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Die Wahrheit · 1922-02-23 · Heft 5 (23.2.1922) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1922
Issue
Heft 5 (23.2.1922)
Date
1922-02-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die SBtt|tfeil Seite 9 0h. 6 vermögen. Oder aber man verwies auf ein Leben im Jenseits, in dem alle Disiouanzen des Diesseits ihren Ausgleich finden und die Tugend belohnt, das Laster bestraft wird. Weit verbreitet ist auch der Glaube an eine Seelenwanderung, wonach der Mensch rm Leiden eine Buße erblicken muß für irgend ein Vergehen, das er hi einem früheren Dasein begangen hat. Am landläufigsten ist der Hinweis auf die läuternde, erzieherische Kraft, die dem' Leiden i-mvewohne. . sinnlos ist jedenfalls die radikale Leugnung einer Gottheit. Sie fand eine starke Stutze in der fortschreitenden Naturerkenntnis, -die den Zweifel an einer Allgute noch durch den Widerspruch gegen eine Allweisheit verstärkte, indem man zahlreiche Beispiele ins Treffen führte, in denen die Natur Stümperarbeit geleistet oder geradezu Zweckwidriges geschaffen habe. Es ist hier nicht der Ort darzutun, wie moderne Forschung zum Schlüsse dort anlangt, wo schon der Ausgang der altjüdischen Weisheit lag, das ist die Furcht Gottes. Wir können die tiefsten Schächte des Wißbaren erschöpfen, am Ende stehen wir doch, wie ein Kind, ratlos vor dem Rätsel des Lebens. „Das unserem Menschengeist Verschlossene überlasse man Gott. Das uns Offenbare bleibt uns und unseren Kindern mit der Forderung der Tat im Einklang mit Gott." Die zwei Mächte, die in unserer kleinen Menschenwelt als der gute und der böse Trieb in Aktion treten, sind augenscheinlich im ganzen unseren Sinnen zugänglichen Kosmos tätig. Den religiösen Dualismus, dessen Gefahr hiernach so nahe liegt, hat das Judentum überwunden, indem es einen Gott postuliert, der über >dem Kampf dieser beiden Mächte steht, sie beide geschaffen hat und in diesem struggle of life sowohl dem Kosmos wie dem menschlichen Mikrokosmus die Möglichkeit und das Ziel gesetzt hat, sich zu bilden. Wie es auf intellektuellem Gebiet kein Erbe gibt, das nicht immer von neuem erworben und üiberprüst werden muß, um fortgebildet zu werden, wie im sittlichen Revier jeder von neuem anfangen und die überlieferten Normen m der eigenen Erfahrung bewähren muß, um einen Fortschritt zu ermöglichen, so . gehört schon zum Bestand der ältesten jüdischen Weisheit die Erkenntnis, daß auch im Kosmischen Entwicklung und Auslese die Faktoren bilden, die das flutende Leben regulieren. Gott schuf die Welt laasfoth, das heißt zur Auswirkung eines innewohnenden Dranges nach einem ihr zu Grunde gelegten. Plan. Er gab dem Menschen Erkenntnis des ihm Erkennbaren laassoth, zur Entfaltung seiner' sittlichen Kraft nach den ihm in Offenbarung und Ueberlieserung dargebotenen Leitsätzen. In dieser Entwicklung, der Natur aus der einen, dem bewußten Streben des Geistes auf der anderen <Äite liegt der Sinn des Lebens. Im sittlichen Kamps treffen ' beide Seiten zusammen. Im einzelnen Menschen ringen Geist .und Natur miteinander als Pflicht und Trieb. Die Menschheit als Ganzes erweitert ihren Machtbereich gegen den ständigen Widerstand der Natur in Bändigung ihrer Kräfte. .Dem in diesen Kampf verstrickten Menschen erscheint als Ideal der Sieg, die Macht, der Ruhm. Der ideale Mensch ist der körperlich Uebermächtige, der Held, oder der formende Ueberwinder des Stoffes, der Künstler, oder der Beherrscher, seiner Triebe, der Weise. In diese Ideale ergießt sich das gesamte Streben der erdgebundenen Menschen: Kraft und Macht, Schönheit und Weisheit. In fernem Kampfe bleibt er sich selbst überlassen. lieber chm schwebt ein blindes Schicksal. Hier liegt die Wurzel des heidnischen Pessimismus, trotz aller praktischer Lebensbejahung. Ein ganz neues Ideal stellte das Christentum auf. Das Leiden des Menschen fft kein unentrinnbares Los, nicht die Ananke, die Moira des Griechen. Es gibt einen Weg der Erlösung, gebahnt durch einen temporären Vorgang, den Sühnetod des Heilands, eine Brücke, die zur Gnade Gottes führt. Ohne den Glauben an dieses Mysterium und hiermit zusammenhängende Dogmen ermangelt die edelste Tat chves Wertes. Die Tugenden der Heiden sind nur glänzende Laster. Das Ideal ist 'der Heilige, der sich allem irdischen Treiben fenchält und dadurch seiner Seele das ewige Heil sichert. Dieser Verzicht auf das Diesseits zugunsten einer jenseitigen SeeliigLeit macht die Erde zu einem Jammertal. Entsagungsfteudigkeit steht hier gegen die Sinnenfreude und Genußseligkeit des Heiden. Der irdische Kampf ist nicht von Gott gewollt. Er dient ja nicht zur Erhöhung der Seele. Seine Erfolge sind Anfechtungen 'des Satans. Daher Jndifferentismus allen sozialen und politischen Fragen gegenüber. Weltverneinung in der Theorie, nur als Inkonsequenz und Sunde Löbensbejahung in der Praxis. Das Judentum hat den unendlichen Wert und göttlichen Ursprung der Menschenseele zuerst verkündet. Diesen überirdischen Ursprung bekundet sie, indem sie alles Irdische, das sie berührt, adelt, in ihre höhere Lebenssphäre 'enrporzieht. Das Reich Gottes fft nicht auf eine andere Welt beschränkt. Es soll hier aus Erden begründet werden. Während die einzelne Seele.aus 'dem Grdenkampfe, wenn es dem Schöpfer gefällt, zurückgezogen wiirttz wirkt, was sie hienieden Gutes gestiftet, weiter im Diesseits, weiter mit an 'dem Fortschritt zum Weltfrieden, zum Erdenglück, zur sittlichen Vollendung der Menschheit. Die sittliche Tat, gleichvwel von wem vollbracht, steht im Zentrum unseres irischen Berufes. Sie allem gibt die Anwartschaft aus die Seligkeit im Jenseits. Solche Seligkeit kostet aber schon hier auf Erden, wer hier Stütze und Trost gefunden in der Liebe zu Gott, die '«ins fft mit der Liebe Gottes. Diese Verbindung mit Gott gibt auch der Seele die richtige Einstellung allem Unglück gegenüber. Die unbedingte göttliche Gerechtigkeit schließt jed< Willkür aus. Was uns Uebles trifft, können wir entweder als gerechte Sühne für eine begangene Untat selbst erkermen, oder es dient zur Läuterung unserer Seele, ohne daß wir uns über die Absicht, die Gott dadurch mit uns verfolgt, sogleich klar werden. Für alle Fälle nehmen wir jäe „Prüfung" als solche, als einen Ausfluß der göttlichen Liebe in Ergebung hin. Was wir Gutes erfahren, schreiben wir dem Verdienst unserer Vorfahren zu, oder es ist eine Errnutigung, die uns Gottes Liebe zuteil werden laßt. GM bleibt gerecht in all seinem Tun. Somit fft das Diesseits mit seinen Kämpfen gottgewollt, Mr unser Seelenheil von fundamentaler Bä>eutung, die Arena, in der die Menschheit den Kampf um ihre Selbsterlösung auszusechten hat. Der religiöse Einschlag in diesem Kampfe ist der beständige seelische Zusammenhang mit Gott, die Festigkeit im Vertrauen auf seinen Beistand und. der Glaube an die Erreichbarkeit der uns von ihm gesteckten. Ziele. So spricht unverwüstlicher Optimismus, echte Lebensbejahung, so spricht das Judentum. Diese nüchtern schlichte Darstellung eines religionsgeschichtlichen Taffachenbeftandes soll kein Ablehne« der Ausführungen Brods bedeuten. Er selbst nennt fein Buch

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