprofesfor diesbezüglich nicht im klaren sein »sollte, verweisen wir ihn auf die Güterkonfiskatöonen der adeligen „Ketzer" in den Reformationswirren, auf die entsetzlichen I ngniisitionsger Uchte, wo sogar der Henker — außer den Richtern — aus dem eingezogeneu Gute der zu Tode Gemarterten und lebendig Verbrannten bezahlt wurde. Dasselbe galt natürlich >auch »bei den Hexengerichten. Auch die Kreuzzüge, die, von ferne beschen, eines anscheinend idealen Schimmers nicht entbehren, erweisen sich bei näherer Untersuchung «als aus recht realen Triebfedern hervorgegangen. Zunächst »uUternahm die „Vorhut" im ersten Krieuzzuge, ein aus »aller Herren Länder zusarnmengelanfener Hansen arbeitsscheuen Gesindels, einen Sepavatkreuzzug in den ersten Tagen des Mai 1096 gegen die wohlhabenden ji'idischen Gemeinden »des Rhernlarrdes (Bacharach, Köln, Mainz, Speier, Trier, Worms u. a. Städte), wobei an 12.000 jüdische Bewohner erschlagen »und verbrannt wurden — ähnlich hauste diese tierische Meute in Südungarn, -wo sie jedoch ihr wohlverdientes Schicksal ereilte —, sodann »aber ließen sich die edlen Ritter ihre Hingabe »an das „heilige Kreuz" von den Päpsten durch — Lossprechung ihrer bei Inden gemachten Schulden bezahlen! Man ersteht daraus, welche Gefahr »uns aus dem Judentum droht. Sollte auch »dem Herrn Univerfitätspvofesfor unbekannt geblieben fein-, »daß wir -dem so »gefährlichen Judentum den Ruhetag (Sabbath) danken? Und was das heißt, kann nur -der ermessen, der wirklich zu arbeiten gezwungen -wird, fei es »mit der Feder, fei »es mit Spaten oder Hammer, und sollte er übersehen »haben, daß wir die l Sklaverei, wenn auch in der etwas gemilderten Form der Ich reichte ihm -die Flöte und wies ihm an, sie zu spielen. „H a t m i r d i e F l ö t e rneinVater g es ch i ck t? schrie das Kind auf, über dessen bleichem Angesicht eine Spannung lag, welche blitzartig von- Hoffnungssrendigkeck dnrchbrochen wurde. „Diese zu enttäuschen, wäre «ein Verbrechen!" sprach eine heilige Stimme in meiner Brust. „Ja, ja," erwiderte ich hastig, drückte die Flöte in des Kindes Hand und — entfloh. Wochenlang durchzog süßes Flötengetön Hans und Garten. Sehnsucht und Liebe hatten »ans meinem kleinen Freunde einen Künstler gemacht, der sein schlechtes Jnstrnment wnndierbar meisterte im Gegensatz zu bent wüsten Lärm, den seine Kameraden mit Klapper und Schnarre verursachten. Mit aller Seelenkraft wehrte sich das kluge Kind gegen die Ansicht, daß alle diese Spielereien nicht ans eine r Hund gekommen seien und daß diese Hand nicht die seines Vaters sein konnte. Das Geschenk war ihnl ein Unterpfand-, »daß nun bald ein Brief, vielleicht der Vater selbst kommen werde, und als nun keiner von beiden kam, da fühlte sich der arme Knabe überwunden. Er legte die Flöte für immer weg und mich — mied er; ich wnßte wohl, warum. Eines Tages trat der Knabe vor mich hin und »sprach fast vorwurfsvoll: „I ch weiß, m ein Vater i st g est o r b e n, d ä r f i ch i h ni Kaddi s ch n a ch s a g e n?" Erschüttert schlloß ich den Knaben in meine Arme und sprach zu ihn: mit »aller Innigkeit, daß es eine schwere Sünde sei, einem Menschen nachznweinen und nachzntranern, der n»och im Leben wandte. Wo sein Vater sei, wie es ihm gehe, das wisse ich nicht, aber ich »glaube fest daran, daß Gott ihn, sobald es fein heiliger Wille ist, in Freuden zu seinem Kinde führen werde.Der Knabe schlang seine Arme um meinen Hals, lehnte seinen Kopf an mente Brust" und weinte lange und still für sich hin. Dann küßte er meine Hand und ging ruhig von »dannen. Aber diese Ruhe täuschte mich nicht; feine festgeschlossenen Lippen verrietet! mir, daß er tnanchen Klagelaut znrückdrängte in seine Seele. Rausch-Haschonoh nahte heran. Ich versamntelte die Zöglinge um mich, sie ans das hohe Fest vorzubereiten; mein Liebling saß neben mir. In tiefer Stille lauschten die Schüler meinen Worten, da erscholl draußen auf dem Gange ein »lauter Wortwechsel, eine Stimme, die heftig Einlaß begehrte. „U m Gottes Willen, das ist ja die St im me d es h e i ß e r s e h n t e n V a t e r s!" Ehe ich mich »aber erheben konnte, riß der Knabe nieben mir die Türe auf und stürzte dem Davvrstehenden mit dein weinenden Jnbelruf: „Vater, mein Vater!" entgegen. Im nächsten Augenblicke aber hatte er seinen Irrtum erkannt und sank -bewußtlos zit Boden. Der b l i n d e Knabe schwebte z w i s ch c n Leben und T»od. Bald raste er in wilden Fieberphantasien, -bald lag er starr da, wie ein Mgeschiiedener. Ich saß, wie so oft, in tiefer Nachtstunde an seinem Lager, um »seine heiße Stirn, seine schmachtenden Lippen zu kühlen. Unser Arzt, dor troue Freund der blinden Kinder, »wollte nach Mitternacht wiederkommen, denn um »diese Zeit nutßte die Entsche'idlmg ein treten. Der zitternde Strahl der Nacht-