Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 5 (23.2.1922)
- Date
- 1922-02-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Nr. 5 _ Die B ehr Berenntnis und gibt damit zu oerslshen, /daß eidi« Dinge durch -das Mediuni feiner religiös -erglühten Seele so sieht. Diesem Subjektivismus entsprechend wählte er auch die neuen Bezeichnungen, „edles" und „unedles Unglück", ■ wo, wie wir sahen, bisher, ohne grundsätzliche Scheidung, von einem Schicksal gesprochen wurde, das wir als Ausfluß oder Reaktion mit unserem oder unserer Mitwelt Tun unmittelbar oder mittelbar in Verbindung bringen, und einem solchen, dessen kausaler Zusammenhang mit menschlicher Schuld nicht offen zu Tage liegt. Beide führen wir aus Gottes Gerechtigkeit oder seine Liebe zurück. Einzelne talmudifchc- Aussprüche bald nach der einen, bald nach der anderen Seite hin zu deuten, empfiehlt sich nicht. Sie vertragen fehle zu starte dogmatisierende Belastung. Auf die „Gnade" ein solches Gewicht zu legen, hat feinen guten p o lemische it;Sinn. Es gilt, mit einem Seitenblick auf das' Christentum dagegen zu protestieren, daß man das Judentum sich zu einer farblosen, blutleeren „Ethik" verflüchtigen lassen möchte. Die Demut, die Furcht vor Gott, die Begnadung, die man in der Gottesliebe empfindet, die Seligkeit, sich mit Gott vereint, in ihm Stutze und Halt zu finden, kurzum das religiöse Moment, bildet Kern und Stern des Judentums. Aber nie ohne engsten Zusammenhang mit der sittlichen Tat, mit der Auswirkung der Gottinnigkeit im sozial-ethischen Schaffen. Eine solche Tat ist vor allem Brods Buch selbst. Es wird Unzähligen ein Wegweiser zu verschütteten Quellen jüdisch-religiöser Erneuerung werden. Aber auch Eingeweihten dient er dadurch, daß er Altes in Gegenwarts- Worten, um seinen schonen Ausdruck zu gebrauchen, zu uns reden läßt, als.Vorbild, wie man zu diesen Schätzen der Vergangenheit der Jugend den Schlüssel schmiedet. Er bleibt nicht an Peripherien haften, er dringt in das Innerste der Sache. So bildet sein Werk eine höchst willkommene Einführung in wichtige Partien unseres talmudischen Schrifttums. Wir können chm nur vom Herzen danken. Ein Streik der Wiener Kantoren?) Von Josef Grob. Wenn dieser Fall nicht so traurig wäre, so -müßte man unendlich viel 'lachen über diesen eigenartigen. Streik. Kern Mensch weiß, baß die Wiener Kantoren str-eWen, da sie nach wie vor regelmäßig ihre Funktionen berschen und ihre Pflichten trotz der schweren Zeit restlos erfüllen. UM doch find es schon acht Monate, seitdem sämtliche Wiener Kantoven im Streik stchen, sie streiken nämlich gegen das Friedhofsamt der Wiener israelitischen KultusgemeiMe, indein sie seit acht. Monaten die Taxen für Funktionen bei Leichenbegängnissen nicht mchr einheben. Mau hat den Religionslehrern ihren semerzeitigen Streik übelgenommen. Als der kurzfristige Generalstreik sämtlicher Angestelltender Kultusgemeinde vor zirka drei Monaten proklamiert wuvde, ist derselbe sehr arg kritisiert worden. Gegen diesen eigenartigen, schon acht Monate währeMen Streik der Wiener Kantoven jedoch dürfte die Mische Oeffentlichkeit nicht viel oder gar nichts einzuwenden haben, da die Kultusgemeinde selbst diesem Streik ungemein fympachisch gegenMevftcht. Das heißt, der Vorstand der Kultusgemeinde hat gegen diesen Streik nichts einKUwenden uM würde es ihn gar nicht genieren-, wenn *) Wir bringen folgenden Artikel unter voller Verantwortlichkeit des Ve^assevö. hrheik dieser StreN in. seiner Art auch acht Jahre dauern würde. .Und das eben ist das Traurige, traurig für 'die rechtlos dastehenden Funktionäre, -nicht weniger aber beschämend für die große ehrwürdige Kultusgemeinde. Unter allen kranken Posten der Wiener Kultusgsmemde ift der einzi-g gesunde das Friedhofsamt, so daß man, falls man nicht gedrängt werden sollte, sich reiflich überlegen müßte, ob 'man sich den Luxus des Sterbens bei diesen hohen Besta-ttungsk-osten erlauben soll oder nicht. Und doch sind idie Honorierungen für kaNtorake Leichenfunktionen 'fchändlich. Es genügt, wenn die Ochsentlichikeit erfährt, daß der Kantor für feine Funktion bei einer 1. Klasse-Leiche, für welche seitens des Friedhofsamtes bei der Partei die Summe von Hunderttausenden eingchoben wird, einen Betrag von, sage und -schreibe, 16 Kronen bekommt, den oben erwähnten Ausruf als berechtigt zu finden. Was die Taxe bei einer 2.., 3. und 4. Klasse-Leiche ausmacht, soll hier gar nicht erwähnt werden. Ist doch schon der er-Massige Betrag genug beschämend. UM so haben die Wiener Kantoren im Monate Juni 1921 geschloffen, der Kultusgeineiude kundzugeben, daß sie nach wie vor die Funktionen -am Friedhof versehen, die Taxen aber nicht einyeben werden, bis nicht die Kultus-gemeinde die Funiktionstaxen' den Verhältnissen entsprechend, erhöhen wird. In Wind und Unwetter fahren die Kantoren über Aufforderung des Friedhofsamtes bis zur Schwechater Linije,- gehen in der grimmigsten Kälte bis zum dritten Tor des Friedhofes, sind bei der Funktion infolge der Kälte jeden Tag einer Erkältung oder, wenn es gut geht, -einer -Lungenentzündung äusgesetzt, und das Friedhofsamt , ist gern bereit, im Jahre 1922 für diese Leistung 6 Kronen für eine 4. Klaffe, Pardon! wir hätten nns bald verplauscht, 16 Kranen für eine 1. Klaffe zu bezahlen. Die Kantoren beschließen, auf die Taxe ftir 'kurze Zeit zu verzichten. Die Kantoren fahren nach wie vor zu Leichenfunktionen, der eine holt sich die Grippe und stirbt, der andere bekommt einen steifen- Fuß infolge einier zufällig am Friedhof geholten Erkältung. Der Vorstand schweigt. Es vergehen Monate, d-er Kantorenverein schreibt wieder an den KultusvorstaM. Ein Unrecht geschieht uns! Wer schert sichdarum. Acht Monate sind ins Wien-Land gegangen, die Kantoren singen am Friedhof ihr eigenes trauriges Lied und strL'iiken noch immer un!d nehmen keine Taxe. Der Wiener KultusvorstaM aber scheint nicht nur zu schweigen, sondern dürfte noch höchstwahrscheinlich lachen über diesen eigenartigen komischen, in Wirklichkeit aber sehr traurigen 'Streik -seiner kantovalen Funktionäre. Und weil dieser Streik so komisch, lächerlich und zuletzt so ungemein traurig ist haben wir uns entschlossen, von demselben der -Oeffentlichkeit MtttÄ-lung zu machen. Den Leidensweg, den der Kantor mitzumachen hat, bis er wirklich iim Besitze seiner armseligen Leichentaxe ift, zu schildern, behalten wir uns für einen späteren Zeitvaum vor. Für momentan wollen wir «abwarten, was der Wiener KultusvorstaM veranlassen wird, um dieseni eigenartigen Streik ein Ende zu machen. Gleichzeitig war es endlich -einmal höchste Zeit, die jüdische Oeffentlichkeit davon , in Kenntnis zu setzen, daß die Wiener Kantoren schon «acht Monate die Lei ch en funktid nen gratis versehen, d a die meisten nicht einmal die hohen St-xaß-enbahnspesey eiin- -kaffieren. Die Leidtragenden werden «gewiß einen Modus finden, ohne Vermittlung «des Friedhoftamtes den Kantor für seine mit den höchsten Strapazen verbundene Fnniktton entfprecheM zu honorieren. i'-i i“~- 1t:v.r "r: